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27.05.2018
Aber die Dinge lagen nun mal so, er war dem Recht verpflichtet, niemandem sonst
Nachruf auf Hans-Günther Koehn (Geb. 1937)
Das erhofft man sich von einem Richter, Unparteilichkeit. Hans-Günther Koehn war unparteilich, auch wenn das mal schwerfiel. Sein Sohn litt ein wenig darunter. Als er den Vater bei einem Streit mit einem Mitschüler um Hilfe bat, nahm der sich alle beide vor und kam zu einem abwägenden Urteil. Der Sohn aber wollte nicht den Richter bemühen, sondern den Vater, und der sollte für ihn Partei ergreifen, wie Väter das eben tun.
27.05.2018
Wie ist eine Person, die jeder gern um sich hat?
Nachruf auf Nanda Naumann (Geb. 1966)
Ein Sieg, um den sie alle Mitschüler beneideten: der erste Platz beim „Schöller Eiscreme Malwettbewerb“ 1976. Sie hat noch viele weitere Preise gewonnen, aber der Erfolg hat nie wieder so gut geschmeckt wie damals. Seitdem ging ihr das Lächeln auch nicht mehr verloren. Selbst als sie erfuhr, dass der Krebs wiedergekommen war.
27.05.2018
Er steht auf dem Balkon mit der Lampe in der Hand. Unten rufen seine Gäste: „And always carry a light bulb, Lothar“
Nachruf auf Lothar Grätz (Geb. 1947)
Bob Dylan in Beatnik-Aufzug, 1965, auf einer Tour durch Großbritannien. Vor ihm Reporter in picobello Anzügen, mit Kameras, auf die riesige Blitzlichter gesteckt sind. Dylan hält eine überdimensionierte Glühbirne in der Hand, warum auch immer. Eine Reporterin fragt: „What's your real message?“ Dylan antwortet: „Keep a good head and always carry a light bulb.“...
20.05.2018
Wenn sie beschloss, dass Bäume lila waren, dann waren Bäume lila
Nachruf auf Christa Boré (Geb. 1939)
So richtig, richtig glücklich war Christa erst in den letzten vier Jahren, hier an diesem Ort, an dem sie endlich ihren Platz gefunden hatte. Hier konnte sie traurig sein, so sehr, dass sie nur noch im Bett lag und sich überhaupt nicht mehr bewegte. Und es war in Ordnung. Hier konnte sie auch euphorisch werden, ihre Energie versprühen, ihr Christa-Lächeln lächeln, ihre Geschichten erzählen, und auch das war in Ordnung. „Unsere Süßkartoffel“ nannten sie Christa und stritten sich darum, wer die Schicht...
20.05.2018
Er spendiert ihr den ersten Milkshake in Adelaide, Australien
Nachruf auf Herbert Bochnig (Geb. 1929)
Mit 14 lernt Herbert Bochnig den Krieg kennen. Es ist der 14. Januar 1944, als Soldaten ihn um halb zehn vom Schulhof in Spandau holen und ihn nach Falkensee bringen. Keine Schulbank, keine Geometrie, keine Diktate mehr, sein neuer Einsatzort ist nun die Flak. Erst die Großbatterie 4 / 437 in Falkensee, dann, ab Mai, als die Russen schon in den Karpaten stehen, die Schwere Heimatflakbatterie 208 / III in Gatow. Eine Kanone, gewaltig wie ein Müllwagen, die Metallkeile schießt, dick wie der Oberschenkel...
19.01.2018
Ein Leben und so viele Untergänge
Nachruf auf Verena Ortrud Sonnenberg (Geb. 1954)
In dem Monat, in dem sie geboren wurde, Dezember 1954, erreichte ein Schlager Platz eins der Hitparade, der trug den Titel: „Am 30. Mai ist der Weltuntergang“. Ihre Weltuntergänge sollten das schöne Kind nicht nur im Mai ereilen.
19.01.2018
Er hatte alles. Und hat alles wieder verloren
Nachruf auf Hermann Meister (Geb. 1966)
Sein Glück war der alte Mann. Gustav hieß er und lebte in der Nachbarschaft. Einmal in der Woche trafen sich die beiden, nur der Alte und der Junge, in einem eleganten Café bei einer Torte und einem Kaffee. Sie redeten, lachten, und der Junge konnte sein Herz ausschütten. Wenigstens für ein paar Stunden waren sie fort, die Verantwortung und die Traurigkeit. Gustav war für Hermann, wie ein Vater hätte sein sollen. Ein Lichtblick. Ansonsten war Hermanns Kindheit ziemlich finster.
12.01.2018
So lange kann eine Oktober- revolution doch nicht dauern
Nachruf auf Nika Sanftleben (Geb. 1919)
Sie habe, so hat Nika Sanftleben das oft ihrer Tochter gesagt, eben ein Ohr für die höhere Regie. Anders könne man sich ihr Leben kaum erklären, das nicht einer langen, fließenden Bewegung folgte, sondern aus Sprüngen und abrupten Veränderungen zu bestehen schien.
12.01.2018
Immer schon ging es bei ihm ums Überleben
Nachruf auf Reuven Moskovitz (Geb. 1928)
Die Menschheit“, spottete Reuven, „verhält sich wie der im Zug fahrende Jude, der bei jedem Bahnhof unzufrieden seufzt. Schließlich gerät er in Panik. Auf die Frage, warum er so stöhne, antwortet er: Wie soll ich nicht stöhnen, wenn ich bei jedem neuen Bahnhof merke, dass ich in die falsche Richtung fahre? “...
05.01.2018
Sie bleibt auf ihrer Position und fühlt sich übergangen
Nachruf auf Gabriele Groth (Geb. 1961)
Sie holt das Mofa aus der Scheu- ne, schiebt es vom Hof, lässt den Motor aufheulen, setzt sich drauf und fährt davon. Kein Blick zurück. Kein Winken. Bloß raus aus dem Dorf, das am Ende einer Sackgasse liegt. Sie fliegt über die Straßen, schwebt dahin, die blonden Haare im Wind, den wilden Herzschlag in der Brust. Sie fühlt sich frei. Wenigsten für diesen Abend, diese Nacht, diesen Tanz. Eine Jugendliche in Brandenburg, auf dem Weg in die Disko, das Leben vor sich, Ende der siebziger Jahre.