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16.06.2017
Wenn alle die Klappe halten, muss einer sie mal aufmachen
Nachruf auf Alexander Kobylinski (Geb. 1964)
Mit 19 Jahren kam der Nicht- FDJler Alexander Kobylinski einer Bitte der FDJ-Leitung seiner Schule nach. Er war, wie er später sagte, „auch ein bisschen der Meinung, etwas zu sagen zu haben.“ Und wusste, dass das, was er sagen würde, kein bisschen den Vorstellungen der FDJ-Leitung entsprechen würde. Er wusste, dass er sein Abitur aufs Spiel setzte. Er wusste, dass er das System, das er so gern verändern wollte, kein bisschen verändern würde. Aber er konnte nicht anders.
09.06.2017
Und jeder gärtnert auf seine Weise
Nachruf auf Gerda Münnich (Geb. 1939)
Wem gehört die Stadt? Wem sollte sie gehören? Die Brachen in ihr zum Beispiel? Ausschließlich denen, die es sich leisten können? Oder die politische Macht besitzen? Allen? Sodass jeder, ob mit Geld oder ohne, mit Lobby oder ohne, kommen und gehen und die Freiflächen nutzen kann, wann er möchte? Warum nicht! Gibt es in der Stadt doch entschieden mehr Menschen ohne Geld, ohne Lobby. Also los, versuchen könnte man es ja, Widerstände hin, Widerstände her.
02.06.2017
Mit Plänen behielt er den Überblick, über sich, sein Leben, seine Welt
Nachruf auf Hans-Joachim Ballhausen (Geb. 1946)
Hans-Joachim war ein Erklärer. Ruhig, ernsthaft, interessant. So ordnete er die Welt, sortierte sie, wog sie ab. Ob Politik, Geschichte, Technik oder Kinderfragen. Machten sie einen Ausflug, er, seine Frau und seine Tochter, bereitete er sich vor. Wohin ging es, was gibt es da zu sehen, welches Denkmal steht da, wer hat da gewohnt. Mit ihm unterwegs zu sein war eine Bildungsreise. Führte er Freunde durch Berlin, waren sie begeistert. „Kennst du dich aus! Berlin ist deine Stadt, was?“ Ja, Berlin war...
02.06.2017
„Ich kenn nit gloiben, dos wos ich hob alles iberlebt“
Nachruf auf Guenia Smouchkevitch (Geb. 1925)
Sie waren gerettet. Keine Gefahr mehr für die Juden in der persischen Diaspora, Dank Ester, dank ihres Onkels Mordechai, der nach Abwendung des Unheils Schreiben an alle verschickte und aufrief, den „14. und 15. Tag des Monats Adar in jedem Jahr als Festtag zu begehen. Das sind die Tage, an denen die Juden wieder Ruhe hatten vor ihren Feinden; es ist der Monat, in dem sich ihr Kummer in Freude verwandelte und ihre Trauer in Glück. Sie sollten sie als Festtage mit Essen und Trinken begehen und sich...
26.05.2017
Wenn die Wellen rauschen, muss nichts weiter los sein
Nachruf auf Doris Unger (Geb. 1941)
Von der Kaltmamsell an der Ostsee ins Büro des Energieministeriums: Doris Unger hat die großen Schritte ihrer Karriere in der DDR gemacht. In Berlin hatte sie eine Kochausbildung absolviert und arbeitete in der Feriensaison als Kaltmamsell in Rostock. An einem Sommertag des Jahres 1962, im Zug zurück nach Berlin, sitzt ihr dieser Seemann gegenüber und bietet ihr eine Zigarette an. Als sie in Berlin ankommen, sind die beiden ineinander verliebt. Im November heiraten sie, sechs Monate später kommt...
26.05.2017
Sie wollte nicht entdeckt werden. Und irgendwann dann doch
Nachruf auf Ursula Engler (Geb. 1945)
Wedding, April 1945. Ein verlassener Kinderwagen. Voll mit gefüllten Weckgläsern. Mittendrin das Kind. Ein russischer Soldat findet den Kinderwagen und schiebt ihn ins nächste Krankenhaus. „Katja“, tauft er das Kind im Weggehen. Vielleicht in Erinnerung an das eigene. Der Geburtstag des Mädchens wird behördlich auf den 1. März 1945 datiert. Sein Name in Ursula geändert. Eine Suchanzeige liegt nicht vor. Eltern oder Verwandte melden sich nicht. Ursula wird zu einer Ziehmutter gegeben. Aber die Nachforschungen...
26.05.2017
„Jazz? Da wirste arm“, sagt er, und: „Es muss ja Geld ins Haus“
Nachruf auf Helmut Runge (Geb. 1937)
Ohne Armstrong hätte es Herb nie gegeben. Er wäre Helmut geblieben, Helmut Runge, Elektriker aus dem Wedding, der in einer zerstörten Stadt sein Glück sucht. Er wäre wohl auch nie nach Amerika gekommen, hätte nicht die Luft am Bosporus geatmet, nie im Rampenlicht gestanden. Aber es kam nun mal ganz anders, und wie bei Louis Armstrong war der Zufall schuld, dass Helmut eines Tages zur Trompete griff.
19.05.2017
Er war viel zu entspannt, um nach seiner Bestimmung zu suchen
Nachruf auf Sven Ulrich (Geb. 1964)
Für die Tegeler muss die Tegeldebatte komisch klingen: Tegel soll offen bleiben. Als ob Tegel schließen würde, wenn sie den lächerlichen Flughafen dichtmachen. Viel wichtiger ist die Sache mit der Hafenbar. Die ist, seit Sven tot ist, nämlich zu, und für jene Tegeler, die sich mehr für Musik als für Flugzeuge interessieren, ist das eine wirklich schlimme Sache. Um aus Tegel rauszukommen, braucht man nämlich kein Flugzeug; da reicht die U6. Um am Wochenende in Tegel zu bleiben, brauchte man aber die...
19.05.2017
„Nie wieder spiele ich diese Geige“
Nachruf auf Hedi Gigler-Dongas (Geb. 1923)
Diese Geige. Sie war ihr eine Bürde und eine Freude. Kummer und Liebe. Zwang und Anmut. Ein ganzes Leben lang. Wie fanden dieses Instrument und dieser Mensch zueinander? Ihre Eltern, schnell zusammen und schnell getrennt, waren der Schriftsteller Herbert Gigler und die Komponistin Grete von Zieritz. Ihr Geburtsort: Berlin. Der Vater liebend, die Mutter abweisend, ganz auf ihren Erfolg konzentriert. Es waren dann die Großeltern in Österreich, die sie großzogen. Kam Hedi nach Berlin, um ihre Eltern...
12.05.2017
Was bleibt, ist die Frage: Warum so ernst?
Nachruf auf Dorothea Weise (Geb. 1956)
Das letzte Bild, das Dorothea Weise fertiggestellt hat, hängt im Wohnzimmer der Wohnung in Steglitz, in der sie bis zu ihrem Tod gelebt hat. Es ist ihr erstes Selbstporträt: In nichts als ein weißes Tuch gehüllt sitzt die Künstlerin mit der stachligen Frisur auf einem schwarzen Klappstuhl. In ihrer Hand hält sie eine Schale voll roter Flüssigkeit, Blut vielleicht, vielleicht auch Farbe. Die Malerin sieht streng aus, fast wütend; ganz anders, als ihre Freunde und Familie sie kannten.