Nachrufe
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01.12.2017
Es gibt gar keinen Grund, der Wirklichkeit mit Vertrauen zu begegnen
Nachruf auf Horst Hussel (Geb. 1934)
Wie begrüßt man ein neues Jahrtausend und sich selbst darin? Am besten mit einer wahrhaften Sensation. Horst Hussel war sich der historischen Stunde sowie seiner Verantwortung vollauf bewusst, als er 2003 die von ihm wiederentdeckten „Tagebücher und Notenhefte des Komponisten Albrecht Kasimir Bölckow“ herausgab, des Schöpfers der legendären Sopranspindel sowie des Bassschracks.
24.11.2017
„Meine Generation spricht nicht über Gefühle“
Nachruf auf Margot Reinecke (Geb. 1932)
Warum ihre Großmutter nicht mit zurück nach Berlin kommen konnte, hat Margot Reinecke nie verstanden. Es bedeutete: Von nun an war sie ganz auf sich allein gestellt.
24.11.2017
Die Welt ist weit, und weiter noch kann sie sein in einem Kopf
Nachruf auf Heiner Hütsch (Geb. 1940)
Er könnte den Wecker an die Wand werfen. Dieses Schrillen, in dieser Herrgottsfrühe, früher noch als sonst, normalerweise steht er in letzter Sekunde auf, isst rasch eine Schüssel Haferflocken und setzt sich dann auf sein Fahrrad, aber da gibt es diesen Jungen, der wahrscheinlich gar keinen Wecker besitzt, ein Dauerschwänzer, dessen Zukunft, wenn man ihn nicht von der Haustür bis zum Schultor begleitet, düster aussieht. Seinetwegen muss er jetzt noch eine halbe Stunde früher raus.
17.11.2017
Den Brief seines Vaters von der Front hat er zerrissen
Nachruf auf Eberhard Radczuweit (Geb. 1941)
Bloß weg, so weit wie möglich. Mit 15 hatte Eberhard genug von seiner lieblosen Kindheit. Vom Stiefvater, einem HNO- Arzt, der kein Pardon kannte. Von seiner Mutter, die ihn im Stich ließ, ihn nicht verteidigte. Von seinen zwei älteren Stiefgeschwistern, die ihren Frust an ihm ausließen.
17.11.2017
Träumen sollen andere. Zu machen ist das Machbare
Nachruf auf Hans Walter Schmidt (Geb. 1929)
Seine Wohnungen. Aufgewachsen war Hans Walter Schmidt in einer Tegeler Reihenhaussiedlung, vier Menschen, zwei kleine Zimmer. Seit 1947 bewohnte er mit seiner Frau Ursula eine Laube, die er selbst gebaut hatte. Seit 1958 zwei Zimmer, Hinterhaus, Charlottenburg. Um die Wohnung zu bekommen, mussten sie zusätzlich zu ihrer harten Arbeit Hauswartsdienste verrichten. Seit 1968, sie waren jetzt zu viert: Neubauluxus in Lichtenrade, drei Zimmer, Zentralheizung, 250 Mark Miete. 1979, die Sozialförderung...
10.11.2017
Hier sind wir zu nah an der Küche, erneutes Aufstehen, dritter Tisch
Nachruf auf Barbara Bareiß (Geb. 1954)
Es gibt eine letzte Nachricht, eine SMS von Barbara an ihre Tochter Jana. Eine kurze Frage. In dieser Frage ist so vieles, Zärtlichkeit, ein Plan, die Zukunft: „Könnte Clara nicht ein neues Fahrrad zum Geburtstag gebrauchen?“...
10.11.2017
„Sie glauben, dass Sie für den öffentlichen Dienst geeignet sind?“
Nachruf auf Wolf Bayer (Geb. 1948)
Als in Berlin die Mauer fiel und die ganze Stadt auf den Beinen war, dachte Wolf Bayer zu Hause in Kreuzberg über die Chaostheorie nach und war folglich nicht zu bewegen, auf die Straße zu gehen. Der Mathematiklehrer hatte sich für drei Jahre beurlauben lassen, promovierte und empfand es als enormen Luxus sich jenseits der flüchtigen Tagespolitik ganz auf Fraktale, dynamische Systeme und homokline Orbits zu konzentrieren. Obwohl er Texte mit durchaus eingängigen Titeln verfasste wie „Katzen auf Zypern:...
03.11.2017
Sollte sie aufhören und all die Sicherheit aufgeben?
Nachruf auf Inez Wehrsig-Fehr (Geb. 1942)
Mit 22 stand sie das erste Mal vor einer Schulklasse. 30 Kinder beobachteten sie. Warteten darauf, was diese neue, zierliche Lehrerin nun tun würde. Es war eine normale Schule, mit normalen Grundschülern in dem bürgerlichen Bezirk Wilmersdorf. Keine Rowdies. Aber auf den wirklichen Unterricht, auf den Lärm, die Anspannung, auf die Kinder - und dann auch noch so viele -, war Inez nicht vorbereitet.
03.11.2017
Er schmuggelte sein Fräulein in einem Jeep durch die sowjetische Kontrolle
Nachruf auf Brian Williams (Geb. 1918)
Mochten Sie mit mir tanzen?“ Sein Deutsch war grauenvoll, aber sein Lächeln umwerfend. „Maybe it'd be better if you spoke English!“, entgegnete das Fräulein frech.
18.08.2017
Hat er tatsächlich bernsteinfarbene Sprenkel um die Pupillen?
Nachruf auf Johanna Lukaschik (Geb. 1956)
Siehst du diesen Baum dort, Hannachen? Ja, genau, den hinter der Platane. Das ist eine Robinie.“ Der Großvater nimmt das Mädchen bei der Hand, sie laufen einen Hang hinab, vorbei an der Platane, Johanna streift im Vorübergehen mit ihrer Hand über die blättrige Borke, dann bleiben sie stehen. Der Großvater reckt sich ein wenig, pflückt behutsam ein Blatt. „Die Robinie“, erläutert er, „heißt auch Falsche Akazie, eine Mimikryakazie gewissermaßen. Weißt du, was das ist, Mimikry?“ Johanna schüttelt den...