Nachrufe
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19.04.2013
"Aber Letzter sollten wir doch nicht werden"
Nachruf auf Ingeburg Einofski (Geb. 1937)
Die Mädchen haben ihre Haare streng nach hinten zu einem Pferdeschwanz oder Dutt gebunden. Sie haben sich anliegende Shorts und Hemdchen oder glitzernde Gymnastikanzüge angezogen. Sie laufen barfuß oder mit Schläppchen. Sie hüpfen hin und her, schwatzen und kichern.
19.04.2013
Er war immer auf Reisen und kaum unterwegs
Nachruf auf Thomas Erbstößer (Geb. 1954)
Einige der größten Reisenden der Welt haben nie einen Schritt vor die Tür gesetzt, sie hatten die Welt im Kopf. Oder in der Kiste – wie Thomas. Dort hatte der Kleine mehr als hundert Radfahrer aufbewahrt, fein säuberlich aus Papier zugeschnitten, selbst bemalt und mit Startnummern versehen. So konnte er die Friedensfahrt nachfahren und die Tour de France, Begleitautos und Siegertribüne inklusive. Eishockeyspieler hat er ausgeschnitten und gesammelt und Fußballer. Sein Lieblingsverein? Werder Bremen,...
19.04.2013
Das ist Blau und das da vorne Rot, und diese Farbe nennt man Gelb
Nachruf auf Herta Melzig (Geb. 1923)
Sie war da, immer. 72 Jahre lang. Wie selbstverständlich. Zu selbstverständlich vielleicht, um Fragen zu stellen.
12.04.2013
Mittags ins Kino, Eintritt frei, im Saal darf geraucht werden
Nachruf auf Rony Verhulst (Geb. 1957)
Seine Hinterlassenschaft passte in eine Popcorntüte mit einem lachenden Männlein drauf. Etwas Klimpergeld und kleine Scheine, ein kümmerlicher Rest. Den hat er selbst nicht mehr versaufen können. Ein letzter Gruß von Rony, der den Trauernden ein paar Runden beschert.
12.04.2013
Sie selbst neigte nicht zu Schwermut oder Grübelei
Nachruf auf Frieda Simon (Geb. 1910)
Auf einer hellen Straßenecke im schlesischen Reichenbach stand, stolz und für jedermann sichtbar, das „Kontorhaus Hirsch“. Neben Uhren und Schmuck gab es darin eine „Elektrola-Abteilung“, in der Grammofonplatten mit klassischer Musik verkauft wurden.
05.04.2013
Eines Abends setzte sie sich zu ihm und sagte leise: "Ich gehe."
Nachruf auf Katharina Albrech (Geb. 1946)
Die Leute drängten und schoben. Die Band stand schon auf der Bühne, der Gitarrist spielte ein kurzes Riff, der Typ hinter Helmut fuchtelte mit den Armen in der Luft und rammte ihm dabei seinen Ellbogen ins Kreuz, Helmut taumelte einen Schritt nach vorn und sah dann nur noch dieses Rot. In dichten weichen Wellen floss das rote Haar ihren Rücken hinab. Die Band legte jetzt los, die Leute stampften mit den Füßen, der Sänger bettelte „I wanna be your man“, das Rot vor Helmuts Gesicht flog hin und her,...
05.04.2013
Ein Musikerleben, das hätte er sich auch vorstellen können
Nachruf auf Norbert Luedtke (Geb. 1949)
Vor 40 Jahren riefen die Leute, die es sich gerade in ihrem bundesrepublikanischen Wohlstand eingerichtet hatten: „So einem geben wir unsere Kinder nicht. Die Haare, der sieht ja aus wie Jesus.“ Später sagten die Söhne und Töchter dieser Leute: „Unsere Kinder müssen mehr gefördert werden. In diesen Kinderladen kommen sie auf keinen Fall. Bei dem spielen sie doch bloß.“...
05.04.2013
Sechs Lizenzplatten für einen Urlaubsplatz auf Hiddensee
Nachruf auf Erika Pietzsch (Geb. 1939)
Durch diesen Schornstein will ich auch mal fliegen“, hatte Erika Pietzsch zu Daniel, ihrem Sohn, gesagt. Dabei musste sie lachen, denn der Moment, da dies passieren würde, war damals, vor Jahren, noch so fern. Die beiden hatten sich das neue Krematorium in Baumschulenweg angesehen, diesen Bahnhof der allerletzten Reise, den der Kanzleramts-Architekt Axel Schultes entworfen hatte. Die Säulenhalle beeindruckte sie, viel Raum, viel Licht.
22.03.2013
Klarer Kurs: Immer schön Zickzack
Nachruf auf Bertram Pohl (Geb. 1950)
Eine Wunderwerkstatt, der Schreibwarenladen von Gerda und Bruno am Neuköllner Hermannplatz. Kunstbedarf, Kunstkarten, Füllfederhalter. Der Opa drehte die Füller an der Drechselbank noch selbst. Im Laden roch es nach Papier, nach Stiften, nach Schreibhandwerk. Im Keller, unter der Bodenklappe, da lagerten die Schätze, handgeschöpftes Briefpapier, Aquarellblöcke, Tinten von anno dazumal. Aber Bertram konnte nicht schreiben. Lesen ja, aber Schreiben lernte er nicht. Damit haderte er, lebenslang, aber...
22.03.2013
"Ich halte doch hier das Weltniveau"
Nachruf auf Lilo Fröhlich (Geb. 1920)
Es gibt Dinge, die möchte man immer bei sich haben. Die Lesebrille, den Schlüssel, Pfefferminzdragées. Sie geben Sicherheit. Lilo Fröhlich hing besonders an ihrem Reisepass. Sie hat viele solcher Pässe besessen, denn sie waren schnell voll gestempelt: mit Ausreisegenehmigungen aus der DDR. An den Übergängen winkten die Grenzsoldaten sie durch, weil sie sie gut kannten.