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24.03.2019
Seit er 30 war, stand er an überhaupt keiner Maschine mehr
Nachruf auf Gerd Ballentin. (Geb. 1929)
Der Anfang ist ein Fest. Der flirrende Blick, das flatterige Herz. Hände, die vorsichtig nacheinander greifen, Lider, die sich schließen vor Genuss. Erzähl mir deine Geschichte, sagt er, und du mir deine, sagt sie.
24.03.2019
Dann kam Karl. Kein Mann, kein Dämon. Ein Märchen aus dem Buch der dunklen Träume
Nachruf auf Irina Rosanowski. (Geb. 1981)
Sie wollte sich immer schon ein Bild machen von dem, was ist, und von dem, was nicht ist. Von der Liebe, dem Grauen, der Hoffnung, dem Leiden, dem Glück, dem Unaussprechlichen. So viele Bilder, die sie malte, herzeigte, für die sie Lob erntete und Unverständnis, Häme und Beifall. All das, aber keinen Ruhm. Kein Galerist, der sich um sie bemüht hätte. Kein Kritiker, der auf sie aufmerksam wurde. Kein Sammler, der ihr großzügig den Unterhalt sicherte. Bewunderer ja, Fürsprecher, Männer, die sich ihr...
17.03.2019
Er wurde in die neue Sprache, Deutsch, hineingezwungen
Nachruf auf Hans Kretschmer. (Geb. 1949)
Er war drei, als er von Bremerhaven mit dem Schiff in Richtung Kanada aufbrach. Seine Eltern wollten ihr Glück dort suchen. Der Vater fand Arbeit in einer Goldmine und verdiente gut. Hans eroberte die neue Welt gemeinsam mit seinem zwei Jahre älteren Bruder. Da war ein gewisser Stress vorprogrammiert. Zwischen den großen Freunden seines Bruders musste Hans sich viel getrauen, durfte nicht jammern, musste mithalten. So landete er beim Mutsprung über einen Bach im Wasser und in einer großen Scherbe.
17.03.2019
Die erste Wohnung - eine Art Hauptquartier. Und er der Vater der Bewegung
Nachruf auf Christoph Ludszuweit. (Geb. 1954)
Einige Tage vor seinem Tod hat er noch die Postkarte an die SPD geschrieben, seine Austrittserklärung, „mit antifaschistischem Gruß“. Als Sozi sterben, darauf hatte er nun keine Lust mehr. Früher mag die Mitgliedschaft vielen ein Stück Würde wiedergegeben haben, die sie in der Fabrik verloren hatten, oder in der Mietskaserne oder auf dem Arbeitsamt. Lange her. Und so ein Malocher ist er sowieso nie gewesen. Mit Manni Weller, seinem Freund und Nachbarn, war Christoph Ludszuweit erst vor ein paar Monaten...
10.03.2019
Für die verborgenste Blüte noch bleibt er stehen, stundenlang
Nachruf auf Torsten Feige. (Geb. 1965)
Zwei Szenen in Schwarz-Weiß, hoch oben auf einem Berliner Dach, gefilmt von einem Freund: „Du musst aussetzen“, ruft ein Junge und legt ein Ass auf den Stapel. Der Mann, der an der Reihe gewesen wäre, tut dem Jungen den Gefallen und setzt ein betrübtes Gesicht auf. „Und du“, jauchzt ein Mädchen, „musst zwei ziehen.“ Es wendet sich Torsten zu, der, trotz seines Pechs, über ihren gelungenen Zug strahlt wie sie selbst.
10.03.2019
Ihre Mails hatten im Betreff das Wort „urgent“, dringend, an erster Stelle. Sie wollte die Dinge vorantreiben
Nachruf auf Alanna Lockward. (Geb. 1961)
Drei Frauen sitzen an einem Küchentisch, jung, mittelalt, alt. Die Frau aber, um die es hier geht, ist nicht mehr da. Dabei war sie eben noch mittendrin, in ihrem eigenen Leben und in dem Leben der drei Frauen.
03.03.2019
Keiner verriet sie. Ein Polizist warnte Tante Erna, wenn Kontrollen anstanden
Nachruf auf Dina Malchow, (Geb. 1928)
Dinas Großeltern stammten aus Galizien. Nach dem Amtsantritt des fanatischen Antisemiten Karl Lueger als Bürgermeister von Wien im Jahr 1897 waren sie nach Berlin ins Scheunenviertel gezogen. Dinas Mutter lernte die Stadt lieben. Die Stadt und den Grafiker Busso Malchow, der sie heiratete und ansonsten unbekümmert sein Leben als Bohemien weiterführte. Er behielt seine eigene Atelierwohnung am Prager Platz, wohin er sich oft zurückzog.
03.03.2019
Überhaupt konnte sie das gut, auf andere zugehen, sich bekannt machen. Mit ihrer immerwährenden Fröhlichkeit
Nachruf auf Waltraut Rusch, (Geb. 1935)
Eine 83-jährige Fußgängerin ist nach einem Verkehrsunfall in Moabit verstorben. Die Seniorin war am Freitag gegen 11.30 Uhr auf der Turmstraße von einem Laster erfasst und lebensgefährlich verletzt worden. Das Unglück geschah, als der 52-jährige Fahrer des Lkw von der Kreuzung Strombergstraße/Turmstraße nach rechts abbog. Dabei übersah er möglicherweise die Frau.“...
24.02.2019
Seine Träume handelten von der Anatomie des Menschen, des männlichen Körpers. Ihn wenigstens betrachten können
Nachruf auf Jürgen Wittdorf. (Geb. 1932)
Hier herrscht das Experiment und keine steife Routine./ Hier schreit Eure Wünsche aus: Empfang beim Leben persönlich“, rief der junge Dichter Volker Braun den anderen Jungen zu. Aber gerade das wollten die Alten nicht: Versuche, die, weil es nun mal ihre Natur ist, auch scheitern können; Verlangen, wild herausgeschleudert. Denn die Jungen waren, wie Volker Braun schreibt, „bis dahin, außer in der Wirklichkeit, überhaupt nicht vorgekommen“. Also weg mit den festgezurrten Regeln. So war es aber immer,...
24.02.2019
Typisch Inge: Ging den Kindern das Rad kaputt, flickte sie den Reifen. Fehlte Brennholz, hackte sie welches
Nachruf auf Ingeborg Austilat. (Geb. 1925)
Sie lebte drei Leben. Eins als Mädchen, auf sich gestellt. Eins als Hausfrau, abhängig vom Mann. Eins in Freiheit, bis zum Ende. Drei Leben, keine Übergänge, von heute auf morgen alles auf Anfang. Es begann in Neukölln.