Nachrufe
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29.11.2013
"Flieg mit mir nach Thailand"
Nachruf auf Philipp Graf von Koenigsmarck (Geb. 1969)
Gewundene Treppen führen hinauf in den zweiten Stock auf einen innen liegenden Balkon, der Blick über die Brüstung fällt in einen dunklen Hof, die Wohnungstür öffnet sich: hohe, helle Räume, alte Blechschilder mit Kakao- und Kaffeereklame an den Küchenwänden, ein endloser Flur, vorbei an Kinderzimmern mit Hochbetten, Holzdielen, ein Zimmer mit einem langen Tisch, feuerroten Amaryllis darauf, einer enormen Weltkarte gegenüber, Rahmen mit Konzerttickets, Prince 1990 in der Waldbühne für 43 Mark, die...
29.11.2013
Nicht einmal zum Zielen konnte er das Auge schließen
Nachruf auf Adam Nagelbach (Geb. 1918)
Sommer 1945, irgendwo bei Urizeni in den Karpaten, im sowjetischen Kriegsgefangenenlager. Ein schmaler Mann in einem zu großen Mantel versucht, sich unsichtbar zu machen. Deutscher Soldat zu sein, das genügt doch schon in diesem Lager. Aber das, was er auf seinem linken Oberarm trägt, macht seine Lage so gut wie aussichtslos. Es ist eine kleine blaue Null, eine Tätowierung der Waffen-SS. Bei jeder Durchsuchung des Lagers verschwindet er in Richtung Latrine, beginnt mit dem Putzen und versenkt die...
22.11.2013
Sein Triumph: Millionen für das Klinikum Steglitz
Nachruf auf Heinz Hoefer (Geb. 1915)
Auf einem der letzten Fotos trägt er eine graue Wildlederjacke im Trachtenstil. Um seinen Hals hängen an langen Bändern die Medaille der französischen Ehrenlegion und das große goldene Ehrenzeichen von Niederösterreich. An seinem Revers prangt das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse.
22.11.2013
Sie war doch gut genug in allem, was sie konnte
Nachruf auf Ulrike Guckes (Geb. 1978)
Ich rede viel zu- schnell und schaf- fe es nicht einmal- Luft zu holen beim- Sprechen, was- wohl manchmal recht anstrengend für meine Mitmenschen ist.“ So beschrieb sie sich in der Abiturzeitung selbst.
22.11.2013
Er war sein Telefonist. Und später für viele eine Enttäuschung
Nachruf auf Rochus Misch (Geb. 1917)
Sein Leben ist käuflich, als Buch für 9,99 Euro, 330 Seiten, „Der letzte Zeuge“. Er hat alles aufgeschrieben, weil es ihn irgendwann nervte, dass alle Welt zu ihm kam und fragte, wie sein Chef wirklich war. Da saßen die Leute mit Notizblöcken und Kameras in seinem Häuschen in Rudow, er holte einen Schuhkarton nach dem anderen aus Schränken und Truhen, Fotos und Zeitungsausschnitte: immer er und er. Der Zufall hatte ihn zu ihm geführt, sein Chef hätte vielleicht gesagt: „die Vorrrrsehung.“...
15.11.2013
"Versteckt euch nicht", sagte sie. Und jetzt versteckte sie sich selbst
Nachruf auf Anneliese Krause (Geb. 1935)
Sie erstarrte mitten in der Bewegung. Leicht nach vorn gebeugt über einer Krankenakte, den Stift in der Hand. Der Abdruck dieser behaarten Pranke brannte auf ihrem Hintern. Die Erstarrung löste sich und ihr Herz begann zu trommeln. Sie drehte sich auf dem Absatz um. Da stand er, seine Affenhände schon in den Taschen des weißen Kittels, und grinste. Sie wusste nicht, was sie mehr hasste, den Schlag oder das Feixen. Der feine Herr Oberarzt, der allen Krankenschwestern nachstellte, auch den kurzbeinigen...
15.11.2013
"Wenn ich ausziehe, nehme ich dieses Haus mit"
Nachruf auf Britt-Arlette Fischer (Geb. 1991)
Alles hat sie abgesucht nach einem Bild von den Füßen ihrer Tochter. Es gibt Fotos von Britts Armen, von ihren Händen, den Fingernägeln. Jahrelang hat sie daran geknabbert, als Teenager begann sie, sie zu lackieren, hellblau am liebsten. Es gibt Fotos von Britts braunen Locken, von der etwas breiten Nase. Bilder von Britts Füßen gibt es nicht. Dass sie die mal vermissen würde.
15.11.2013
Seine Heimat waren die Baumärkte und die Läden für Restposten
Nachruf auf Günter Wolf (Geb. 1941)
In den Geschichtsbüchern der großen Expeditionen ist diese Reise nicht verzeichnet, obwohl sie eine logistische Meisterleistung war. Günter hatte seinem besten Freund Detlef versprochen, ihm beim Malern in dessen Ferienhaus zu helfen. Berlin – Bad Steben, 308 km auf der Autobahn. Aber da durfte Günter mit seinem Mofa nicht fahren. In den Zug wollte er nicht, und bei anderen im Auto fuhr er schon gar nicht mit.
08.11.2013
Auch Fußgängerstege und Brücken für Kröten plante und prüfte er
Nachruf auf Olav Oddvar Nymoen (Geb. 1931)
Was ist eine Brücke? – Als Brücken gelten alle Überführungen eines Verkehrsweges über einen anderen Verkehrsweg, über ein Gewässer oder über tiefer liegendes Gelände, wenn ihre lichte Weite zwischen den Widerlagern zwei Meter oder mehr beträgt, hätte Oddvar Nymoen vielleicht geantwortet und damit die amtliche Definition nach DIN 1076 wiedergegeben. Vielleicht hätte er aber auch davon gesprochen, wie eine Brücke im Kopf entsteht, als Idee zwei Ufer miteinander zu verbinden, und wie dieser Idee ein...
08.11.2013
Von der Schule verwies man ihn mit freundlichen Worten
Nachruf auf Hans Raphael Goetz (Geb. 1921)
Viele Stunden verbrachten die Schüler des Geschichtsprojekts „Spurensuche“ im Landesarchiv, viele jüdische Museen und Archive schrieben sie an. Fündig wurden sie in Yad Vashem: Dort waren einige der 229 jüdischen Schüler, die laut Aufnahmebuch einst ihre Schule besucht hatten, verzeichnet. Es waren die Namen von Toten, umgekommen in den Konzentrationslagern.