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20.01.2019
Nachruf auf Irma Baisel (Geb. 1939)

In ihrem Ausweis stand „Nationalität: deutsch“. Was hieß das denn in Kasachstan, in Pankow? Wie lebt man, wenn man nicht dazugehört?

von Ensikat David
Die längste Zeit ihres Lebens war sie Sowjetbürgerin, wohnhaft in Kasachstan. In ihrem Ausweis stand „Nationalität: deutsch“. Ihr ältester Sohn Viktor, befragt danach, was seine Mutter eigentlich war, Russin, Deutsche, Russlanddeutsche, legt sich folgendermaßen fest: „Meine Mutter war Angsthase.“
Oft hat sie ihn angefleht: „Beschütz mich, Viktor!“, so wie sie zuvor ihren Mann angefleht hatte. Da genügte der Brief irgendeiner Behörde, den sie sich nicht getraute, aufzumachen.
Das Gefühl, ausgeliefert zu sein, schutzlos, heimatlos, hat sich ihr eingegraben. Aber wo fangen wir an, das zu erklären? Sie war eine kleine Frau, umso mächtiger hat die große Geschichte ihr Leben bestimmt. Kohl und Gorbatschow spielen eine Rolle. Hitler und Stalin. Und eigentlich schon Katharina die Große, die wohl bekannteste Russlanddeutsche vor Helene Fischer. Die Zarin Katharina nämlich, geboren in Stettin, wohnhaft in St. Petersburg, lud vor 250 Jahren deutsche Bauern ein, ihr Riesenreich zu besiedeln, Boden gratis, Religion egal. Viele Tausend kamen, die meisten an die Wolga, und sie blieben unter sich, Deutsche heirateten Deutsche, sie gründeten Orte namens Kraft, Neu-Messer, Gnadenfeld. Zu ihnen gehörte ein Bauer namens Baisel. Niemand weiß, woher er kam, auf jeden Fall war es der Vorfahr von Irma und hätte wohl gesagt: Heimat ist, wo ich den Pflug durch den Acker ziehe.
Es kam das 20. Jahrhundert, es kam die Revolution. Stalin zimmerte aus mehr als 100 Nationalitäten sein Sowjetreich. Ein Teil davon war die nicht sonderlich autonome „Autonome Sozialistische Republik der Wolgadeutschen“. Man sprach weiter Deutsch und lebte Haus an Haus mit Russen, mit denen man sich nicht vermählte, aber auch nicht stritt. Die große Politik erreichte den Bauernhof der Baisels, als Stalin mit dem Sozialismus ernst machte. Der Hof gehörte fortan zu einem staatlichen Großbetrieb, „Sowchos“ genannt, der alte Hofherr, Irmas Großvater, wurde verbannt, niemand wusste wohin.
Seine Tochter, Katarina Baisel, brachte am 28. November 1939 ihr sechstes Kind auf die Welt und wäre nicht im Traum darauf gekommen, ihm einen russischen Namen zu geben. Das Mädchen war deutsch, es sollte Irma heißen. Der Geburtsort, laut Urkunde, trug den nüchternen Namen „Sowchos 97“.
Drei Monate vor Irmas Geburt hatten der deutsche und der sowjetische Außenminister einen Vertrag unterschrieben, der als „Hitler-Stalin-Pakt“ bekannt werden sollte. Er hielt zwei Jahre, dann schickte Hitler seine Wehrmacht gen Moskau. Die Deutschen waren jetzt Feinde des sowjetischen Volkes. Und die Wolgadeutschen? Waren Deutsche und wurden folglich aus ihrer Wolgaregion verbannt. Viele nach Sibirien, die meisten in die kasachische Steppe.
So auch die Baisels. 24 Stunden hatten sie Zeit, die paar Dinge zu packen, die sie mitnehmen durften, dann ging es im Güterwaggon nach Kasachstan. Die Reise dauerte Wochen. Sie dursteten, sie hungerten, Menschen wurden krank, Menschen starben. Irma, noch keine zwei Jahre alt, hockte dazwischen. Man muss sich später an so etwas nicht erinnern, um dennoch tief davon geprägt zu sein.
Häuser für die Neuankömmlinge gab es nicht, sie mussten sie sich selber bauen. Weil das Material fehlte, waren es eher Gruben mit Dächern obendrauf. Nach einem Jahr verschwand Irmas Vater, er musste in der sogenannten Arbeitsarmee schuften und starb dort - offiziell an einer Pilzvergiftung. Dass es Irmas Mutter gelang, ihre schließlich sieben Kinder durchzubringen, grenzt an ein Wunder.
Eine von Irmas frühesten Erinnerungen: die Angst vorm Briefträger. Der kam alle zwei Wochen in das Dorf, in dem mehr Kasachen und Russen wohnten als deportierte Deutsche, und er brachte, es war noch Krieg, immer wieder Todesnachrichten von der Front. Wer war schuld am Tod der Söhne und Familienväter? Die Deutschen. Die Baisels schlossen sich in ihrem Haus ein, wenn der Briefträger kam, und erwarteten das Schlimmste.
