Nachrufe
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18.08.2017
Er hat mit ihr getanzt. Ein Unding! Denn der Tanz war heilig
Nachruf auf Michail Gawrikow (Geb. 1939)
Ein Nachmittag im Frühjahr '66, Teerunde in einer Wohnung an der Karl-Marx-Allee. Ein Freund hat Rita mitgenommen, es sind auch ein paar Russen da, einer davon, so hat der Freund erzählt, soll ein berühmter Balletttänzer sein, ein echter Star. Soso, naja.
11.08.2017
Mitgetrunken hat sie nicht, denn am nächsten Tag um zehn ging es ja weiter
Nachruf auf Marion Lennartsson (Geb. 1949)
Tor! Das erste für Hertha. Jubel. Dann ein gleichförmiges Geräusch. Gedämpftes rhythmisches Klopfen. Tock, tock, tock. Glasflaschenböden auf Holz. „Stopp, nein“, ruft Brigitte in das Getöse. „Viel zu früh!“ Die Männer, blau-weiße Trikots, blau-weiße Schals, grinsen. Aus einer Ecke noch ein letztes „Tock“, dann ist Ruhe. Die Chefin ist noch nicht durch. Denn erst wenn sie durch ist, wenn jeder eine Kümmerlingflasche vor sich stehen hat, erst dann dürfen alle loslegen. Können nach Kneipenbrauch mit...
11.08.2017
Es reichte für ihre Wohnung, ein Fahrrad und einen Yoga-Raum
Nachruf auf Brigitte Czoske (Geb. 1951)
Keine Stunde glich der anderen, abgesehen von der festen dreigliedrigen Struktur. Der Gong ertönte, sie hielt eine kurze Ansprache. Die Schülerinnen und Schüler lagen auf dem Rücken und legten die Beine hoch an die Wand. Dann begann der einstündige Übungsteil, ein abwechslungsreicher Parcours durch die fantastische Figurenwelt des Yoga. Es wurden Atemübungen absolviert, und den Abschluss bildete „Shavasana“, die Totenstellung. Nicht jeder mochte die dunklen Kammern betreten, die sich bei dieser Form...
11.08.2017
Viele schäkerten und fragten sie lauter unnötige Sachen
Nachruf auf Irmgard Neven (Geb. 1952)
Da stand sie, die Schönheit des Viertels, groß und schlank. Eine, die den Raum ausfüllte mit ihrer puren Anwesenheit, mit ihrer rauchig klingenden, verführerischen Stimme. Doch ausführen, gar verführen ließ sich die 19-Jährige nicht, auf gar keinen Fall. Kein Kino, keine Kahnfahrt, kein Knutschen. Heute Abend aber war Irmi unterwegs und wollte feiern, hatte sich schick gemacht, ihre vom Lehrgeld bezahlten Courage-Stiefel und den Faltenrock angezogen. Ganz leicht bewegte sie sich auf der Tanzfläche.
Zwölf...
Zwölf...
04.08.2017
Ein Richter, der Scheidungs- kindern Bonbons hinterm Ohr hervorzauberte
Nachruf auf Hans-Werner Fehmel (Geb. 1928)
Für einen Vater im Zehlendorf der sechziger Jahre eine eher ungewöhnliche Passion: Er ging mit den Kindern gern lange spazieren, ein Eis essen, den Hund ausführen, Geschichten erzählen. Er spürte die Blicke, und oft wurde er bedauert, dass er nur Töchter hatte: „Na, kein Stammhalter dabei?“ Hans-Werner Fehmels Blick fiel auf Sabine, Bettina und Annekatrin. „Doch. Drei sogar!“...
04.08.2017
„Ich lasse meine Frau nicht fort. Eher werde ich sterben“
Nachruf auf Kemal Vural (Geb. 1949)
Wenn Frau Koch über Herrn Vural spricht, sagt sie Kemal Bey, Herr Kemal. Sie spricht Türkisch, und da heißt es nun mal Kemal Bey. Herr Vural war er nur für die Behörden.
28.07.2017
Um Würde geht es, mögen die Dinge noch so beschwerlich sein
Nachruf auf Brigitte Krau (Geb. 1943)
Komm rein, ich hab' hier was für dich.“...
28.07.2017
Das Klackern seiner Schreibmaschine: wie ein Einschlaflied
Nachruf auf Paul Kárpáti (Geb. 1933)
Der Vater arbeitete viel und gern. Die Arbeit war sein Lebensinhalt, so erzählen es die drei Kinder wenige Woche nach seinem Tod am Küchentisch in Ahrensfelde. Alles andere war Hintergrundrauschen für ihn, unvermeidbar, uninteressant. Jahrelang lehrte er an der Universität; promoviert hat er aber nie. Ein akademischer Titel war doch Schnickschnack. „Dafür habe ich keine Zeit.“...
28.07.2017
Er versuchte sich als berühmter Literat und Weltmeister im Simultanhalma
Nachruf auf Gunar Klemm (Geb. 1969)
Fünf Herzinfarkte, für jedes Leben einen. Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen. Gunar wurde in Erlabrunn geboren, ein kleiner Ort im Erzgebirge. Die Eltern waren Lehrer und liebten ihn über alles. 14 Jahre war Gunar König, dann kam Hagen auf die Welt, was ihm Gunar dank des respektvollen Abstands nie übel genommen hat. Erlabrunn ist klein, Breitenbrunn, wo die Eltern sieben Jahre später ihr Haus bauten, nicht viel größer. Gunar wurde es zu eng. Er fuhr wild auf dem Moped umher, trug eine punkige...
21.07.2017
Irgendwann war der Entschluss gefasst: Wir gehen
Nachruf auf Karin Dagmar Clauss (Geb. 1943)
Die Tür geht auf und ins Zimmer spaziert ein Einhorn. Das hätte einen DDR-Bürger vermutlich weniger verblüfft, als ein Grenzbeamter, der den Schlagbaum an der Bornholmer Straße öffnet. Auch noch im Sommer 1989, obwohl da schon alles in Aufruhr war, tausende Ausreiseanträge liefen, Hunderte über Ungarn nach Österreich gelangt waren, die Staatsmächtigen immer vergreister, grotesker wirkten. Weshalb sich noch mehr Menschen auf den Weg in den Westen machten. Karin und Wolfgang hatten die DDR nach zwei...