Nachruf auf Harro Pischon (* 24. Dezember 1945)
Der Genannte, im Folgenden einfach Harro, war zeitlebens um zwei Dinge bemüht: Zum einen um die Erkenntnis seiner selbst, zum anderen um die Erkenntnis dessen, was Liebe ist. Dass beides sich mit Hilfe ein und derselben Person bewerkstelligen ließ, namentlich Rike, der Frau seines Herzens, war ein seltenes Glück, das er als solches durchaus empfand. Zumal es sich spät und völlig unerwartet einstellte. Denn sein Leben schien geradewegs auf ein Desaster zuzusteuern.
An der ersten großen Liebe, seiner Mutter, lag es nicht. Sie tat im Verein mit seinen Tanten alles, um ihm die Kindheit so schön wie möglich zu machen, auch wenn der Vater sich früh davongestohlen hatte. Statt seiner kam ein Onkel Willi häufig zu Besuch, aber dass es sich dabei um ein Liebesverhältnis handelte, wurde nie zur Sprache gebracht. Der natürliche Vater war ein Frauenheld, von sehr verkniffener Moral, wenn es um andere ging, was Harro früh am Maskenspiel des bürgerlichen Lebens zweifeln ließ. Er suchte die Wahrheit in der Literatur und auf der Bühne, er wollte es zu etwas bringen, aber nicht im Sinn der Mutter als Karrierist, sondern als Wahrheitssuchender.
Harro folgte einer Sängerin nach Wien, wurde von ihr betrogen, studierte Theaterwissenschaft, ohne zur Ruhe zu kommen, ging nach Berlin, traf eine neue Liebe in den Seminaren Josef Rattners, der seinen Schülern die Heilung von dem Grundübel des Egoismus versprach, sofern sie gewillt waren, sich der Einsicht in die Beschränktheit ihres individuellen Seins zu öffnen.
Gemeinsam mit mehreren anderen Männern ließ er sich sterilisieren, denn es schien sinnvoll, keine eigenen Kinder mehr in die Welt zu setzen, sondern sich um jene zu kümmern, die schon da waren. Der Kopf diktierte dem Herz die Wünsche. Harro studierte auf Lehramt, heiratete erneut, obwohl er ahnte, dass die Ehe nicht funktionieren würde. Sie adoptierten zwei Kinder, ein Haus wurde gebaut, er war erfolgreich in seinem Beruf als Pädagoge, gab ihr die Zeit, sich die eigene Berufung zu suchen. Aber aus dem Zusammensein erwuchs kein Glück. „Alles vernünftig - ohne Liebe, außer zu den Kindern“, notierte er in seiner knappen Lebenschronik.
In den Affären, die ihn von der Ehe ablenkten, verlor er sich mehr und mehr. Nach außen hin wirkte er souverän, hatte viele Freunde, spielte Saxophon in einer Band, doch inwendig fühlte er sich besiegt von den unerfüllten Träumen. Jeder Mensch ist sich selbst zuweilen ein Rätsel. Harro war ein kluger Mann, aber er vermochte das Rätsel allein nicht zu lösen. Auch seine Freunde wussten keinen Rat. Selbst die Dichter waren sprachlos, obwohl sie so viele Worte machten. Denn über die Liebe lässt sich viel schreiben, sehr viel Kluges und sehr viel Trauriges und vor allem viel Vertracktes. Gerade daran hatte er eine besondere Freude, bevorzugt an Kleist, dessen Satzbau ja die ganze Kompliziertheit des menschlichen Seelenlebens so kristallin zu spiegeln scheint. Aber Denken erkaltet, und die Ausweglosigkeit des Grübelns lähmte ihn, denn alles schien, wenn schon nicht auf die leibliche Selbsttötung, so doch auf einen seelischen Gefrierbrand hinauszulaufen.
Harro verstand sich als Helfer, als Sorgender, als einer der verantwortlich für alles war. Selbst seinen Zorn über das Ungenügen all seines Tuns schrie er nicht laut hinaus, sondern er formulierte ihn bedächtig und mit der erzwungenen Ruhe des Verstandesmenschen: „Das macht mich richtig wütend.“
Er war schon fast am Ende mit seiner Weisheit, da wendete sich alles zum Guten. Im dunklen Monat November war es, im Jahr 1998, bei einer Fortbildung für Darstellendes Spiel: Er traf Rike. Von da an ging's bergauf!
Reden lässt sich viel über die Liebe, aber erleben lässt sie sich nur im Miteinander. Als er Rike sah, wurde ihm das schlagartig klar. Beide fanden sie sich wieder in einem so erfüllenden Zusammensein, dass sie staunen mussten, wie einfach das ging. „Wir haben aufeinander gewartet“, stellten sie einhellig fest und addierten fortan ihre Lebensjahre. Sie war 41, er 52, da blieb noch viel Zeit zum alt werden, und kein Tag sollte verloren gehen.
