Nachrufe
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07.04.2017
Ihre Haare färbt sie blond. Sie sagt: „Ich habe mich aufgenordet“
Nachruf auf Lilli Nachama (Geb. 1922)
Am 27. Februar 1943, ihr Geburtstag liegt da schon über 20 Jahre zurück, entscheidet sich noch einmal, dass Lilli leben soll. Es ist das Datum, das wie ein Feiertag durch die Familie getragen wird. Es ist der Tag, an dem sich der Vorarbeiter, das Ekel, ausgerechnet, von hinten über die jüdische Zwangsarbeiterin bei Siemens beugt und sie warnt: Sie müsse jetzt ihren Mantel nehmen und aus dem Hinterausgang verschwinden, sofort. Lilli rennt, rennt, und fährt dann, soeben der Deportation entgangen, den...
31.03.2017
„Ich bestimme. Ihr tanzt nach meiner Pfeife.“
Nachruf auf Hans Zerban (Geb. 1953)
Er war der Chef vom Ganzen. „Ich bestimme. Ihr tanzt nach meiner Pfeife.“ Wenn der Fahrdienst wie immer pünktlich um 7.45 Uhr kam, dann kam Hans wie immer 7.47 Uhr. So viel Zeit musste sein. „Wer legt denn fest, dass der neue Tag um null Uhr eins beginnt?“ Artikel eins seines ganz persönlichen Grundgesetzes: „Das System lehne ich ab!“ - „Welches System?“ - „Jedes System!“...
31.03.2017
Wozu hatte Gott ihn erschaffen? Das ließ sich nur in den Büchern klären
Nachruf auf Bernd Gärtner (Geb. 1942)
Immer montags kommen sie im „Wilhelm Hoek 1892“ zusammen, der Vollholz-Raucherkneipe in der Wilmersdorfer, die nach gefühlt hundert Jahren unerschütterlichen Daseins fast geschlossen worden wäre und dann doch weiterbestehen durfte. Wer hier das Zeitliche segnet, nach vielen Jahren unverdrossenen Antrinkens gegen den Zeitgeist, „soliden Blicks, schaumgeboren“ (Gottfried Benn), in rauchgeschwängerter Atmosphäre, nach zahllosen politischen und wissenschaftlichen Disputen, mannigfacher Weitergabe literarischer...
24.03.2017
Schließlich fand sie kleine Blumensträuße auf ihrem Fahrradsattel
Nachruf auf Gertrud Tschinkel (Geb. 1931)
Gertrud nannte es das Kartoffelwunder. Es war Winter, sie lief die Landstraße entlang und stemmte sich gegen den schneidend kalten Wind Mecklenburgs. Ihr Blick glitt umher, spähte in die Gärten und auf die Felder. Etwas zu essen. Irgendetwas. Bitte. Ihr Bauch war so leer, seit Tagen schon.
24.03.2017
Er kannte ihre kleinste Pfeife, er registrierte jede nervöse Verstimmung
Nachruf auf Hans Eichberg (Geb. 1930)
Die Maxime seines Lebens lautete: Meide Orte, die keine Orgel haben! Hans Eichberg besaß zwei Orgeln, eine im Kino Babylon, die andere im Wohnzimmer. Am 14. Januar 2015 notierte er in sein Tagebuch: „Anna Vavilkina spielt ein Jahr an der Kino-Orgel.“ Am 14. März stand da: „Mein 85. Geburtstag, Timo + Anna kommen, Anna spielt viel auf meiner Orgel.“...
17.03.2017
„Dann nimm mich doch mit“
Nachruf auf Thea Masloke (Geb. 1924)
Alle sagen, dass Thea Masloke ein besonderer Mensch war. Doch wie beschreibt man diese Besonderheit, wenn das herausragende Merkmal nicht in einer weltbewegenden Arbeit liegt oder einer großartigen Erfindung? Wenn das Besondere nicht in großen Taten, sondern viel mehr darin bestand, wie Thea Masloke einfach war?...
17.03.2017
Es geht um Verdrängtes, nicht Benanntes
Nachruf auf Aline M. (Geb. 1976)
Nachbarn haben die Polizei gerufen. Aus der Wohnung im vierten Stock drang wieder Lärm, der brüllende Mann, die wimmernde Frau, Gepolter. Die Polizei dringt in die Wohnung ein, legt dem Mann Handschellen an, die Frau rennt auf den Balkon. Eine Polizistin folgt ihr, die Frau klettert auf die Balustrade. Die Polizistin ruft: „Kommen Sie zurück! Es wird alles gut.“...
10.03.2017
„Ich spreche Sie doch auch nicht auf Adolf Hitler an“
Nachruf auf Peter Ott (Geb. 1944)
Ihren Ausweis, bitte.“ Der Polizist sagt den Satz, als frage er einen Passanten nur freundlich nach der Uhrzeit. Peter Ott ist trotzdem misstrauisch. Er kramt seinen Pass hervor, reicht ihn herüber.
10.03.2017
Wir sind da. Ob ihr wollt oder nicht. Wir sind da
Nachruf auf Odem (Geb. 1973)
In einer anderen Zeit wäre er ein Ritter gewesen, einer der Großen der Tafelrunde, hochherzig wie Parzival, treu liebend wie Tristan, draufgängerisch wie Iwein. Ein Berserker, wenn es in den Kampf ging. Der sich bis aufs Blut reizen ließ, um dann mit drei, vier Gegnern gleichzeitig die Klinge zu kreuzen. Ein Knight of Colours, den jeder sofort an seinen Turnierfarben erkannte, denn sein Style war unique.
03.03.2017
„Wenn, dann richtig“, sagen sie und warten auf ein Wunder
Nachruf auf Werner Klaus Oberländer (Geb. 1933)
Hallo, ich bin Werner, darf ich um einen Tanz bitten?“ Mit diesem Satz geht alles los, mit diesen Worten beginnen 58 Jahre gemeinsames Leben. Werner und Erika. Sie schaut ihn prüfend an. Ein bisschen klein ist er, aber sie ist auch keine Riesin. Dafür ist er durchtrainiert, spielt Handball, jahrzehntelang. „Gerne“, sagt sie, nimmt seine Hand und folgt ihm auf die Tanzfläche des Schützenhofes in Spandau. Er bewegt sich gut, die Füße im Takt, die Hand an ihrer Hüfte. Angenehm ist es. Doch Schmetterlinge...