Nachrufe
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08.07.2018
Und eine kleine Sauna baut er sich auch ein. Die können ihn mal
Nachruf auf Ingo Cornelius (Geb. 1945)
Klaus erzählt über Ingo in seiner Kreuzberger Kneipe. Lange hat Ingo auch in Kreuzberg gelebt, gestorben ist er aber in Altea, einem Fischerdorf an der spanischen Costa Blanca, allein mit der Schnarchmaske auf dem Gesicht. Frag nicht, wie lange er dann da gelegen hat und verwest ist. Frag nicht nach den Behördengängen, bis sie ihn eingeäschert haben, über die Kosten und über die Schwierigkeit, den Rest seiner Asche nach Deutschland zu bringen, um sie im Görlitzer Park zu verstreuen und den Rest zum...
08.07.2018
Er ist kein Maschinenstürmer. Er ist Physiker. Ausstellungsmacher wird er notgedrungen
Nachruf auf Jost Lemmerich (Geb. 1929)
Das Jahr 1984, die Eröffnung der Ausstellung „Der Mensch und die Automation“ in einer Fabrikhalle in Wedding steht kurz bevor. Jost Lemmerich hat sie maßgeblich erdacht und finanziert. Aber irgendetwas fehlt, vielleicht eine Rolle Klebeband, irgendein Detail jedenfalls, und um Details kümmert er sich am liebsten selbst. Also geht er zu Karstadt - und ist irritiert von der Warenfülle. „Ich verstehe nicht, wofür die Leute das alles brauchen.“...
01.07.2018
Wenn es doch nicht schnell genug geht, sagt er zu den Polizisten: „Das hier ist Kunst“
Nachruf auf Uwe Kempen (Geb. 1960)
Eine Frau, ein Mann. Sie steigen die Stufen des U-Bahneinganges hinab. Der Mann hält einen Fotoapparat, die Frau die Aufschläge ihres Mantels zusammen. Sie schlendern den Bahnsteig entlang, sie bleiben stehen, sie sehen sich um. Sie sehen sich an. Eins, zwei, drei, jetzt: Die Frau reißt sich den Mantel herunter, der Mann den Fotoapparat hoch. Sie steht da, vollkommen bloß, er drückt auf den Auslöser, vier, fünf, sechs, die Leute um sie herum für einen Moment bewegungslos, wie vom Blitz getroffen,...
01.07.2018
Im Auto saß sie nicht gern selbst am Steuer, aber wenn es galt, die Verkaufsgegenstände zu taxieren, hatte sie das Sagen
Nachruf auf Ruth Beder (Geb. 1923)
Es braucht kein „Sesam öffne Dich“, keinen siebenfach gezackten goldenen Schlüssel, um Zugang zur Schatzkammer zu erhalten. Man drücke einfach die abgewetzte Klinke nieder, öffne die Tür des Auktionshauses und trete ein in eine andere Zeit. Da türmen sich die Preziosen, die kein Prinz und keine Prinzessin mehr in Empfang nehmen kann, Teppiche aus Persien, Porzellan aus Meißen, Fayencen und Alabasterpokale, bronzene Leuchter und Silberbesteck, Bilder aus Meisterhand und längst vergessenen Werkstätten.
17.06.2018
Sie arbeitete lieber in der Praxis als im Labor. Da kommen die Menschen hin und nicht nur Proben von ihnen
Nachruf auf Barbara Krüger (Geb. 1933)
Rente? Ruhestand? Unmöglich! Barbara Krüger wollte alles andere, nur nicht zu Hause bleiben. Unterwegs sein, Menschen treffen, lachen, das war ihr Lebenselixier. Montags fuhr sie für ihre erste Arbeit in die Westklinik. Dienstags ging's nach Lankwitz für die zweite Arbeit in der Praxis Doktor Abt. Sie las sich in die neue Strahlenschutzverordnung ein, war dabei, als die Röntgenanlagen von analog auf digital umgestellt wurden, sie kaufte sich selbst einen Computer, um die modernen Geräte bei der Arbeit...