Das Schlimmste geschah nicht, aber es klang immer mit, wenn jemand sie „Faschisten“ nannte, weil sie die Sprache der Faschisten sprachen. Man stelle sich das einmal vor: Die sechsjährige Irma kommt in die Schule und muss erst einmal Russisch lernen. Zu Hause spricht man nach wie vor nur Deutsch. Ein weiteres Lehrstück im Nichtdazugehören. Mit 14 war Schluss mit der Schule, Deutsche durften nicht länger lernen. Irma wurde Melkerin, sechs Tage in der Woche vom Morgengrauen bis in die Dunkelheit. Wenn sie später von dieser Zeit erzählte, betonte sie, dass sie zwischendrin auch eine Stunde schlafen durfte. Bei allen Härten, die sie durchzumachen hatte, behielt sie eine Dankbarkeit für die bescheidenen Erleichterungen. So schlimm war's doch nicht. Sie hatte überlebt.
Dass das nicht selbstverständlich war, lernte sie von ihrem Stiefvater. Die wahrscheinlich härteste Lektion in ihrem Leben hatte nichts mit ihrem Deutschsein zu tun, aber viel mit dem verdammten Krieg, der lange nicht vorüber war, nachdem die Deutschen im Tausende Kilometer entfernten Berlin längst kapituliert hatten.
Anfang der 50er Jahre kam ein Mann aus der Gefangenschaft in das kasachische Örtchen. Er kehrte nicht heim, sondern er war hierher verbannt worden, auf Bewährung gewissermaßen. Er klopfte an viele Türen, viele ließen ihn nicht ein. Irmas Mutter tat es, der Mann wurde Irmas Stiefvater. Er stammte aus Estland, aus der Oberschicht, ein Mann von guter Bildung, Offizier in der Armee. Als die Deutschen Estland okkupierten, setzten sie Männer wie ihn für die grausamsten Dinge ein, die sie im Osten anrichteten. Er sprach davon nicht, er ließ es seine Stiefkinder spüren.
Wenn er betrunken war, tief in der Nacht, holte er sie aus den Betten, ließ sie im Hof antreten und tat so, als würde er sie erschießen. Sie mussten dann umfallen, so wie damals an den Gruben die Juden und die Kriegsgefangenen umgefallen waren. Er hat die Kinder jahrelang misshandelt. Wenn Irma später darüber sprach, wollte das niemand hören. Der Stiefvater war doch ein so kluger Mann gewesen, er hatte doch dafür gesorgt, dass es der Familie besser ging, wozu die alten Geschichten aufwärmen, das nützt doch niemandem etwas.
Die Mutter hat Irma nicht geholfen, auch das hat sich ihr eingebrannt. Immerhin, einer ihrer Brüder hielt zu ihr. Zu ihm konnte sie fliehen, wenn es zu schlimm wurde. Mit ihm hat sie sogar Pläne geschmiedet, den Stiefvater loszuwerden. Dazu kam es nicht. Sie zog mit 17 zu Hause aus und bei dem Bruder ein. Der Rest der Familie hatte dafür wenig Verständnis. Eine junge Frau verlässt die Eltern nicht, bevor sie heiratet. Unter den Russlanddeutschen waren die Regeln dessen, was man zu tun und was man zu lassen hat, besonders streng. Ein Versuch, Ordnung ins unordentliche Dasein zu bringen.
Eine dieser Regeln: Man heiratet untereinander. Viktor, Irmas Bräutigam, war ebenfalls ein „Nemjez“, Deutscher. Sie war 19, sie zog zu ihm, wo sein Vater, ein Bauer, über alles herrschte, auch über das junge Paar. Ihre Urerfahrung, fremdbestimmt zu leben, setzte sich fort.
Was für eine Befreiung aber, als die beiden eine eigene Wohnung bekamen, als ein eigenes Leben begann. Vier Kinder brachte Irma zur Welt. Dass sie dem ältesten Sohn den Namen ihres Mannes, Viktor, gab, zeigt, wie sehr sie den Mann liebte. Was immer er tat, er war ihr Held, ihr Retter. Auch ihre Kinder spürten das: Papa steht an erster Stelle, viel weiter hinten kommen wir.
Die wohl schönste Zeit in Irmas Leben begann Anfang der 70er Jahre. Endlich durften Russlanddeutsche ihren Wohnsitz frei wählen, die Familie zog in eine Neubauwohnung mit drei Zimmern in Schtschutschinsk, einem Städtchen im Norden Kasachstans mit Wald und Bergen ringsumher, dessen berühmteste Einwohner ein paar Skifahrer und eine Kunstflugpilotin sind. Irma und ihr Mann arbeiteten bei der Post, ihre Welt war eine durch und durch normale. Man sprach Russisch, man fiel nicht auf.
