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Kai Sender
Sozialarbeiter
Bremen
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Nachrufe

Es wurden 1104 Nachrufe gefunden

17.02.2019

Dieser Druck, immer der Erste sein zu müssen

Nachruf auf André Campioni. (Geb. 1961)
In Travemünde kann man wohl glücklich sein. Tony Buddenbrook war es, und auch André Campioni, beide in ihren jungen Jahren, während der Sommer. Da ist das Rauschen der Bäume, vermischt mit dem des Meeres; das rhythmische Auslaufen der Wellen; der frische Salzwind im Gesicht, der einen angenehmen Schwindel erzeugt, der jedes Geräusch, ob fern, ob nah, geheimnisvoll dämpft. Da ist der Sand, mal weich, mal geglättet und fest. Merkwürdig, hatte Tony gesagt, an der See kann man sich nicht langweiligen.

17.02.2019

Was ist das nur für ein seltsamer Sommer? Juli und August sind kalt und arm an Sonnenschein. Die heißen Tage des Jahres 1919 kommen erst Mitte September. Wolkenlos und 34 Grad. Als wollte das Wetter der gerade geborenen Gertrud Liebenau einen Ersatz für die verlorene Wärme des Mutterleibs geben. Ihre Kindheit dann ist gut behütet, trotz der unruhigen Nachkriegszeit. Der Vater hat ein geregeltes Einkommen - auch wenn es nicht für alles reicht. So steht die junge Gertrud irgendwann vor der Wahl: höhere...

17.02.2019

Sein Vater, ein Studienrat, war hilflos. Seine Mutter, eine Hausfrau, war untröstlich. Was sollte nur aus ihrem Jungen werden? Kein Interesse an der Schule. Noten, Leistungen, Zukunft, all das schien Michael egal zu sein. Ein Mittlerer war er, ältere Schwester, jüngerer Bruder, und beide waren anders, so strebsam, so ernst mit dem Leben beschäftigt. Michael nicht. Michael war lieber draußen, in jeder freien Minute stromerte er mit Freunden durch die Straßen, führte die Bande in neue Abenteuer rund...

10.02.2019

Ja, er hatte sich seinen Sohn anders vorgestellt. Wie, hätte der bekannte Journalist des RIAS Heinz Frentzel wohl auch nicht sagen können, aber anders. Geistiger vielleicht. Wirkte dieser Junge nicht irgendwie bäuerisch, naiv? Heinz Frentzel zählte die Bauern nicht zur Kernträgerschaft der abendländischen Bildung. Michael ist ein kleines Kind, wird die Mutter dem Vater erklärt haben, kleine Kinder sehen fast immer bäuerisch aus, also eher rundlich, zumindest haben sie keine scharfen Asketengesichter.

27.01.2019

Andererseits lebt man ja nur einmal

Nachruf auf Moritz Kwasigroch (Geb. 1999)
Es war die Nacht des 24. März 2018, als Moritz zum letzten Mal tanzen ging. Einen Monat davor hatte er seine zweite Diagnose bekommen, diesmal waren es Metastasen in der Lunge. Ja, er war nicht mehr der Oberfitteste, aber da ging noch was. So erzählt es sein Freund, der ebenfalls Moritz heißt. Gefühlt hieß ja jeder Moritz in den Jahrgängen um die Jahrtausendwende.

27.01.2019

Akt fünf, Szene drei. Das Feld bei Bosworth, am Abend vor der entscheidenden Schlacht zwischen Richard III. und Richmond.

20.01.2019

Die längste Zeit ihres Lebens war sie Sowjetbürgerin, wohnhaft in Kasachstan. In ihrem Ausweis stand „Nationalität: deutsch“. Ihr ältester Sohn Viktor, befragt danach, was seine Mutter eigentlich war, Russin, Deutsche, Russlanddeutsche, legt sich folgendermaßen fest: „Meine Mutter war Angsthase.“...

13.01.2019

Kreuzberg, Heinrichplatz, die Gastwirtschaft „Zum Goldenen Hahn“: je nach Sichtweise Weltkulturerbe, Literaturraststätte oder Absturzkneipe, auf jeden Fall weit über die Kiezgrenzen hinaus bekannt. Klaus ist der Wirt. Seit dem Herbst stimmt irgendwas nicht mehr mit ihm. Er trinkt kaum noch, ist still, das Zigarettendrehen mit dem Schwarzen Krauser misslingt. Abgenommen hat er, und nüchtern wirkt er noch verpeilter, als wenn er einen in der Krone hat.

13.01.2019

Sie saß im Berliner Olympiastadion am 9. August 1936, fieberte mit beim Finale des 4-mal-100-Meter-Staffellaufs der Frauen: unglaubliche acht Meter Vorsprung für Marie Dollinger, die den Stab an die Schlussläuferin Ilse Dörffeldt weiterreicht - doch der Stab fällt zu Boden. Aus der Traum von Gold.

23.12.2018

Sie brauchte die Gesellschaft. Eine Stimme in der Wohnung, die nicht die eigene ist. Mit jemandem reden, mehr als das gelegentliche „Hallo“ mit den Nachbarn. Und sie brauchte das Geld, denn ihre Rente lag nur wenig über dem Existenzminimum. Das, was sie am liebsten tat, konnte sie sich kaum mehr leisten: reisen. Wenn es ihr gelungen war, etwas zusammenzusparen, ging sie zum ZOB, dem Zentralen Omnibusbahnhof, fragte am Schalter, für welche Strecke es noch ein günstiges Ticket gab und fuhr einfach...