Nachrufe
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08.05.2015
Es klang ja auch ein bisschen wie ein Witz: Bauchtanz in Brandenburg
Nachruf auf Martina Koska (Geb. 1956)
Gustave Flaubert brach 1849 zu einer Reise nach Kairo auf. Bis dahin hatte er nur den europäischen Paartanz gekannt, Männer und Frauen, die sich mit steifen Oberkörpern über das Parkett bewegten. Dieses Mädchen hier in Ägypten aber, Salomé, tanzte allein, „schwang ihren Bauch in wogendem Auf und Ab, ließ ihre beiden Brüste zittern“. Flaubert schrieb auf, was er gesehen hatte, und von da an sprachen die Leute nur noch vom „danse du ventre“, vom Bauchtanz.
08.05.2015
Man kann eine Fantasie haben, aber die muss realistisch sein
Nachruf auf Annemarie Engelke (Geb. 1947)
Sie wollte diesen Nachruf. Auf dem Krankenbett hat sie ihrem Sohn das Versprechen abgenommen, dass er sich an die Zeitung wendet. Warum das Versprechen? Sie wusste selbst allzu gut, wie unauffällig ihr Leben gewesen war. Da war nichts, was zu einem Roman getaugt hätte.
08.05.2015
Sie feierten, als hätten sie was nachzuholen
Nachruf auf Otto Jansa (Geb. 1926)
Sein Vater war Gasableser und er, Otto Jansa, sollte Elektriker werden. Ein moderner Beruf, einer mit Zukunft. Aber Otto wollte lieber Graveur werden. Doch weil er, seine drei älteren Schwestern, seine Mutter, sein Vater, dessen Brüder und Schwestern, weil die ganze Familie zur Rixdorfer Herrnhuter-Brüdergemeinde gehörte, eine Welt mit vielen Traditionen und noch mehr Werten, weil der Mann der Chef, der Geldverwalter, das Familienoberhaupt war, deswegen wurde gemacht, was der Vater sagte. Der Vater...
24.04.2015
Spasski nahm ihn wohl nicht ernst genug und patzte
Nachruf auf Harald Lieb (Geb. 1934)
Die Schachfeten bei Harald Lieb waren legendär. Gegen drei trafen die Spieler ein, alle in Hemd und Krawatte. Dann hörte man nur noch den Atem der Spieler und das Ticken der Schachuhren. Ab Mitternacht, wenn sich mit den hochprozentigen Getränken auch die Konzentration verflüchtigt hatte, verlegten sie sich auf Skat, und die Stimmung wurde ausgelassen. Nach ein paar Stunden Schlaf, dem gemeinsamen Frühstück und einem Gang um den Schlachtensee setzten sie ihr Turnier fort.
24.04.2015
So ein Kind wäre sie gern einmal gewesen
Nachruf auf Silvia Radtke (Geb. 1963)
Was macht ein gutes Leben aus? Familie, Liebe, Beruf, das hatte Silvia alles nicht. Man kann auch nicht sagen, dass sie je gesund gewesen wäre. Ihre Mutter war eine versoffene Hure und gab ihr den Alkoholismus mit auf den Weg.
24.04.2015
Er weigert sich, seine Patienten überflüssig aber rentabel zu untersuchen
Nachruf auf Gerhard Irrgang (Geb. 1947)
Frauen und Männer gehören nicht auf ein Zimmer – sagen die Regeln des Urbankrankenhauses, sagen die Oberschwestern. Gerhard Irrgang, Stationsarzt, will dennoch die Bitte eines alten Ehepaares erfüllen, beieinanderliegen zu dürfen. Er widerspricht in der Verwaltung, er legt sich mit den Schwestern an. Nichts zu machen. Die Hausordnung.
17.04.2015
Auch beim Schrubben war sie von großer Eleganz
Nachruf auf Charlotte Ernst (Geb. 1937)
Wenn du die flachlegst, geb’ ich einen aus, sagte mein Kumpel. Er gab einen aus. Es erwuchs eine Beziehung, die zehn Jahre währte: intensiv, vollbusig, mit viel Wein, Musik, Literatur, bildender Kunst. Charlie: attraktiv, sprudelnd, humorvoll, Berlinerin. Jeder sucht sich etwas, das die Schatten fernhält. Sie war es für mich und ich vielleicht auch ein wenig für sie.
17.04.2015
Die Frage war ihr keineswegs zu albern: "Kann denn Lachen Sünde sein?"
Nachruf auf Barbara Petersen (Geb. 1951)
Könnt Ihr euch vorstellen, mal im Museum zu hängen?“, fragte der Interviewer. Da musste sie lauthals lachen. „Ja, wie denn?“, entgegnete sie, „als Gipsabdruck?“...
10.04.2015
"Wenn er sich so gut an mich erinnert, muss ich einiges richtig gemacht haben"
Nachruf auf Irma Großmann (Geb. 1914)
Zu ihrem hundertsten Geburtstag besuchte sie Klaus Wowereit. Er setzte sich zu ihr auf die grüne Couch im Wohnzimmer, sie plauderten. Es war ja nicht ihre erste Begegnung. Irma Großmann hatte Klaus in der Schule Englisch beigebracht. Nach eineinhalb Stunden ging er wieder, und Irma Großmann sagte zu ihrer Nachbarin und besten Freundin Fatma: „Wenn er sich so gut an mich erinnert, muss ich wohl einiges richtig gemacht haben.“...
10.04.2015
Er ist 64, Michael 24, als sie sich kennen lernen
Nachruf auf Klaus Neumcke (Geb. 1931)
Keiner wollte sich in den anderen verlieben. „Sorry, nun ist es doch passiert“, schreibt Klaus Neumcke an Michael. Vor ein paar Wochen haben sie sich auf der Treppe des Schillertheaters kennengelernt, kurz vor der „West Side Story“. Klaus, 64, Seidenschal, Bühnenhut, bodenlanger schwarzer Mantel, am Finger einen dicken goldenen Ring: eine lachende und eine weinende Maske. Michael, 24, neu in Berlin.