Die Kinder ahnten wegen ihres merkwürdigen Nachnamens, dass die Familiengeschichte eine besondere war. Auch hörten sie ihre Eltern manchmal diese fremde Sprache sprechen. Wenn es bei der Großmutter am 25. Dezember ein Festessen gab, dann erfuhren sie nicht, dass es sich um einen Weihnachtsbrauch handelte. Am 31. Dezember wurde, wie in der Sowjetunion üblich, „Jolka“ gefeiert - mit einem roten Stern auf dem Tannenbaum.
Was von der alten Welt sonst noch übrig war? Die große Baisel-Familie, Geschwister, Onkel, Tanten; wenn sie sich trafen, waren das riesige Veranstaltungen. Von Kasachen und Russen unterschied sie ihr Autarkiebedürfnis. Die Deutschen mit den bäuerlichen Vorfahren betrieben, auch wenn sie in Neubaublocks wohnten, ihre Gärten und versorgten sich, so gut es ging, selbst. Sie kamen bei Schlachtfesten zusammen, sie aßen Wurst und Gemüse aus eigener Produktion.
In die größere Gesellschaft fügte sich Irma trotzdem ein. Sie traf sich mit Nachbarn, sie sang in einem Frauenchor russische Lieder. Schon mit 50 ging sie in Rente, das war nicht unüblich für eine Mutter mit vier Kindern. Auch wenn die Kinder inzwischen ihre eigenen Wege gingen, die sich kaum von den Wegen der Nachbarskinder unterschieden, obwohl auch in ihren Ausweisen die deutsche Nationalität vermerkt war.
Dieser Vermerk sollte eine Rolle spielen, als wieder ein Umschwung in der Weltgeschichte stattfand, irgendwo in der Ferne, in Moskau, in Berlin. Michail Gorbatschow machte das betonharte Sowjetsystem porös; die Deutschen rissen ihre Mauer ein; der deutsche Kanzler verhandelte mit Gorbatschow. Die Deutschen in der Sowjetunion durften sich ab sofort ihres Deutschtums besinnen. Ihre alten Gebiete an der Wolga bekamen sie nicht zurück, aber sie konnten nach Deutschland ausreisen, in das Land, aus dem einst ihre Urahnen gekommen waren, später die Faschisten, und von dem es nun hieß, es sei unermesslich reich. War das - die Heimat?
Je schwieriger in den 90er Jahren die Situation in Kasachstan wurde, die Wirtschaft brach zusammen, Geld wurde entwertet, der Strom fiel immer wieder aus, desto näher lag der Gedanke. Ein Neuanfang, diesmal ein freiwilliger. Irma Baisels Kinder, die kein Deutsch sprachen, machten den Anfang, und es war alles andere als leicht für sie, heimisch zu werden in der neuen Heimat. Ihre Eltern sollten ihnen trotzdem folgen. Als sich ihr Mann entschloss, umzuziehen, zog Irma selbstverständlich mit. Über ihr Schicksal hatten immer schon die anderen bestimmt.
1997 kamen sie nach Deutschland, nach Berlin. In Pankow fanden sie eine Wohnung, ihre Rente wurde berechnet, sie war klein, aber klein waren auch ihre Ansprüche. Und die große Familie Baisel war wieder beisammen; der ganze Tross war weitergezogen, während des Krieges unter Zwang zweieinhalbtausend Kilometer ostwärts, jetzt freiwillig viereinhalbtausend Kilometer westwärts.
Aber etwas fehlte. Der Garten, in dem sie so viel Zeit verbracht hatten. Die vielen Nachbarn, die sie so warm und traurig verabschiedet hatten. Das Deutsch, das die Leute hier sprachen, klang anders als das ihre. So hielten sie sich zurück, sprachen lieber Russisch und ließen ihre Kinder die Behördengänge machen.
Nach nur fünf Jahren starb Viktor, Irmas Mann. Was sollte jetzt werden? Er hatte ihr alles bedeutet, nichts, das nicht er entschieden hätte. Jetzt fühlte sie sich allein und ausgeliefert. Sie erlitt einen Schlaganfall, einen leichten, von dem sie sich mit einer Reha gut hätte erholen können. Aber wozu noch aufstehen? Wohin sollte sie denn gehen? Pflege wurde organisiert, und sie war tatsächlich ausgeliefert. Sie lag sich wund, musste ins Krankenhaus.
Und schließlich wurde doch noch alles gut. Viktor, ihr ältester Sohn und nun auch ihr Beschützer, fand eine Pflege-WG in Marzahn. Da lebten nur Russlanddeutsche, so wie sie. Man sprach Russisch, man aß russisch, man sang russisch. Es war, als sei sie nach Hause gekommen, endlich. Sie färbte sich die Haare wieder, sie empfing Besuch, sie wirkte wie ausgewechselt. Heimat: der Ort, an dem man sein kann, wer man ist. Russin? Deutsche? Angsthase? Ganz egal. Sie fiel nicht auf. Sie war normal. David Ensikat
St.-Thoma s- Friedhof an der Hermannstraße in Berlin-Neukölln. Foto: Doris Spekermann-Klaas