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10.04.2015
Aus Versehen hat man doch tatsächlich den falschen Beutel gegriffen
Nachruf auf Waltraud Dotzauer (Geb. 1930)
Die eine und die andere. Die eine ist klein, bekommt von der Mutter eine niedliche Schleife ins Haar gebunden und wird von allen Mausi gerufen. Die andere ist groß, fünf Jahre älter, trägt einen präzis geschnittenen Pagenkopf und soll stets die Vernünftige sein. Doch liegt ihr an der Vernunft herzlich wenig. Im Gegensatz zu Mausi, die alles plant, vorsichtig ist und vorausschauend. In deren Schubladen liegen die Dinge nach einem ausgeklügelten System geordnet, sie vertrödelt keinen Morgen im Bett...
27.03.2015
Sie nannten ihn "Hase", weil er mitten im Lauf die Richtung ändern konnte.
Nachruf auf Jörg Pfeifer (Geb. 1965)
Im Berliner Ensemble zum Beispiel: Gegeben wird die „Dreigroschenoper“, der 2. Akt geht gleich zu Ende, in Kürze wird der Vorhang fallen, dann können alle in die Pause, vorher aber tritt Macheath noch einmal auf die Bühne und singt: „Wie ihr es immer dreht, und wie ihr’s immer schiebt, / Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“...
27.03.2015
Sie liest und liest. Und eignet sich eine Geschichte an, die nicht die ihre ist
Nachruf auf Brigitte Böll (Geb. 1934)
Klackernde Absätze, langes rotes Haar, schaukelnde Ohrringe, große, bunte Perlenketten: Auftritt Brigitte Böll. Schön ist sie, widersprüchlich und rätselhaft wie eine Romanfigur.
20.03.2015
Mit dem Zeichnen begann er nach der 20-Uhr- Tagesschau
Nachruf auf Gösta Lerch (Geb. 1938)
Es wäre eine interessante Ost-West-Zwillingsstudie geworden. Gösta, der Freigeist und Karikaturist aus Mahlsdorf, und sein Bruder, Industriearbeiter bei VW in Wolfsburg. Doch Gösta hielt nicht viel Kontakt zu seinen fünf Geschwistern. Und Sozialforschung war nicht sein Thema.
20.03.2015
Ihr zweites Leben fand in der Nacht statt. Ihr drittes dann am Tag
Nachruf auf Dada Knoblauch (Geb. 1963)
Niemand kennt ihren ursprünglichen Vornamen, nicht einmal die engsten Freunde. „Dada war Dada“, sagen sie. Etwas anderes hätte auch nicht zu ihr gepasst. Ob sie schon Dada war in ihrem ersten Leben, weiß auch keiner. Dass sie aus Lüdenscheid kam, hat sie erzählt, mit einem gewissen Stolz, sonst kaum etwas von früher.
13.03.2015
Worüber man beim Anblick eines Zebrastreifens sprechen kann
Nachruf auf Tobias Schmidt (Geb. 1964)
Egal welche Musik, Hauptsache tanzbar und viel Publikum drum herum – dafür waren die Volksfeste gut, Deutsch-Französisch, Deutsch-Amerikanisch, Weihnachten. Achterbahnen und Riesenräder ließ Tobias links liegen, er suchte die lauteste Kirmesbude und ließ es rocken und rollen. In seinen Bewegungen fand er weder Maß noch Mitte, Travolta, Elvis, Mick Jagger, er imitierte sie alle zugleich, unglaublich musikalisch, versunken, raumgreifend. Die Vorstadtjungs grinsten erst spöttisch, dann verlegener,...
13.03.2015
Dieses bürgerliche Leben passte einfach nicht zu ihm
Nachruf auf Bernd Weitemeier (Geb. 1942)
Das mit dem Juweliergeschäft war eine dumme Aktion, weil bei der Flucht durchs Toilettenfenster einer aus Bernds Bande ausgerechnet auf die Klospülung treten musste. Das Wasser rauschte, jemand hörte es, und sie flogen auf. Polizei, Richter, Urteil. Ein Jahr später war das Gefängnis fertig mit Bernd und spuckte ihn zurück ins Leben. Doch zum Glück wartete dort Bruder Hans, der ihm die Hand reichte und wieder aufhalf. „So geht’s nicht weiter, ich hab’ Arbeit für dich organisiert, du gehst nach Düsseldorf.“
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13.03.2015
Aber jetzt ist sie ja hier, in Afrika, in Tansania
Nachruf auf Dorothea Lehmann (Geb. 1945)
Es geht los. Runter auf die Straße, ins Taxi, durch die Stadt, Menschen in Mänteln, Berlin im November. Pass, Visum, rein in die Maschine, anschnallen, den Sitz gerade, ein Ziehen in der Magengrube, das Flugzeug steigt in den Himmel, dreht gen Süden. Unten das Mittelmeer, Griechenland, jetzt schon Ägypten, der Sudan. Dann Tansania, Daressalam. Raus aus der Maschine, Pass, Visum, die Fahrt zum Hotel, Menschen in hellen Kleidern, Afrika im November.
06.03.2015
Ihre Abteilung bestand fast nur aus Frauen, den "Sex Sisters"
Nachruf auf Ursula Lachnit-Fixson (Geb. 1931)
Es war ein Freitagnachmittag, die Arbeit war getan, da traf sich die Sexgruppe wie üblich zum Stelldichein bei Kaffee und möglicherweise einem Glas Sekt. Alle Damen waren da, nur die Chefin fehlte.
06.03.2015
"Praline Langweiler", wahlweise "Praline von Preußen"
Nachruf auf Jürgen Roland (Geb. 1958)
Que sera, sera“ Sein schönster Auftritt, die häusliche Showtreppe, er stieg sie hinab, die Freunde warteten ungeduldig unten, „Jürgen komm jetzt“, aber er sang, inbrünstiger als Doris Day, „Whatever will be, will be / The future’s not ours to see ? “...