Nachrufe
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16.08.2013
"Ich bin doch schon erwachsen – irgendwie!"
Nachruf auf Jutta Bürger (Geb. 1944)
Am liebsten trug sie Türkis, dazu ein Amulett: eine Hexe auf dem Besenstiel. So wirbelte Jutta fast drei Jahrzehnte als Tagesmutter und Erzieherin durch Kreuzberg. Ihre Art beeindruckte Kinder und Eltern. Sie verschickte liebevoll gestaltete Grußkarten und ließ die Leute wissen: Ich bin immer für euch da. Eins ihrer Kinder, als es längst kein Kind mehr war, hatte Schwierigkeiten mit den Seminararbeiten – Jutta war zur Stelle. Eins hatte einen Roman geschrieben – Jutta kam zur ersten Lesung, selbstverständlich.
16.08.2013
Schafft sie nicht alles, was sie sich vornimmt, hat sie ein schlechtes Gewissen.
Nachruf auf Erika Dickert (Geb. 1913)
Sie feierte ihren Geburtstag neun Mal in einem Jahr. Schließlich konnte sie kaum verlangen, dass sich die Schöneberger Nachbarn mit den Senioren aus der Apostel-Paulus-Gemeinde verstünden. Dass die Freunde, die gern essen und trinken, mit den Damen aus der CDU gemeinsame Themen fänden. Und zwei, die gern monologisieren, die eine über linke, die andere über rechte Ideen, müssten ja nicht unbedingt aufeinanderprallen.
09.08.2013
"Weil ich ja schließlich auch die Menschheit bin"
Nachruf auf Helmut Lock (Geb. 1941)
Sie saß auf einer Bank im Neuköllner Körnerpark, als er sich zu ihr setzte. Ihre kleine Tochter spielte auf dem Spielplatz. Sie und der Mann kamen ins Gespräch, er sprach viel, sie wenig, und sie dachte: Woher kennst du diesen Mann? Sie fragte ihn nach seinem Leben, er erzählte. Er habe mal Familie gehabt, eine Tochter, Gabi, einen Sohn und eine Frau, die er geliebt habe, aber das sei lange her, er wisse nichts weiter über sie.
09.08.2013
Sie gab ihren DDR-Ausweis ab, packte den Koffer und zog nach West-Berlin
Nachruf auf Hedwig Döhler (Geb. 1910)
Am 18. Mai 2010 feiert Hedwig Döhler ihren 100. Geburtstag. 25 Gäste kommen ins „Laurus“ in der Pankower Mühlenstraße, bringen Blumen, eine Brosche, Wein und ein Aquarellporträt, das ein Choriner Künstler von ihr gemalt hat. Ihr ältester Sohn hält eine Rede, vielleicht ein bisschen zu kurz, aber sonst tadellos. Ihr jüngster Sohn lebt seit acht Jahren nicht mehr. Klaus Wowereit schickt einen Gruß und 50 Euro, Horst Köhler eine Urkunde. Alle essen, trinken, plaudern. Gegen elf werden die ersten müde.
02.08.2013
Vielleicht hatte sie ihn einmal geliebt, doch, bestimmt hatte sie das
Nachruf auf Frieda Krause (Geb. 1928)
Friedas Frühstück früh um halb sieben: Spiegeleier, saure Gurken, Leberwurst, Brot und viel Butter. Sie hat Hunger. Ein Brötchen mit Marmelade? „Stadtschnickschnack“, sagt sie, schiebt Holzscheite in den Herd, knallt eine Pfanne auf die eiserne Platte, schlägt drei Eier hinein, drückt das Brot an ihren Busen, schneidet dicke Scheiben, lässt sich auf das geblümte Sofa unterm Küchenfenster fallen und beginnt zu essen.
02.08.2013
Seine Meinung: "Das Leben ist kein Freudenhaus!"
Nachruf auf Robert Kuntze (Geb. 1934)
Ein Staatskerl von 7 Pfund“ telegrafierte Johannes Kuntze zur Geburt seines Sohnes Robert. Kurz danach verließ die Familie Berlin und zog oft um, immer dorthin, wo der Vater zu arbeiten hatte. Als er galizische Erdölfelder erschloss, wohnten sie in Krakau, wo es Robert sehr gefiel. Mit seinen Freunden unternahm er Spaziergänge auf der zugefrorenen Weichsel und war froh, dass die Eltern von den gefährlichen Abenteuern nichts mitbekamen.
02.08.2013
Er ging in die Werkstatt, das Wort Atelier kam ihm nicht über die Lippen
Nachruf auf Jürgen Gustav Haase (Geb. 1947)
Was für große Hände! Stahlschiffbauer hatte er gelernt, in Eisenhüttenstadt. Aber er wollte Maler werden. Schon als kleiner Junge hatte er immer gezeichnet, wenn er allein war. Und er war viel allein. Nach der Lehre durfte er in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst endlich Malerei studieren.
26.07.2013
Warum flüstern die Leute, wenn sie in der Nähe ist?
Nachruf auf Eva Zimmermann (Geb. 1929)
Es war zu viel. Michael, 50, setzte sich nach diesem Satz, den sie ihm an den Kopf geworfen hatte, hin und schrieb Eva, seiner Mutter, 75, einen Brief. „Seit 30 Jahren kann ich nicht richtig schlafen“, hatte sie zu ihm gesagt, „und schuld daran bist du, weil du dein Leben nicht so geführt hast, wie ich es mir vorgestellt habe.“...
26.07.2013
"Habe ich im Gefängnis gelernt", sagte sie und tanzte weiter
Nachruf auf Louise Sara Baghramian (Geb. 1958)
Wenn die Sonne unterging, über dem Meer oder hinter den Bergen, abends in eine Stadt einsank oder hinter eine Wiese glitt, dann drehte Louise Baghramian ihr den Rücken zu und rannte davon.
19.07.2013
Mit dem kleinen Glück kam er gut zurecht
Nachruf auf York Kirsch (Geb. 1937)
Wie soll ich leben?“ Den zehn Geboten folgen, den zehn Geboten Montaignes! Erstes Gebot: „Werde geboren!“ Denn es ist keine Selbstverständlichkeit, auf der Welt zu sein und zu überleben, schon gar nicht, wenn die Welt in Trümmer sinkt. Seine Kindheit verbrachte York auf einem Schloss in Schlesien, 24 Pferde, 60 Rinder, sechs Traktoren, eine Postkutsche und ein Mercedes, für den bald nach Kriegsausbruch das Benzin fehlte. Dennoch gelang die Flucht, die Familie rettete sich nach Berlin, wo sie nach...