17.06.2018
Was ihm im Privaten nicht immer glückte, der einvernehmliche Dialog, das gelang ihm als Regisseur
Nachruf auf Heinz Freitag (Geb. 1941)
Der kleine Junge stand auf einer der Spandauer Brücken. Er wartete auf den Transportkahn der Brauerei. Sein Vater hatte versprochen, ihn an Bord zu nehmen. Das Schiff kam, der Junge winkte, vergeblich. Sein Vater hatte ihn vergessen. Er war ein herzloser Mann, hart zu seiner Frau, zu seiner Tochter, zu seinem Sohn. Aber Heinz gelang die Flucht. In den Gärten und Wiesen Spandaus war er der Herrscher in seinem eigenen Reich. Da stand die Königin unter seinem persönlichen Schutz, und die Schwester würde...
10.06.2018
Ständig in Bewegung, kaum dass er mal saß, sprang er wieder auf, lief weiter, immer weiter
Nachruf auf Dieter Herfurth (Geb. 1951)
Flughafen Tegel, Ankunft aus Islamabad. Taxi nach Kreuzberg, Wohnungstür auf, Tasche in die Ecke. Küche, Tasse Tee. Unter die Dusche. Telefonklingeln: „Du musst los, nach Moskau!“ Keine Pause. Immer weiter. Schlittenhunde in Alaska, die Bundeswehr in Afghanistan, Katarina Witt auf Jamaika, Guerilla-Truppen in Kolumbien. Mit „Spiegel-TV“ und einer Kamera durch die Welt und die Welten.
10.06.2018
Zwei Stammgästen hat er aus ihrem Alkoholismus herausgeholfen. Und das als Kneipenwirt
Nachruf auf Axel Mierwaldt (Geb. 1950)
Wenn er morgens die Stühle rausstellte, den Tresen wischte, dem Koch zunickte, die neue Kellnerin einwies und noch einmal kontrollierte, ob seine Kneipe bereit war für den Tag, warteten draußen schon die Gäste. Sie warteten darauf, dass er die Türen öffnete und sie grüßte. Mit Axel den Morgen zu beginnen, sich von ihm Kaffee bringen zu lassen, war ein Ritual, eine feste Größe geworden. Axel, der Anker im Kiez, immer da, immer aufmerksam. Dabei machte er nichts Außergewöhnliches, war nicht besonders...
03.06.2018
Ihre bunten Kleider hatte sie enger machen lassen, immer im Wettrennen mit dem Leben
Nachruf auf Gunilla Daublebsky (Geb. 1955)
Dünn war sie geworden, so dünn, dass ihre Freundinnen erschraken, wenn sie sie sahen. Es war der Krebs, doch eine Chemotherapie wollte sie nicht. Zwei ihrer drei Geschwister waren am Krebs gestorben, trotz Chemotherapie. Also, das musste sie sich nicht antun. Lieber jagte sie durchs Leben, das ihr blieb, morgens, mittags und abends, mindestens drei Termine standen jeden Tag in ihrem Planer. Theater, Essen, Musik, Tanzen, Chor, Kino. Ihre bunten Kleider hatte sie noch einmal enger machen lassen, immer...
03.06.2018
Dass die Linken so gar keinen Sinn für die Technik haben, das ärgerte ihn immer
Nachruf auf Arno Ernst (Geb. 1960)
Als Türsteher hätte er selten Probleme bekommen, groß war er, die roten Hosenträger spannten überm mächtigen Oberkörper. Wenn Arno im Gottesdienst aufstand, zum Altar ging und dort für einen Freund von den Anonymen Alkoholikern, um den es schlecht stand, eine Kerze anzündete, war eigentlich keine Predigt mehr nötig, es war schon so viel gesagt. Später, wenn sich ein kleines Grüppchen nach der Kirche zum Inder aufmachte, konnte auch wieder gelacht und geblödelt werden.