Nachrufe
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09.06.2019
Pete wollte so sehr am Leben sein, wollte seine Unabhängigkeit spüren, wollte lieben, mit dem Körper und mit dem Herzen, wollte feiern und sich der Welt zeigen, dass er den Fehler beging, sich zu viel zuzutrauen. Ein paar Jahre vor seinem Tod mobilisierte er noch einmal alle seine Kräfte, setzte durch, dass er aus der Pflege-WG ausziehen und wieder alleine wohnen konnte, auf seinen eigenen 40 Quadratmetern.
02.06.2019
Auf Wunsch des Vaters hieß sie Ingeborg, Ingeborg Uhmann. Alle Vokale der deutschen Sprache sollten in ihrem Namen vorkommen. Die Wege zu Fuß waren lang, auf den Dächern trocknete Baumwolle. Schule, Familie, Turnverein. So vergingen die ersten Jahre in Böhmisch Kamnitz, wo jeder jeden kannte. Irgendwie kannten sich auch Ingeborg und Max. Sie verlobten sich, als das Jahr 1942 anbrach. Im Dezember heirateten sie, Max in deutscher Uniform, aber „uk“ gestellt, was bedeutet, dass er in seinem Werk unabkömmlich...
02.06.2019
„Wir müssen jetzt was machen!“ Die anderen aus der Paulus-Gemeinde Tempelhof straffen sich, auf der Stelle. Sie wissen, in diesem müssen fehlt kein Konjunktiv-T, Möglichkeitsfloskeln kommen bei Norbert nicht vor. Und dann fügt er den gänzlich unüberraschenden Folgesatz auch sofort hinzu: „Nächste Woche treffen wir uns.“...
26.05.2019
Ihr ganzes Leben war ein Kampf um Kunst und Anerkennung - und um das Geld fürs Leben, das oft das schwierigste aller Probleme schien. Die Krankheit begrub die Hoffnung vollends, aus der Malerei einen Brotberuf zu machen. Hinter Marion stapelten sich die leeren Leinwände, die sie für den Start in die freie Künstlerexistenz gehortet hatte. Sie musste Aufträge absagen, die letzte Kraft raubte die Auseinandersetzung mit den Ämtern um angemessene Ernährung, Medikamente, Therapien. Was so bleibt, wenn...
26.05.2019
Der Genannte, im Folgenden einfach Harro, war zeitlebens um zwei Dinge bemüht: Zum einen um die Erkenntnis seiner selbst, zum anderen um die Erkenntnis dessen, was Liebe ist. Dass beides sich mit Hilfe ein und derselben Person bewerkstelligen ließ, namentlich Rike, der Frau seines Herzens, war ein seltenes Glück, das er als solches durchaus empfand. Zumal es sich spät und völlig unerwartet einstellte. Denn sein Leben schien geradewegs auf ein Desaster zuzusteuern.
19.05.2019
Wenn sie nicht drangenommen wurde, lief sie nach vorn und rief: „Ich, ich!“
Nachruf auf Maria Wunsch
„Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort / Erlkönigs Töchter am düstern Ort?“ Die Töchter sind noch keine sechs, da stehen sie vor ihrer Mutter und tragen mit ernsten Gesichtern den „Erlkönig“ vor. Ihre Mutter, Maria, muss ein wenig lachen. Doch ist es verwunderlich, dass die drei, Barbara, Monika und Renate, noch bevor sie zum ersten Mal auf einer Schulbank sitzen, so hingerissen sind von den schaurig-schönen Zeilen? Sie tun es ihrer Mutter ja nur gleich.
19.05.2019
„Erden Sie sich! Fliegen Sie mir nicht davon!“ „Aber ich bin doch Peter Pan!“
Nachruf auf Vera Freytag
Du sitzt vor deiner Bewusstseinsprothese, deinem Tor in die Welt, und du begreifst, dass das Tor eine Mauer ist. Mit deinem Computer gelangst du in Welten, liest, was andere geschrieben haben, schreibst, was andere lesen sollen. Manchmal setzt einer einen Daumen drunter, manchmal schreibt dir jemand, dass deine Texte toll sind. Das mag ja stimmen, großartig sind sie. Blöd nur, dass du weißt, dass es so viel Großartigeres gibt. Irrsinnig könntest du werden bei dem Gedanken, dass das, was du kannst,...
12.05.2019
Familie war für sie alles. Natürlich musste den Eltern auf dem Hof geholfen werden. Und natürlich stand sie an der Seite ihres Mannes und erledigte zu Hause alles, was zu erledigen war. Und die Söhne und Enkel? Die sollten so nah wie nur irgendwie möglich bei ihr wohnen bleiben.
12.05.2019
Es war die Nachtigall und nicht die Lerche, die Friedrich Steinhauer seinen Künstlernamen gab: Nachtigall von Ramersdorf, welches ein Stadtteil von München ist, der wenig Poetisches verspricht. Aber bei Licht mochte Friedrich die Welt ohnehin nie sehen, stets nur in der Nacht, da war Schwabing so nah wie Haiti, und Friedrich sang in den höchsten Tönen überall dort, wo der Chor der wohlmeinenden Herzen einstimmte: „In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine, / denn die Liebe im hellen Mondenscheine...
05.05.2019
Häufungen, immer wieder. Häufungen von Gegenständen. Von Gegenständen, die in freundlichen Kinderzimmern herumliegen: eine Puppe, ein Plüschbär, Legosteine, ein Gummikaninchen, eine Gummirobbe. Hübsche, harmlose Dinge hübscher, harmloser Kinder. Aber dieser Puppe dort hat jemand den Arm ausgerissen. Erst geherzt, dann verletzt. Und was soll die Pistole zwischen den Bauklötzen? Sind sie etwa doch nicht so harmlos, die Kinder? Verbergen sie grausame Gedanken hinter ihren glatten Stirnen? Die Gegenstände...