Zurück zur Startseite
Trauerfall melden
13.01.2019
Nachruf auf Waltraut Mindak (Geb. 1921)

So fremd sie sich als Menschen waren, so unbeirrt hielten sie als Ehepaar zusammen

von Gregor Eisenhauer
Sie saß im Berliner Olympiastadion am 9. August 1936, fieberte mit beim Finale des 4-mal-100-Meter-Staffellaufs der Frauen: unglaubliche acht Meter Vorsprung für Marie Dollinger, die den Stab an die Schlussläuferin Ilse Dörffeldt weiterreicht - doch der Stab fällt zu Boden. Aus der Traum von Gold.
Von diesem Rennen hat Waltraut noch im hohen Alter immer wieder erzählt. Wie schnell ihre eigenen Träume zu Tränen gerannen, hat sie hingegen nie erwähnt. Ihr Vater war ein erfolgreicher Ingenieur, ihre Mutter liebte das Klavierspiel. Beide ermunterten Waltraut zur Ausbildung als Fotografin, ein moderner, ein künstlerischer Beruf, aber als der Krieg ausbrach, waren nur noch ihre technischen Fertigkeiten gefragt. Die Mutter starb im Sommer 1940, sie war seit der Geburt der Tochter chronisch nierenkrank. Der Bruder, kurz nach Kriegsbeginn eingezogen, galt bald darauf als verschollen. Das Elternhaus brannte ab. „Im Krieg waren Schüsse und Tod, Täuschung und Hoffnungslosigkeit“, erinnerte sie sich später. „Wir waren im Bunker, das Leben gab es nicht mehr, nur noch Überleben.“
Und dann geschah das Unerwartete, es wurde Frühling. „Irgendwann kam das Grün an die Bäume, die Knospen gingen auf, die Blüten erschienen. Das konnte niemand beeinflussen, das hat keiner gesteuert in der Zeit, in der so viel befohlen und manipuliert wurde.“
In der Eisenbahn begegnete Waltraut 1943 dem jungen Sanitätsoffizier Hermann Mindak, wenige Tage des Kennenlernens und eine schnelle Entscheidung. Zur Hochzeit gab es Fronturlaub. Waltraut zog nach Potsdam, überstand unversehrt die Luftangriffe der Alliierten und, dank des Neugeborenen im Arm, den Einmarsch der russischen Soldaten.
Keine Nachricht von ihrem Mann. Sie zog zu ihrem Vater nach Lichterfelde. Vier Jahre nach Kriegsende kehrte Hermann Mindak aus der Gefangenschaft zurück. So fremd sie sich als Menschen waren, so unbeirrt hielten sie als Ehepaar zusammen. Zwei weitere Söhne wurden in großen Abständen geboren. Das Leben schien eine gute Wendung zu nehmen. Hermann übernahm eine Praxis in Neukölln, Waltraut sorgte für den Haushalt und die Buchführung. Sie erwarben ein kleines Einfamilienhaus, die Autos wurden größer, die Urlaube anspruchsvoller.
Waltraut war nie eitel. Auf teure Kleider legte sie keinen Wert, ihre Frisur war schlicht, der Lippenstift lag ganz hinten im Schrank. Eigene Wünsche gönnte sie sich nicht. Es war ein Leben, wie es viele in den Wirtschaftswunderjahren führten. Nicht wirklich glücklich, nicht unglücklich. Alle waren gut versorgt, aber jeder irgendwie allein.
Fotografiert hat sie in all den Jahren nie, nicht einmal ihre Kinder. Der älteste Sohn Ulrich hatte ihre künstlerische Neigung geerbt, aber der Vater bestand auf einem Medizinstudium. Ulrich haderte mit dieser Entscheidung. Sein jäher Tod ließ Waltraut verstummen. Sie sah sich als Mutter infrage gestellt. Nur sehr langsam fand sie heraus aus ihren Selbstzweifeln. Sie wollte mit sich ins Reine kommen. Aber das war unmöglich an der Seite ihres Mannes.
Nach 40 Jahren Ehe trennte sich Waltraut von ihrem Mann, unerwartet für alle. Hermann wollte ihr den Abschied schwer machen, verweigerte zunächst den Unterhalt. Doch die Söhne halfen. Waltraut begann ihr neues Leben, sie bezog eine eigene Wohnung, klein, aber zentral gelegen und nach ihrem Geschmack eingerichtet. Sie hat gemalt, geturnt, getöpfert. Ihre Neugier war erwacht. Sie spazierte in den Tiergarten, in die Philharmonie, ins KaDeWe, buchte die Reisen, von denen sie in den Jahren zuvor nur geträumt hatte. Sie fuhr nach China, als es noch ein Wagnis war, besuchte New York, erkundete San Francisco. Sie sammelte Bilder in der Fremde, sämtliche Eindrücke, die sie aufnehmen konnte, nicht mit der Kamera, sondern mit dem Herzen. Seelische Wegzehrung für die lange Zeit des Alterns.
Die letzten vier Jahre verbrachte sie im Heim. Sie dachte klar bis zum Ende. Sie wusste, der Tod ist ein unbesiegbarer Gegner. Dennoch hat sie mit ihm gerungen, um jeden Tag. Den Pastor schickte sie weg, der konnte nicht helfen. Was half, war ihre Zähigkeit. Die brachte ihr Stunde um Stunde, kleine Triumphe der Beharrlichkeit. Zwei Tage vor dem Ende erzählte sie stolz ihrem Sohn: „Gestern waren sie alle da, um sich zu verabschieden. Ich bin aber wieder aufgewacht.“ Gregor Eisenhauer
Der Zentralfriedhof Friedrichsfelde an der Gudrunstraße in Berlin-Lichtenberg. Foto: Doris Spiekermann-Klaas