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27.01.2019
Nachruf auf Volker Wuttke (Geb. 1947)

Ein Huhn, das flatternd in Flammen aufgeht. Ein blecherner Hund mit Raketenantrieb

von Tatjana Wulfert
Akt fünf, Szene drei. Das Feld bei Bosworth, am Abend vor der entscheidenden Schlacht zwischen Richard III. und Richmond.
Richard: „Nun, ist mein Sturmhut leichter, als er war? Und alle Rüstung mir ins Zelt gelegt?“
Richmond: „Ja, gnäd'ger Herr; 's ist alles in Bereitschaft.“
Hinter der Bühne, kurz vor der Aufführung.
Regisseur: „Liegt die Rüstung bereit?“
Volker: „Aber ja, alles da.“
Volker Wuttke war Rüstmeister am Theater. Ein Rüstmeister fertigt Panzer, Harnische, Brigantinen, Schwerter und Schilde. Doch seit den 10er, 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erklärten die Theatermacher, der historisierende Klimbim verstelle den Blick, das Moderne der Stücke verschwinde hinter einem verstaubten Naturalismus, und so bekam Richard III. jetzt ein Waschbrett vor die Brust und einen Teekessel auf den Kopf. Das Betätigungsfeld des Rüstmeisters schrumpfte, zunächst, wurde dann aber auch wieder größer.
Volker Wuttke erfand den Beruf des Rüstmeisters neu. Er fertigte jetzt alles, was aus Metall bestand, Schmuckstücke, Kronen, Tierkörper, ganze Stadtteile; er verwendete neben Metall auch Leder, Holz, Kunststoffe. Schuf nicht nur Teile der Kostüme, sondern auch der Bühne, alles, was sich bewegt, komplizierte Mechaniken, Motoren, pyrotechnische Effekte inklusive. Ein Huhn, das flatternd in Flammen aufgeht: eine Attrappe, mit Federn beklebt und mit Brennpaste bestrichen. Ein blecherner Hund mit Raketenantrieb, der einem Schauspieler hinterherrennt. Trickdolche und Trickschwerter, mit lockeren, stumpfen Klingen. Eine mittelalterliche Stadt, die lodernd im Bühnenboden versinkt. Ein überdimensioniertes Star- Wars-Gewehr, das ins Publikum schießt, wo einige Darsteller sitzen mit schlimmen Schusswunden in Kopf und Körper, eine Illusion, die zur Irritation wird. Eine Schlacht bei „Macbeth“, überall Blut, das aus einem riesigen Druckkessel kommt und in alle Richtungen spritzt.
Die Regisseure und Bühnenbildner waren glücklich, dass er fast alles, was sie sich ausdachten, ermöglichte. Ein Virtuose in seinem Fach. Hoch konzentriert arbeitend, abgetaucht in seine Welt. Er stand in der Werkstatt und schnitt und hämmerte und drehte und fräste. Maschinenbauer war er, mit 17 ist er in Fürstenwalde in die Lehre gegangen. Dann zog er nach Berlin, bekam die Lehre zum Rüstmeister an der Staatsoper Unter den Linden, entdeckte das Bohemeleben, saß zwischen Malern, Schriftstellern und Theaterleuten, die allesamt von der Staatssicherheit beobachtet wurden. Dass in jedem Künstler auch ein Dissident stecken musste, war ja ein Missverständnis, denn viele von ihnen sprachen einzig über ihre Kunst und tranken dann noch einen und rauchten noch eine.
Auch Volker interessierte sich nicht fürs Politische. Er war Individualist, eingeengt im Mauerland. Die Welten, die er für die Bühnen entwarf, reichten irgendwann nicht mehr, er wollte raus in die echte weite Welt und stellte einen Ausreiseantrag.
Nach den üblichen Schikanen entließ man ihn, er reiste sofort los, insgesamt fünfmal nach New York, zehnmal nach Rom, wohnte eine Zeit lang in Venedig. Nach Arbeit musste er nicht suchen, im Schillertheater nahmen sie ihn sofort. Als das Haus 1993 geschlossen wurde, ging er ans Aalto-Theater in Essen. Die Werkstatt dort war ein Traum, und dennoch fühlte er sich todunglücklich. Er sehnte sich nach Berlin, seinem West-Berlin, nach dem Ku'damm, nach dem KaDeWe. Das Trashige, wofür andere in die Stadt kamen, nervte ihn. Er verstand nicht, wie man vom Müll so angezogen sein konnte. Vielleicht hatte das mit dem ewigen DDR-Grau zu tun, das ihn so angeödet hat.
Als ihn in der Nacht des 9. November 1989 eine Cousine aus den USA anrief und sagte: „Mensch, Volker, die Mauer ist auf“, sagte er nur „Quatsch“ und legte sich zurück ins Bett. Spazierte am nächsten Tag ins KaDeWe und begriff gar nicht, warum hier plötzlich so viele schlecht gekleidete Menschen rumrannten. Er fragte die Kassiererin, die nun ihrerseits staunte: „Ja, haben sie denn nichts mitgekriegt?“ All diese Leute von früher, die jetzt in sein West-Berlin strömten, wollte er im Grunde gar nicht sehen. Er hatte abgeschlossen mit dem Thema DDR.
Und nun Essen. Ein Jahr später zog er nach Düsseldorf und pendelte hin und her. Düsseldorf war ganz nach seinem Geschmack, elegant, gut angezogene Leute, Designläden. Er gab viel Geld aus für Lampen und Möbel, meist im Bauhausstil. Er leistete sich feine Hemden und Hosen. In etlichen dieser edlen Boutiquen sprach man ihn mit seinem Namen an. Dennoch: An seinem ersten Tag als Rentner stand der Möbelwagen vor der Tür. In Berlin wollte er jetzt seine Zeit genießen und noch so viel durch die Welt reisen wie möglich. Doch seine Mutter wurde krank, er kümmerte sich um sie rund um die Uhr. Eine Selbstverständlichkeit für ihn und kräftezehrend.
Ein Tumor, von dem er nichts wusste, steckte da schon in seinem Kopf. Am 7. November, er machte gerade die Wohnung sauber, fiel er um und starb. Tatjana Wulfert
Friedrichswerderscher Kirchhof an der Bergmannstraße in Berlin-Kreuzberg. Foto: Doris Spiekermann-Klaas