Nachrufe
Es wurden 1104 Nachrufe gefunden
18.07.2014
Die nächtlichen Einsätze waren ihm sogar die liebsten
Nachruf auf Garrelt Weerts (Geb. 1937)
Ein Besucher, der über den Flur in das breite Berliner Zimmer tritt, weiter in das helle Balkonzimmer, über die Brüstung die Bundesallee entlangschaut und sich dann für einen Moment entschuldigen muss, ist verblüfft: Das Gästebad fällt nahezu kümmerlich aus. Man zwängt sich hinein, schließt die Tür – und steht vor der ganzen Welt.
18.07.2014
Nicht übertreiben, nur keinen Ärger, mach mal
Nachruf auf Wolfram Klemp (Geb. 1939)
Wer? Wolfram Klemp? Ach, Lemmi sagen die Freunde. Kennen seinen richtigen Namen gar nicht. Aus Klemp wurde Klempi, wurde Klemmi, wurde Lemmi. Irgendwann mal, Ende der Fünfziger im Berliner Westend.
11.07.2014
"Und wen, bitte schön, interessiert Meusebach?"
Nachruf auf Dietrich Lückoff (Geb. 1957)
Der Friedensvertrag zwischen den Komantschen und Ottfried Hans Freiherr von Meusebach, geschlossen am 9. Mai 1847, war der einzige Pakt zwischen Siedlern und Indianern, der nie gebrochen wurde. „Ich schätze meine roten Brüder nicht geringer, weil ihre Haut dunkler ist, und ich halte nicht mehr vom Volk der Weißen, nur weil ihre Hauptfarbe heller ist.“ Ein Mann, ein Wort. Sein Vater Karl Hartwig Gregor von Meusebach war da ganz anderer Ansicht. Er war ein Mann der vielen Worte, gern auch der kalauernden,...
11.07.2014
"Yorck Records" hieß sein Laden. Ums Geld ging es da lange nicht mehr
Nachruf auf Günther Pehlgrimm (Geb. 1948)
Quentin Tarantino war auch mal in seinem Laden, blätterte die Platten in den Fächern durch und gab sich überaus entspannt. Wer wollte, konnte sich mit ihm zusammen fotografieren lassen, für Facebook, fürs Poesiealbum. Alle, die zufällig da waren, wollten, nur Günther nicht. Günther Pehlgrimm, Besitzer des Plattenladens „Yorck Records“ in Kreuzberg seit 1977, stand hinter seinem Verkaufstresen und schüttelte seine langen grauen Haare. Dieser Tarantino war schließlich auch nur ein Kunde.
04.07.2014
Für ein Jahr sollte er nach Frankreich ins Gefängnis
Nachruf auf Charles Joseph Welle (Geb. 1935)
Sein letzter Weg führte ihn die Kantstraße entlang. Er ging ihn wie immer langsam, mit bedächtigen Schritten. Er wohnte gern in Charlottenburg, diesem ordentlichen, bürgerlichen Stadtteil. Vielleicht fühlte er sich an diesem Nachmittag schon etwas unwohl, aber das hätte er niemandem gesagt. Seine Befindlichkeiten standen nie im Vordergrund, es sei denn, es handelte sich um eine Erkältung. Es war keine Erkältung, in dieser Nacht rief seine Frau den Notarzt.
04.07.2014
Wie auf einer Bühne standen ihre selbstbewussten Kundinnen
Nachruf auf Marianna Bleick (Geb. 1930)
Da läuft ein Hund durch die Werkstatt, ich geh’ da nicht mehr hin!“ Marianne sah sich schon Gassi gehen statt an der Nähmaschine sitzen. Ihr Vater war außer sich, nach dem Krieg war ein Ausbildungsplatz Gold wert, zumal einer im Wunschberuf der Tochter, Schneiderin. Aber er bewunderte seine Jüngste für ihren Eigensinn viel zu sehr, um sie aufzuhalten. Geboren wurde sie auf den Tag genau ein Jahr nach ihrer Schwester Gisela, der Vater arbeitete als Vermessungstechniker, und Marianne war überzeugt,...
04.07.2014
Sie vermied den direkten Blick und sah so viel
Nachruf auf Fumiko Matsuyama (Geb. 1954)
Der sowjetische Soldat hält in der rechten Hand ein Schwert, in der linken trägt er ein Kind, das sich an ihn schmiegt. Aberhunderte Pioniere haben sich vor dem Soldaten aufgereiht und antifaschistische Lieder gesungen. Jugendliche standen in blauen Blusen gelangweilt auf den Stufen des Grabhügels, Funktionäre hielten ihre Rituale ab.
27.06.2014
Wenn du den Geier siehst, dann flieg ihm hinterher
Nachruf auf Frank Till (Geb. 1962)
Für mich ist der Wind zu stark“, hatte sie beim Frühstück gesagt. Da ist er allein geflogen. Die Winde in Kapstadt sind launisch, wechseln von einer Minute zur anderen. Eigentlich nur etwas für die heimischen Gleitschirmflieger, die das Gebiet gut genug kennen. „Ach geht schon, nur ein bisschen ruppig in der Luft“, sagte er, als er auf dem Landeplatz wieder vor ihr stand. „Heute Nachmittag kommst du aber mit.“...
27.06.2014
Was zählte es hier, dass er in seiner Heimat als einer der Besten galt?
Nachruf auf Nuri Karademirli (Geb. 1950)
Die Frau des Werftarbeiters Mehmet Karademirli in Izmir wollte Geige lernen. Noch nie war jemand aus ihrer Familie durch musikalische Begabung auffällig geworden, sie aber blieb dabei: Leman Karademirli lernte Geige.
20.06.2014
Und über allem sollte sich bunt der Regenbogen wölben
Nachruf auf Marten Köhler (Geb. 1949)
Wir befinden uns im Jahr 1981. Ganz Kreuzberg droht in die Hände von Spekulanten zu fallen. Ganz Kreuzberg? Nein, nicht ganz Kreuzberg. Es gibt ein, zwei, es gibt hunderte besetzte Häuser. Eins davon in der Lausitzer Straße: Die Regenbogenfabrik. Marten hat nach 25 Jahren dieses Märchen vom Kiezdorf, das so trotzig Widerstand gegen die Besatzer leistete, eigenhändig aufgeschrieben, er hatte schließlich mal Germanistik studiert. „Seht, das ist eine wahre Geschichte ? “...