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03.02.2017
„Gut in Schach zu sein, ist Zeichen einer vergeudeten Kindheit“
Nachruf auf Hans Berliner (Geb. 1929)
Im Jahr 1965, kurz nach der Kubakrise, schreiben sich ein Russe und ein Amerikaner Postkarten. Die beiden führen Krieg; auf den Rückseiten der Karten stehen kurze Codes: „e4.“ „ e5.“ „ Sf3.“ „Sc6.“ „Lc4.“ „Sf6.“ Hans Berliner und Yakov Estrin führen Krieg auf 64 Feldern, Fernschach. Italienische Eröffnung, Zweispringerspiel in der Ulvestad-Variante; die Partie gilt als das beste Schachspiel des 20. Jahrhunderts. Estrin verliert nach 42 Zügen, was für ihn zwar schade ist, für diese Geschichte aber...
03.02.2017
„Warst du verliebt?“, fragt die Enkelin. „Aber ja“, sagt Oma Erika leise
Nachruf auf Erika Briese (Geb. 1925)
Jahr für Jahr verabschiedet sie sich und ist sicher, dass es ihr letzter Geburtstag, ihr letztes Weihnachten, ihr letzter Sommer sein wird. Doch die Zeit vergeht und Erika sieht erst ihre Enkelkinder groß werden und dann ihre Urenkelinnen: wie sie zur Schule gehen, ihr Abitur machen, ihr Studium beginnen. Und Erika? Die ist immer noch da und staunt: Was die Mädchen heute alles aus sich machen und was sie alles lernen können. Am liebsten fragt sie ihre Urenkelin über ihr Lehrerstudium aus: „Wenn ich...
27.01.2017
Unbedingt kämpfen, unbedingt leben. Schließlich ist sie jetzt Mutter
Nachruf auf Antje Kaiser (Geb. 1961)
Da ist ein Drängen in ihr. Immer vorwärts, immer weiter, immer gibt es noch etwas, das sie unbedingt machen will. Antje Kaiser will Professorin werden, noch mehr eigene Stücke inszenieren, ein Kind bekommen; das sind die großen Dinge. Englisch lernen, einen bestimmten Mann an ihrer Seite, das Beste aus ihren Schülern herausholen; das sind die kleinen. Keine Pause, die Arbeit maximal und unbedingt, koste es was es wolle, am Ende kostet es ihre Gesundheit.
27.01.2017
„Ramba“ wollte die revolutionäre Frage nicht nur theoretisch angehen
Nachruf auf Peter Rambauseck (Geb. 1934)
Man kann sich kaum vorstellen, dass die Stenotypistin Lotte Rambauseck aus der Hagenauer Straße, Prenzlauer Berg beglückt war, als sie im Frühjahr 1933 schwanger wurde. Die 25-jährige Mitarbeiterin im illegalen Abwehrapparat der Kommunistischen Partei war schon auf dem Sprung nach Moskau, um sich auf der Lenin-Schule für geheimdienstliche Arbeit ausbilden zu lassen.
20.01.2017
„Sprich mit den Steinen, dann sprechen die Steine mit dir“
Nachruf auf Uzur Özbay (Geb. 1958)
Halt inne! Setz dich auf eine Bank! Und wenn du Glück hast, setzt sich ein Mensch dazu. Forrest Gump vielleicht. Oder Ur, wie ihn seine Freunde nennen, Ur mit schwer gerolltem R. Und vielleicht erzählt er dir eine Geschichte. Die kann traurig sein, zumindest fängt sie traurig an, obwohl sie in einer wunderbaren Stadt beginnt: Istanbul. Eine junge schöne Frau, Krankenschwester, wird von ihrem Liebhaber verlassen, einem Arzt, der ihr seine Ehe verschwiegen hat. Sie bekommt ein Kind und geht fort aus...
20.01.2017
Gibt es einen, der ihr gefällt, fährt sie mit ihm baden
Nachruf auf Gerlind Erna Erlitz (Geb. 1930)
Es gibt ein Foto, kurz nach dem Krieg aufgenommen, da steht Gerlind mitten in Kreuzberg auf der Straße, im Hintergrund kaputte Häuser, Trümmerhaufen, alles grau in grau. Doch sie sticht hervor, hat ein weißes Kleid an, ein schwarzer Gürtel fixiert den Stoff an ihrem klapperdünnen Körper. Kurz zuvor war sie im Krankenhaus wegen Unterernährung.
20.01.2017
„Mein Leben, das sind 50 Jahre als Artistin und 50 als Adventistin“
Nachruf auf Elli Schulz (Geb. 1913)
Halb sechs, hopp, mit einem Satz aus dem himmelblau bezogenen Bett, drei Schritte nach vorn, die Beine hüftbreit, mit dem Oberkörper kreisen, als kurze Aufwärmübung, dann gehts los mit dem Frühsport, hinunter auf einen flauschigen rosa Vorleger, die Beine gestreckt, die Arme durchgedrückt, und: eins, zwei, drei ... Liegestütze wie ein Brett, hoch, runter, ohne Schwanken, ohne Ächzen. „So“, sagt Elli, wieder auf den Füßen, und läuft flink ins Badezimmer, nimmt einen kleinen, runden Spiegel und eine...
13.01.2017
„Jetzt muss ich meine Unordnung wieder neu herstellen“
Nachruf auf Wolfgang Ernst (Geb. 1943)
Zuletzt war seine Schwester wieder bei ihm. Sie legte sich mit aufs Sterbebett, sein Kopf ruhte auf ihrer Schulter. Und sie ließ ihn erzählen, leise, was immer ihm so durch den Kopf ging.
13.01.2017
Eine große Welt war das, kompliziert und voller Ansprüche
Nachruf auf Constantin Seeber (Geb. 1984)
Vertrauen. Es war eine warme Spätsommernacht vom siebten auf den achten September. Kurz vor zwölf schickte Constantin seiner Mutter eine Nachricht: „Bist du wach?“ War sie. Er stand vor ihrer Haustür, sie kam runter, er strahlte. „Steig auf. Lass uns ein Stück fahren!“ Er zeigte stolz auf die Honda, wo auch immer er die nun wieder her hatte. „Nur die Hildegardstraße hoch und runter. Wirst sehen, das macht Spaß.“ - „Ich hab doch gar keinen Helm.“ - „Nimm meinen!“ Und er guckte sie so an mit seinen...
06.01.2017
Ein flirrender Geist auf festem Grund
Nachruf auf Andreas Podkowa (Geb. 1967)
Die Liste ist lang: eine Burger-Imbiss-Bude in Marwitz, eine Oldtimer-Halle in Oranienburg, ein Rolls-Royce- Hochzeitsservice, die Vermietung von Ferienwohnungen, eine Trockeneis-Reinigung und der Vertrieb eines Energy-Drinks. „Das hat er alles gemacht?“ - „Das hat er alles gemacht! Neben seiner Vollzeitarbeit bei Siemens. Und an neuen Ideen tüftelte er bereits, Blechverkleidungen für Kühlschränke und ein Kletterpark für Kinder schwebten ihm vor. Mein Bruder hatte immer viele Bälle in der Luft.“
Einige...
Einige...