„Alle eure Dinge lasset in der Liebe geschehen“, riet der Apostel Paulus den beiden bei der Eheschließung, was ganz leicht ist, wenn man fortwährend im Gespräch bleibt, und sich gern ansieht, anfasst, anlacht, und überhaupt wahnsinnig liebt. „Herzallerliebste Madam“, rief er sie, und sie seufzte beim Anblick seiner Wölbungen: „Ich liebe deinen Leib!“ Und wenn sie sich schminkte, spitzte er die Lippen zum Pfiff: „Flott Frau Stollreiter!“
Es war natürlich nicht alles Sonnenschein im Zusammenleben, aber es gab etwas, das nicht mehr hinterfragt werden musste, das Empfinden, füreinander geschaffen zu sein. Was bei ihm vieles anregte, vor allem die poetische Mitteilungsfreude: „Wie schön - er schreibt Gedichte! / Wie traurig - er hat es nötig. / Wie gut - er fühlt.“
Denn er, der bis dahin so unerfahren war in der Grammatik der Gefühle und der Syntax der Körper, begriff nach und nach, dass sich die Sprache der Liebe nur im Dialog sprechen lässt. „Plötzlich ist da ein Mensch, der dir löst Zunge, Glieder, Wünsche. Plötzlich hast du wieder einen Körper.“
Liebe ist die vorher nie geahnte Zeit, aber natürlich erfordert das Glück des Zusammenseins kleine eheerhaltende Maßnahmen, als da wären Paartanz, Herbstreisen ohne die Kinder, Fahrradtouren um jeden beliebigen See, kleiderlose Nächte unter großen Bettdecken und eine täglich zu erneuernde tief empfundene Dankbarkeit. Harro war kein gläubiger Mensch, aber an Rikes Gläubigkeit konnte auch er sich stärken, und gegenüber dem Walten und Schalten des lieben Gottes in einer so wirren Welt mochte er, nicht unähnlich den Helden seines großen Vorbildes Heinrich Kleist, etliche Vorbehalte hegen, doch eins musste er zugeben: Ihre Liebe war ein Gottesgeschenk. Auch wenn er das nur dachte, während sie den Mut hatte, es auszusprechen.
Sie wusste: Wenn das Herz stehen bleiben soll, bleibt es stehen. Denn er hatte ein schwaches Herz, um so erstaunlicher war es, dass es so kräftig für sie schlug, was er in dem ungewöhnlich schlichten Satz zusammenfasste: „Du hast mir die schönsten und glücklichsten Jahre meines Lebens geschenkt.“ Gregor Eisenhauer
DER HIMMEL ÜBER BERLIN-PRENZLAUER BERG AM 8. MAI UM 17:10. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
An der ersten großen Liebe, seiner Mutter, lag es nicht. Sie tat im Verein mit seinen Tanten alles, um ihm die Kindheit so schön wie möglich zu machen, auch wenn der Vater sich früh davongestohlen hatte. Statt seiner kam ein Onkel Willi häufig zu Besuch, aber dass es sich dabei um ein Liebesverhältnis handelte, wurde nie zur Sprache gebracht. Der natürliche Vater war ein Frauenheld, von sehr verkniffener Moral, wenn es um andere ging, was Harro früh am Maskenspiel des bürgerlichen Lebens zweifeln ließ. Er suchte die Wahrheit in der Literatur und auf der Bühne, er wollte es zu etwas bringen, aber nicht im Sinn der Mutter als Karrierist, sondern als Wahrheitssuchender.
Harro folgte einer Sängerin nach Wien, wurde von ihr betrogen, studierte Theaterwissenschaft, ohne zur Ruhe zu kommen, ging nach Berlin, traf eine neue Liebe in den Seminaren Josef Rattners, der seinen Schülern die Heilung von dem Grundübel des Egoismus versprach, sofern sie gewillt waren, sich der Einsicht in die Beschränktheit ihres individuellen Seins zu öffnen.
Gemeinsam mit mehreren anderen Männern ließ er sich sterilisieren, denn es schien sinnvoll, keine eigenen Kinder mehr in die Welt zu setzen, sondern sich um jene zu kümmern, die schon da waren. Der Kopf diktierte dem Herz die Wünsche. Harro studierte auf Lehramt, heiratete erneut, obwohl er ahnte, dass die Ehe nicht funktionieren würde. Sie adoptierten zwei Kinder, ein Haus wurde gebaut, er war erfolgreich in seinem Beruf als Pädagoge, gab ihr die Zeit, sich die eigene Berufung zu suchen. Aber aus dem Zusammensein erwuchs kein Glück. „Alles vernünftig - ohne Liebe, außer zu den Kindern“, notierte er in seiner knappen Lebenschronik.
