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Kai Sender
Sozialarbeiter
Bremen
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Nachrufe

Es wurden 1104 Nachrufe gefunden

21.07.2017

Also wollte er ein Mann werden, ein richtiger Mann

Nachruf auf Gerd Eiserbeck (Geb. 1968)
Möglicherweise hat er sich das nicht so deutlich anmerken lassen. Aber als seine Mutter und seine Schwester ihn beim Straßenfest am Hertha-Fanwagen besuchten und kein bisschen Anstoß nahmen, dass neben der Herthafahne eine Regenbogenfahne wehte, dass gegenüber die Yogajungs ihren Stand hatten, und dass dazwischen lauter Männer unterwegs waren, die die Hände anderer Männer hielten, da war das ganz sicher eine große Sache für ihn. Da trafen drei Welten aufeinander, die vermeintlich nicht zusammenpassten.
Drei...

14.07.2017

Es war an einem frühen Morgen, einem Morgen kurz vor Schluss. Katrin war schon lange wach, hatte kaum geschlafen, wieder einmal. Denn nachts, wenn es ruhig war, wenn das laute Leben eine Pause einlegte, dachte sie nach, ordnete und plante die nächsten Tage, die nächsten Wochen, die nächsten Schritte und Aufgaben. So legte sie sich ihr Leben zurecht, verpackte alles in kleine Einheiten, die sie abarbeiten konnte. So verkraftete sie, was eigentlich nicht zu verkraften war.

07.07.2017

Der Musik Erkenntnis abringen, ihr Erkenntnis zutrauen

Nachruf auf Jens Schroth (Geb. 1974)
Eiskalt die Silvesternacht. Ein Mädchen kauert barfüßig auf dem Bürgersteig. Sie bietet Schwefelhölzer einzeln zum Kauf an. Niemand kauft ihr ein Streichholz ab. Niemand gibt ihr ein Almosen. Die Kälte kriecht ihr durch den Körper, lässt ihr Herz ängstlich pochen. Sie zündet eins der Hölzer an. Es wird lichter um sie. Noch eins entzündet sie, schnell erlischt es, und noch eins. Fast glaubt sie sich in einer schöneren Welt. Aber die kleinen Flammen wärmen nicht. Das Kind erfriert. Helmut Lachenmann...

07.07.2017

Die Moral dieser Geschichte ist keine gute. Hilfsbereitschaft? Lohnt sich nicht. Vertrauen? Wem denn? Alles wird gut? Im Himmel vielleicht. Aber doch nicht hier, wo man sich den Himmel als Ort ausdenkt, wo alles gut wird.

30.06.2017

Andere wollen etwas werden. Er wollte etwas erleben

Nachruf auf Günther Hamann (Geb. 1934)
Günther Hamann hegte keine großen Hoffnungen, weder auf Erden noch im Jenseits. Religiöse Anwandlungen lagen ihm fern. Man darf sich ihn als glücklichen und lebensklugen Menschen vorstellen. Sein Credo nämlich lautete: Ich habe weder Ab- noch Aussichten.

30.06.2017

Seine Sehnsuchtsorte: Der Platz der Blumen, Campo de Fiori in Rom, wo er Zeitung las, Espresso trank, in Grußweite der Statue Giordano Brunos, der auf diesem Platz als Ketzer verbrannt wurde, weil er an die Unendlichkeit des Raums und die Vielzahl der Welten glaubte.

23.06.2017

Wir unter- scheiden uns in manchem, in vielem aber eben nicht

Nachruf auf Klaus Wolfermann (Geb. 1938)
Er will nur rasch Schrippen holen, gleich um die Ecke. Fünf Minuten bräuchte er dafür. „Tach Klaus“, ruft ihm ein Mann aus dem Nachbarhaus zu, und Klaus bleibt stehen und redet. „Günaydin“, grüßt ihn eine Frau von gegenüber und Klaus bleibt stehen und redet. Dann rein in die Bäckerei, mit der Brötchentüte ein paar Meter die Sparrstraße entlang. „Schalom“, winkt eine Dame von der anderen Seite des Sparrplatzes, und Klaus bleibt stehen, redet. Nach einer Dreiviertelstunde ist er zurück.

23.06.2017

Sonntags treten die Stofftiere zum Sängerwettstreit an. Der neunjährige Michael und sein Bruder Cornelius inszenieren Opern, die Musik kommt vom Plattenspieler. Die „Meistersinger von Nürnberg“ haben es ihnen besonders angetan. Sechs Stunden Wagner im Kinderzimmer.

23.06.2017

Klaus ist im Zweiten Weltkrieg verschwunden

Nachruf auf Ernest Keith Heymann (Geb. 1918)
Was ein Jude ist, versteht Klaus Heymann nicht, bis ihn jemand so nennt. 1924, kurz nach der Einschulung, kommt einer seiner Mitschüler an der Grundschule in Breslau auf ihn zu und schimpft ihn einen „ollen Juden“. „Selber“, antwortet Klaus - weil er es nicht besser weiß. Weil es noch nicht wichtig ist.

16.06.2017

Eine gefesselte Frau? Mag sein. So war Marion aber nicht

Nachruf auf Marion Herbst (Geb. 1958)
Als Jugendliche hatte sie einen Traum: Einmal in ihrem Leben wollte Marion Herbst mit einem pinkfarbenen Cabrio an der Küste von Los Angeles entlangfahren. Unter ihr der Highway, neben ihr das Meer, der Wind in den Haaren, die Sonne im Gesicht und von der Kassette sollte „California Dreaming“ laufen. Überhaupt das Meer. Wann immer es ging, fuhr sie an den Strand. Genauer: Sie ließ sich an den Strand fahren. Da stand sie dann mit ihrem Rollstuhl. Sah zum Horizont, und da war keine Grenze, nirgends.
Als...