Nachrufe
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02.10.2015
„Ich bin keine Pfarrfrau. Ich bin Ärztin!“
Nachruf auf Marianne Wossidlo (Geb. 1937)
Eine Frau tritt aus der Umkleidekabine. Sie dreht sich ein wenig vor dem Spiegel, zupft am Saum des Kleides und an den Ärmeln. „Prima!“, flötet es da. „Sitzt doch prima!“ Zufrieden legt die Verkäuferin die Hände in ihre Hüften. Und lässt sie erschrocken gleich wieder sinken, als dicht neben ihr eine Stimme ertönt: „Das sitzt überhaupt nicht. Sehen Sie nicht die Falten in der Taille?“ Es spricht der Ehemann der Kundin.
02.10.2015
Für den Verkauf war Werner zuständig, sie für die Bücher
Nachruf auf Gerda Leuthold (Geb. 1921)
Die Markthalle Neun in Kreuzberg, der Büroartikel-Stand der Leutholds: Keinen einzigen Artikel gab es aus irgendeiner zufälligen Laune. Jedes noch so kleine Stück hatte seinen Verkaufsgrund und seinen abgezirkelten Verkaufsplatz. Er stach entweder direkt ins Auge oder war schnell vom Tresen aus zu erreichen. Wo kein Raum war, musste Platz geschaffen werden. Doch bevor er einen Platz in der Auslage erhielt, wanderte jeder Artikel durch das Wareneingangsbuch. Nach dem Verkauf wurde das Produkt erst...
02.10.2015
„Es ist zum Kotzen, wenn ich das nicht fertigmachen kann“
Nachruf auf Frank Burckner (Geb. 1930)
Bei 39 Grad im Schatten wird seine Urne bestattet. „Der Frank muss einen schönen Tag haben“, darin sind sich alle einig, die da in hellen Kleidern auf dem Waldboden sitzen. Es riecht nach Grün, sein Sohn spielt Klavier, die Tochter Xylofon. Neben ihm ruht nun, zufällig, ein Veranstaltungstechniker. Zu Lebzeiten kamen ja immer von ihm die Ideen für verrückte Projekte. Ohne Veranstaltungstechniker hätte er keins davon umsetzen können.
25.09.2015
Man musste ihn nur seiner Wege ziehen lassen
Nachruf auf Claus-Dieter Steyer (Geb. 1956)
Selbstverständlich ist er alleine losgefahren. Erstens gab es niemanden, der diese Touren mitmachen wollte. Man kam ja gar nicht hinterher. Zweitens hätte jemand, der gewollt hätte, womöglich seine eigenen Vorstellungen eingebracht. Später losfahren. Pause machen, wenn keine Pause im Plan steht. Wie soll man da vernünftig planen?...
25.09.2015
Ein Shtetl, mitten in Deutschland, und alle riefen: „Masel tov!“ Im Jahr 1946
Nachruf auf Lea Waks (Geb. 1929)
Aron und Lea. Er hatte das Ghetto Lodz überlebt. Sie hatte das Ghetto Lodz überlebt. Sie hatten die Deutschen überlebt. Die Erinnerungen, eingebrannt. Sie sahen sich an und mussten nicht darüber reden. Sie wollten nicht. Warum auch? Warum all das rausholen? Sie sahen sich an, und wussten, was hinter der Stirn des anderen tobte. Die Stille war laut genug.
11.09.2015
Es ging ihr schlecht genug, dass sie der Einladung folgte
Nachruf auf Bernadette Hatlapa (Geb. 1953)
War es vor vier Jahren oder vor fünf, als Bernadette auftauchte? Egal, es war Winter, und sie war blau vor Kälte. Gezittert hat sie sowieso, dazu musste es nicht kalt sein. Sie hatte diese Krankheit, die früher Veitstanz hieß und inzwischen Chorea Huntington. Sie zitterte unentwegt, machte Verrenkungen, schnitt Grimassen, sprach, wenn sie überhaupt mal sprach, so, dass man sie kaum verstand. Und war nicht ganz bei Trost.
11.09.2015
Funkkanal IV, der ist frei für Streit oder Anmache
Nachruf auf Dorothea Krafzick (Geb. 1947)
Mäh“, blökt es in die Flaute dieser späten Stunde. Wenig los heute, kaum Kundschaft. „Mäh“, antwortet die Herde der Taxifahrer ihrer Zentrale. Heute wieder durch die Nacht mit Dorothea Krafzick. Mit einer Stimme, so tief und so rau, dass sie die Langeweile tötet.
04.09.2015
Eine Ich-AG braucht kein Attest vom Arzt
Nachruf auf Christian Wurm (Geb. 1967)
Die Trompete bestellte Christian im Internet. Der Klang war nicht so wichtig, er konnte sie gar nicht richtig spielen. Schön laut sollte sie sein, denn er selbst war eher ein stiller Mensch. An der Weltzeituhr am Alexanderplatz hatte er einige Tage zuvor zwischen Demonstranten gestanden, die gegen die „Agenda 2010“ protestierten. Christian, der Professorensohn aus Zehlendorf, war 37 Jahre alt, und es war seine erste Demo.
04.09.2015
Sie liebte ihre Arbeit, und sie war beliebt. Nur taktieren konnte sie nicht
Nachruf auf Sabine Schmidt (Geb. 1956)
Seit den Tagen der Steinzeit erkennen Schüler auf den ersten Blick, ob ein Lehrer in der freien Wildbahn namens „Schule“ überlebt oder nicht. Manche, die vor die Klasse treten, brauchen die Keule als Stütze ihrer Autorität, andere duzen, noch bevor sie gesiezt werden, und die besten, die machen einfach guten Unterricht. Wenn Sabine Schmidt in die Klasse kam, dann immer mit der klaren Ansage: „Ich bin Lehrer, ihr seid Schüler, wir sind keine Freunde, aber wir können dennoch Spaß miteinander haben.“...
04.09.2015
Die Welt: ein unendliches wechselseitiges Verschlingen
Nachruf auf Malek Alloula (Geb. 1937)
Da ist das Buch, das einzige im Haus der Eltern, ein Bildband über das zerbombte Berlin, durch das er immer wieder blättert. Oder das Fest zu Hause, die Tante, die ihn hochhebt, mit ihren starken Armen an sich presst und dem Jungen einen Schrecken einflößt: „Ich esse ihn auf, den Kleinen! Ich verschlinge ihn roh, bei lebendigem Leib!“ Alle lachen, es ist ein großer Spaß, der Kleine aber wird die Szene immer und immer wieder träumen, ein riesiger Mund mit Reißzähnen stößt in der Nacht die Drohung...