Nachrufe
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02.09.2018
Am Operationstisch fällt ihm alles leicht. Da kann er tun, was ein Arzt zu tun hat: helfen
Nachruf auf Roberto Spierer (Geb. 1958)
An keinem Ort der Welt arbeitete Roberto Spierer lieber als in dem engen Klinikraum in Ciudad del Este, Paraguay. Brille auf, Mundschutz drüber, Skalpell in die Hand, und dann operierte er, ohne viel Licht und mit karger Ausrüstung, zwölf Stunden am Tag, pro bono, alles freiwillig. „Jemand braucht Hilfe, ich gebe sie.“...
02.09.2018
Bloß nicht so werden wie die Mutter! Bloß nicht dem Entwurf des Vaters folgen
Nachruf auf Marika Raake (Geb. 1942)
Wie wird aus dem Mädchen eine Frau, wie aus der Tochter eine Mutter? Und was, wenn die eigene Mutter schwach und krank war und der Vater einer, der, was er hätte sein können, nie geworden ist?...
19.08.2018
Wenn es sein musste, war Manne auch schlagfertig
Nachruf auf Manfred Plötz (Geb. 1940)
Manne war Bulle. Bulle im Kopf, im Herzen und von der Statur her. 1,90 groß, 90 Kilogramm schwer. Wenn er und sein noch größerer Kollege vom Polizeiabschnitt 45 am Lichterfelder Augustaplatz zu einer Kneipenschlägerei gerufen wurden, mussten sie nur den Wirtsraum betreten, streng schauen, und alle saßen wieder auf ihren Barhockern. „War doch gar nichts gewesen, Herr Wachtmeister.“...
19.08.2018
Jeder schaufelt sich selbst sein Grab, heißt es. Aber meist schaufeln es andere
Nachruf auf Jackie Hetzel (Geb. 1958)
Ein Stern, der seinen Namen trägt? Sternburg Pilsner. Gibt schlechtere Biere. Aber kein besseres für einen Punk. Hinter seinem Grabstein steht ein Sterni. Und auf dem Grabstein ein Kümmerling. Denn der Durst bleibt. Jackie war Friedhofsgärtner. Und Totengräber.
12.08.2018
Ministrant? Gerne. Wenn genügend Augen auf ihn gerichtet sind. Nur lieber nicht für die Morgenmesse
Nachruf auf Irek Wijata (Geb. 1959)
Ein Fanfarenstoß. Kurz, kräftig, unüberhörbar. Ein Signal. Eine Verkündigung. Hört her, alle Mann: Hier bin ich! Oto jestem! Und dann steht er da, Irek, unübersehbar mit all seiner Energie. Schlank, dunkles Haar, dunkle Augen, strahlend. Er lockt. Er lässt sich verlocken.
12.08.2018
All die Entbehrungen ertrug sie. Wie die anderen Flüchtlinge sich klein und unsichtbar machten, das ertrug sie nicht
Nachruf auf Renate Friedrichs (Geb. 1940)
Sie hatten ja nichts, kaum zu essen, kaum Geld, und alle schauten sie immer so böse an. Flüchtlinge aus Ostpreußen, das waren sie. Dort, in der Heimat, war der Opa ein stolzer Bahnhofsvorsteher eines kleinen Ortes gewesen. Ihr geliebter Opa, Mütze, Uniform, Pfeife und Ziegenbart. Opa war es, der sie aufnahm und versorgte, nachdem der Vater im Krieg getötet worden war. Ein Kopfschuss in Litauen. Opa war es auch, der den letzten Zug zusammenstellte, mit dem sie und die Nachbarn vor der Front und den...
22.07.2018
„Huhn Maryland“ - für einen Preußen ein äußerst exotisches Rezept
Nachruf auf Fritz Becker (Geb. 1923)
Arbeitslos? Da hätten wir was: Küchenchef am Flugplatz Gatow. Trauen Sie sich das zu?“ Ein Vormittag Ende Juni 1948, die Sonne strahlte, der junge Koch Fritz Becker sprach beim Landesarbeitsamt vor. Zwei Jahre zuvor war er aus dem Krieg gekommen. Küchenbataillon hinter der Ostfront, Feldküche an der Westfront, am Ende mit der Waffe ganz vorn, schwer verwundet und schließlich in Gefangenschaft.
22.07.2018
„Mit der Fehlbarkeit des Menschen ist zu rechnen“
Nachruf auf Ulrich Schröter (Geb. 1939)
Das war er, der wirklich letzte Moment. Noch war eine Entscheidung möglich. August 1961, Ulrich stand vor der Mauer, sie war erst ein paar Tage alt, in Windeseile hochgezogen. Wollte er zurück in die DDR? Sein Bruder hatte sich schon entschieden. Er blieb im Westen.
15.07.2018
„Ein Mann fügt sich immer, wenn Sie mit einer gewissen Autorität auftreten“
Nachruf auf Cilly Weichan (Geb. 1922)
Sie ist schon auf dem Weg, will, weil sie sich an der Universität immatrikuliert und also dem Nationalsozialistischen Studentenbund beizutreten hat, ihre Beiträge einzahlen. Aber auf dem Weg dorthin liegt ein Hutgeschäft, und in der Schaufensterauslage des Hutgeschäftes thront dieses Exemplar. Sie betrachtet es, die Zeit verstreicht, sie zählt ihr Geld, sie betritt das Geschäft, probiert den Hut auf, sie dreht und wendet sich vor dem Spiegel, ja, bitte, packen Sie ihn ein, ich nehme ihn, sie tritt...
15.07.2018
Narziss wie du und ich, nur nackt und unbegabt, seinen Narzissmus zu verbergen
Nachruf auf Paul Gratzik (Geb. 1935)
Ein alter Mann gerät außer sich. Er trägt ein weißes Hemd, Schlips, Hut mit breiter Krempe, ein Mann von Welt. Er sitzt im Boot, rudert und gibt Auskunft - oder auch nicht.