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14.10.2016
In Revuefilmen ist sie zu sehen. In Varietés umbrandete sie Applaus
Nachruf auf Evelyn Pfeiffenberger (Geb. 1919)
Der Wind weht vom Paradies her und lässt das hauchdünne Tutu zur Seite flattern. Ihr rechter Arm schlingt sich um den Hals des Tänzers, der sie mühelos zu drehen scheint, während ihre Beine sich in eine Schwerelosigkeit heben, die nie länger währte als einen Wimpernschlag. „Ich tanze mit dir in den Himmel hinein.“ Das tat sie von Kindesbeinen an, tanzen. Mit drei hatte sie ihren ersten großen Auftritt im Kurpark von Baden-Baden. Mit fünf ging sie in die Berliner Ballettschule von Tatjana Gsovsky,...
14.10.2016
Kein Mann im roten Mantel. Nirgends
Nachruf auf Ludwig Keßler (Geb. 1941)
Margarine in Berlin, Käse in Neu- Ulm, Fischkonserven in Cuxhaven. So kalauernd könnte die Kurzfassung seiner Karriere erzählt werden. Jede Stadt eine Speise, ein beruflicher Schritt nach vorn. Dabei hat er mit Margarine, Käse und Fischkonserven im engeren Sinn gar nichts zu tun, sondern mit den Maschinen, die sie herstellen. Sein Weg also ohne Witzelei: vom Schlosserlehrling zum Schlossermeister zum Ingenieur zum technischen Leiter beim Unilever-Konzern.
14.10.2016
Ein Dorfchronist mitten in Berlin
Nachruf auf Manfred Herbert Motel (Geb. 1942)
Pünktlich um 18 Uhr kommt Oberamtsrat Motel aus dem Büro, grüßt die Familie, stellt die Aktentasche in die Ecke und verschwindet in seinem Arbeitszimmer. Dort beackert er Archiv-Dokumente, forscht in Stammbäumen, zieht Akten aus dem Schrank, oder er rennt in die Scheune und sucht in Koffern nach alten Fotos. Rastlos läuft er auf und ab, hin und her, schlägt die Türen und Schränke auf und zu.
07.10.2016
Wenn andere Verbotenes probierten, behielt er den klaren Kopf
Nachruf auf Hartmut Domke (Geb. 1944)
Pink Floyd, 1975, „Wish You Were Here“. Der Song auf dem gleichnamigen Album setzt nicht einfach ein. Das Lied davor, „Have a Cigar“, endet, und man hört ein Radio, an dessen Senderknopf jemand dreht. Fetzen von Stimmen, ein Mann, eine Frau, dann ein paar Takte Tschaikowski, Rauschen, das Knistern einer Vinyl-Scheibe, und erst jetzt beginnt eine akustische Gitarre die Anfangsakkorde zu spielen von „Wish You Were Here“.
07.10.2016
Sie verkaufte nichts, sie bettelte nicht, sie saß nur da, las und wartete
Nachruf auf Caroline Luft (Geb. 1975)
Am Eingang zum S-Bahnhof Zehlendorf, gleich vor der City Toilette, steht ein Eimer mit einem großen Blumenstrauß, daneben zwei Holzbrettchen, auf die jemand „In Gedenken an Caro. R.I.P.“ geschrieben hat, auf dem einen ein Sterbedatum: 24. 9. 2016, auf dem anderen ein anderes: 25. 9. 2016. In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag ist sie gestorben, wann genau, das weiß niemand hier, woran genau, auch nicht. Dabei kannten sie sie alle irgendwie, so sagen sie, die von den Läden rund um den Bahnhof,...
30.09.2016
Er jobbte im Eiscafé, sammelte schöne Schuhe und Erfahrungen
Nachruf auf Klaus Jacobs (Geb. 1960)
Zum ersten Mal verliebt hat sich Klaus, da war er noch gar nicht geboren. Seine Mutter Gudrun ist sich ganz sicher, sie war ja dabei, hochschwanger, in einem dunklen Kinosaal. Eigentlich musste sie schon jeden Tag damit rechnen, dass das Baby kommen würde, aber für „Manche mögens heiß“, den neuen Film mit Marilyn Monroe, riskierte sie zusammen mit Klaus Vater einen Ausflug in die Stadt. Zwei Musiker, auf der Flucht vor Mafiakillern, tauchten, als Frauen verkleidet, in einer Damenkapelle unter. Die...
30.09.2016
Von der Kuh, die ihr und ihren Kindern das Leben rettete, hat sie erzählt
Nachruf auf Gertrud Koellner (Geb. 1919)
Sie war 25, hatte zwei Kinder, der Sohn ein Jahr alt, die Tochter zwei, als ihr Glück darin bestand, das Fluchtschiff, das sie nach Westen bringen sollte, nicht mehr zu erreichen. Es war der Januar des Jahres 1945, ihre Heimat Ostpreußen war vom Rest des Deutschen Reiches abgeschnitten, wer konnte, floh über die Ostsee. Das Schiff, das sie mit ihren Kindern verpasste, war die „Wilhelm Gustloff“. Es wurde von einem sowjetischen U-Boot versenkt, die meisten Flüchtlinge an Bord kamen ums Leben.
30.09.2016
„Sehr elegant!“, hat ihr mal ein Mann aus dem fünften Stock hinterhergerufen
Nachruf auf Beate Ochmann (Geb. 1928)
Das Einzige, was Deutschland noch habe, so sagte Frau Ochmann wenige Monate vor ihrem Tod, sei die Gemütlichkeit. Und das muss man sagen: Gemütlich war es bei Frau Ochmann. Und sauber war es, sehr sauber.
23.09.2016
„Vielleicht kauf ich mir doch noch einen Computer“
Nachruf auf Ursula Platz (Geb. 1924)
Diese Unruhe, etwas zu erleben, zu sehen, das sie noch nie gesehen hat, immer schon, als junge Frau und auch Jahrzehnte später als Dame von 90. Keine nervöse Unruhe, lebhafte Neugierde eher. Obwohl sie auf die erste große Veränderung gern verzichtet hätte. Denn die ersten acht Kinderjahre im Oderbruch waren herrlich. Ein Hof mit Hausangestellten, ein Garten, Kirschbäume und Spargelfelder und eine Gänsemast. Die Großeltern, die Eltern, die beiden älteren Brüder und sie, Ursula, das Nesthäkchen. Doch...
23.09.2016
Deutscher Jude oder jüdischer Deutscher?
Nachruf auf Horst Tichauer (Geb. 1920)
Sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister, zunächst wünsche ich Ihnen einen guten Tag. Dann möchte ich mich Ihnen in Erinnerung bringen. Mein Name ist Tichauer. Ich sprach Sie am letzten Sonntag im Jüdischen Gemeindehaus an. Habe nicht ein Problem, weswegen ich Sie bitten möchte, mir etwas Ihrer kostbaren Zeit zu opfern, sondern deren zwei. Mein ganz persönliches Problem ist die Klärung der Frage, Jude in Deutschland oder deutscher Jude?“...