Nachrufe
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15.06.2012
Die Namen sind eigentlich egal, über allem steht: Prinzip Hoffnung
Nachruf auf Klaus Achterberg (Geb. 1949)
Mai 1967, „Neue Welt“, Hasenheide. Jimi Hendrix spielt sein erstes Berlin-Konzert. Die Fotos schießt Klaus Achterberg, gerade 18 Jahre alt, und verkauft sie an die Presse. In diesen Wochen erscheint die erste Nummer des „music report“, ein 20-seitiges Heft, das aussieht wie eine Schülerzeitung, aber nicht nur anders sein will als die Hochglanzmagazine, sondern viel, viel besser. Herausgeber, Autor und Fotograf ist Klaus. Er schreibt Lobeshymnen auf neue Bands, seine Musik soll die Musik aller werden.
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08.06.2012
Nie soll man vergessen, woher man kommt
Nachruf auf Klaus Liebmann (Geb. 1933)
Vielleicht langweilten sie sich eines Tages. Vielleicht hatten sie sich sattgesehen an den Ufern der Flüsse, auf denen sie in ihren Faltbooten Kilometer um Kilometer zurückgelegt hatten. Vielleicht nahm jemand einfach sein Paddel und spielte damit einem anderen Kanufahrer einen Ball zu, der ihn wiederum mit einer geschickten Drehung seinem Hintermann entgegenschleuderte. Genau kann niemand sagen, wie Kanupolo entstanden ist. Einige Theorien kursieren, jede könnte zutreffen. Sicher aber ist, dass...
08.06.2012
Der Grenz- übertritt des Bibers war nur noch eine Frage der Zeit
Nachruf auf Wilhelm Recker (Geb. 1935)
Der Biber wird bald das „Territorium der selbstständigen Einheit Westberlins“ erreichen. Das stand in einem Brief, den der West-Berliner Biologe Manfred Krauß 1987 erhielt. Sein Absender hieß Willi Recker, Naturschützer und Biberexperte aus Ost-Berlin. Er hatte über längere Zeit beobachtet, wie sich der fast schon ausgerottete Biber langsam von Osten her neuen Lebensraum eroberte. Der Grenzübertritt war nur noch eine Frage der Zeit, und Willi Recker suchte nach Gleichgesinnten auf der anderen Seite,...
08.06.2012
Astronom hätte er werden müssen
Nachruf auf Edgar Mädlow (Geb. 1921)
Er war sich nicht sicher, ob er diese Rede durchstehen würde, 20 Minuten. Würden seine Beine, würde seine Stimme tragen? Sein Leben lang war Edgar Mädlow ein großer Redner gewesen. Selbstbewusst, frei hat er gesprochen, egal wie groß sein Publikum war. Jetzt hatte Mädlow seine Worte aufgeschrieben, zum ersten Mal. „Damit ihr sie, wenn ich es nicht schaffe, verlesen könnt.“ Februar 2012, Mädlow ist 90. Er soll eine Laudatio halten für einen ehemaligen Kollegen.
01.06.2012
Wer keine Heimat hat in sich, wird keine finden
Nachruf auf Borislav Boyadjiev (Geb. 1943)
Der Schrei ist unsere erste Reaktion auf die Welt, auf diese plötzliche beängstigende Offenheit. Offenheit? Die Angst war nicht nur in ihm, sie war auch außen, und sie blieb. Dieses Außen bebte, es dröhnte, stürzte fortwährend in sich zusammen. Borislav Boyadjiev wurde in die Bombennächte von Berlin hineingeboren, in den Untergang einer Stadt. Als er ein Jahr und sieben Monate alt war, wurde die Stadt plötzlich leise. Jetzt hätte eine Nachkriegskindheit wie so viele andere beginnen können, schwerer,...
01.06.2012
Ihr Notarztwagen war ein Fahrrad, ihre Wege führten über Land
Nachruf auf Dorothea Rohde (Geb. 1915)
So rotbäckig und stabil war sie, dass die Eltern fanden, Dorothea brauche im Gegensatz zu ihren vier Geschwistern den täglichen Löffel Lebertran nicht. Ein Glück? Nein, riesengroßes Pech! Denn ohne Lebertran auch kein Schokoplätzchen gegen den schlechten Geschmack.
25.05.2012
"Das könnte doch unser Sohn machen"
Nachruf auf Günter Böhl (Geb. 1926)
Jeden Mittwoch traf sich im Rathaus Schöneberg eine Gruppe psychisch kranker und alter Menschen zu Kaffee und Kuchen, zum Basteln oder zum Tanzen. Günter Böhl schob sie gerne über das Parkett, einen nach dem anderen. Denn er liebte das Tanzen, und er freute sich, wenn sie sich freuten.
25.05.2012
Sie hatte so viele Pläne und Träume für dieses Jahr. Es sollte ihr Jahr werden
Nachruf auf Josephin Große (Geb. 1994)
Als ob der Himmel noch Engel bräuchte. Warum sonst musste sie sterben? Am Abend des 2. Januar fand der Vater nach der Heimkehr von seiner Arbeit die Tochter tot zu Hause. Wenig später kam die Mutter dazu. Da bleibt das Herz stehen, auch wenn es weiterschlägt. Der Notarzt traf ein und informierte die Polizei. „Wir müssen den Leichnam beschlagnahmen. Es wird eine Obduktion durchgeführt.“ Da kein Verbrechen vorlag, dauerte es monatelang, bis die Ergebnisse vorlagen. Der bürokratische Gang.
25.05.2012
Dann wurden Antworten erwartet, Entscheidungen, sofort
Nachruf auf Silvia Tollmann (Geb. 1958)
Sie ist weit gekommen mit ihren großen, schnellen Schritten, die man schon von Weitem hören konnte. Schnell, schnell, das ist wichtig in ihrer eiligen Branche, so wichtig wie das Handy ständig am Ohr. „Toll – mann“, sagte sie, verbindlich und nett, auch wenn es zum hundertsten Mal klingelte, nicht „Ja“ oder „Was“. Dann waren Agenturen dran oder Ämter, Assistenten, Hotelmanager, Chauffeure, Friseure, Regisseure, Requisiteure, Maskenbildner, Caterer, ob in Russland, Spanien, Marokko oder Deutschland.
18.05.2012
Er wollte alles wieder gutmachen
Nachruf auf Heinz Hartmaring (Geb. 1940)
Heinz Hartmaring hatte sein Leben klar strukturiert: In der Mittagspause kam er täglich nach Hause und schlief zwanzig Minuten, bevor er nach einem kurzen Orgelspiel zurück zur Arbeit ging. Dienstags ging er zum Gemeindekirchenrat und mittwochs zum Chor. Der Montagabend war heilig: Keine Krankheit und keine Geburtstagsfeier konnten ihn davon abbringen, zu seiner Selbsthilfegruppe für trockene Alkoholiker zu gehen.