In den Affären, die ihn von der Ehe ablenkten, verlor er sich mehr und mehr. Nach außen hin wirkte er souverän, hatte viele Freunde, spielte Saxophon in einer Band, doch inwendig fühlte er sich besiegt von den unerfüllten Träumen. Jeder Mensch ist sich selbst zuweilen ein Rätsel. Harro war ein kluger Mann, aber er vermochte das Rätsel allein nicht zu lösen. Auch seine Freunde wussten keinen Rat. Selbst die Dichter waren sprachlos, obwohl sie so viele Worte machten. Denn über die Liebe lässt sich viel schreiben, sehr viel Kluges und sehr viel Trauriges und vor allem viel Vertracktes. Gerade daran hatte er eine besondere Freude, bevorzugt an Kleist, dessen Satzbau ja die ganze Kompliziertheit des menschlichen Seelenlebens so kristallin zu spiegeln scheint. Aber Denken erkaltet, und die Ausweglosigkeit des Grübelns lähmte ihn, denn alles schien, wenn schon nicht auf die leibliche Selbsttötung, so doch auf einen seelischen Gefrierbrand hinauszulaufen.
Harro verstand sich als Helfer, als Sorgender, als einer der verantwortlich für alles war. Selbst seinen Zorn über das Ungenügen all seines Tuns schrie er nicht laut hinaus, sondern er formulierte ihn bedächtig und mit der erzwungenen Ruhe des Verstandesmenschen: „Das macht mich richtig wütend.“
Er war schon fast am Ende mit seiner Weisheit, da wendete sich alles zum Guten. Im dunklen Monat November war es, im Jahr 1998, bei einer Fortbildung für Darstellendes Spiel: Er traf Rike. Von da an ging's bergauf!
Reden lässt sich viel über die Liebe, aber erleben lässt sie sich nur im Miteinander. Als er Rike sah, wurde ihm das schlagartig klar. Beide fanden sie sich wieder in einem so erfüllenden Zusammensein, dass sie staunen mussten, wie einfach das ging. „Wir haben aufeinander gewartet“, stellten sie einhellig fest und addierten fortan ihre Lebensjahre. Sie war 41, er 52, da blieb noch viel Zeit zum alt werden, und kein Tag sollte verloren gehen.
„Alle eure Dinge lasset in der Liebe geschehen“, riet der Apostel Paulus den beiden bei der Eheschließung, was ganz leicht ist, wenn man fortwährend im Gespräch bleibt, und sich gern ansieht, anfasst, anlacht, und überhaupt wahnsinnig liebt. „Herzallerliebste Madam“, rief er sie, und sie seufzte beim Anblick seiner Wölbungen: „Ich liebe deinen Leib!“ Und wenn sie sich schminkte, spitzte er die Lippen zum Pfiff: „Flott Frau Stollreiter!“
Es war natürlich nicht alles Sonnenschein im Zusammenleben, aber es gab etwas, das nicht mehr hinterfragt werden musste, das Empfinden, füreinander geschaffen zu sein. Was bei ihm vieles anregte, vor allem die poetische Mitteilungsfreude: „Wie schön - er schreibt Gedichte! / Wie traurig - er hat es nötig. / Wie gut - er fühlt.“
Denn er, der bis dahin so unerfahren war in der Grammatik der Gefühle und der Syntax der Körper, begriff nach und nach, dass sich die Sprache der Liebe nur im Dialog sprechen lässt. „Plötzlich ist da ein Mensch, der dir löst Zunge, Glieder, Wünsche. Plötzlich hast du wieder einen Körper.“
Liebe ist die vorher nie geahnte Zeit, aber natürlich erfordert das Glück des Zusammenseins kleine eheerhaltende Maßnahmen, als da wären Paartanz, Herbstreisen ohne die Kinder, Fahrradtouren um jeden beliebigen See, kleiderlose Nächte unter großen Bettdecken und eine täglich zu erneuernde tief empfundene Dankbarkeit. Harro war kein gläubiger Mensch, aber an Rikes Gläubigkeit konnte auch er sich stärken, und gegenüber dem Walten und Schalten des lieben Gottes in einer so wirren Welt mochte er, nicht unähnlich den Helden seines großen Vorbildes Heinrich Kleist, etliche Vorbehalte hegen, doch eins musste er zugeben: Ihre Liebe war ein Gottesgeschenk. Auch wenn er das nur dachte, während sie den Mut hatte, es auszusprechen.
Sie wusste: Wenn das Herz stehen bleiben soll, bleibt es stehen. Denn er hatte ein schwaches Herz, um so erstaunlicher war es, dass es so kräftig für sie schlug, was er in dem ungewöhnlich schlichten Satz zusammenfasste: „Du hast mir die schönsten und glücklichsten Jahre meines Lebens geschenkt.“ Gregor Eisenhauer
DER HIMMEL ÜBER BERLIN-PRENZLAUER BERG AM 8. MAI UM 17:10. Foto: Doris Spiekermann-Klaas