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05.06.2015
Er mochte, wenn es knallte und pfiff und nach Schwarz- pulver roch
Nachruf auf Gerhard Thurow (Geb. 1931)
Er war das Land und sie die Stadt. Er war das Staunen und sie die Bewegung. Er war der Künstler und sie sein kühler Kopf. Er war der Koch und sie der Genuss. Er war die Gitarre und sie sein Ohr. Er war ihr Thurow und sie seine Mine.
05.06.2015
Allen bekannt war er der kleine Troubleman. Heilung gab es nicht
Nachruf auf Shahin Faghih-Nasiri (Geb. 1999)
Ein Falke wird getragen vom Wind, ein Kind von der Liebe der Eltern. Shahin, im Persischen der Falke, wurde am 7. Mai 1999 geboren. Warum die Angabe auf den Tag genau? Weil es in seinem Leben auf jede Stunde, jede Minute, zuweilen jede Sekunde ankam. Von einem Moment auf den anderen war er dem Tode nah, nicht nur einmal, viele Male, sehr viele Male. Was einer Mutter das Herz brechen kann, nicht nur einmal, viele Male.
29.05.2015
Er wollte Schallplatten- unterhalter sein und kein Lehrer
Nachruf auf Ingo Schulz (Geb. 1953)
Als Lehrer war er, sagen wir: umstritten. Weniger bei den Schülern, eher bei denen, die eine konkrete Vorstellung von sozialistischer Pädagogik hatten. Chemie und Mathe waren seine Fächer. Sein 19 Jahre jüngerer Bruder kann sich an einen Nachmittag erinnern, an dem Ingo ihm den Dreisatz erklären sollte, und das funktionierte überhaupt nicht. Zu der Zeit war Ingo allerdings längst kein Lehrer mehr und hatte einen hohen Preis gezahlt, keiner mehr sein zu müssen.
29.05.2015
"Aber ich habe doch gewonnen", sagte er immer wieder
Nachruf auf Thomas Deiß (Geb. 1959)
Es geht um Obdachlose. Es geht um Menschen, die seit 17 Jahren die Obdachlosen betreuen. Und es geht um etwas, das weder die einen noch die anderen im Übermaß besitzen: Geld und Macht. Wäre Thomas Deiß an Geld und Macht interessiert gewesen, hätte er sich einen anderen Beruf gesucht. Trotzdem geriet er in ein Gestrüpp, in dem es um nichts anderes ging.
22.05.2015
Die Existenz der Schafherde darf bezweifelt werden. Der Rest stimmt
Nachruf auf Reinhard Henning (Geb. 1945)
Wenn damals in Mali ein Kühlschrank und ein Fernsehapparat im Dorfe lief, zog ich weiter, in einem alten Peugeot, mit Frau, Kindern und meiner Schafherde.“ Da Reinhard Henning ein mindestens so talentierter Geschichtenerzähler wie Biologe und Entwicklungshelfer war, darf die Existenz der Schafherde bezweifelt werden. Der Rest stimmt.
22.05.2015
"Ich bezahle pünktlich Miete und respektiere die Eigentums- verhältnisse"
Nachruf auf Peter Müller-Schaefer (Geb. 1942)
Er beugt sich über seine Schreibmaschine und tippt einen Brief an den Innensenator von Berlin. Die Sache ist ernst, es geht um seinen Job. Er will wissenschaftlicher Assistent und Beamter auf Probe werden. Doch es ist 1977, Peter ist 35 Jahre alt und will außerdem die Welt verändern. Er leitet einen Karl- Marx-Lesekreis, debattiert streng dialektisch, trägt Professoren aus dem Hörsaal. Berlin ist der Wahnsinn: die Frauen, die Politik, die Aktionen. Raus aus Remscheid, rein ins Leben.
22.05.2015
Von North Carolina geradewegs in den Wedding
Nachruf auf Ralph Zorn (Geb. 1926)
Hier sind auf beiden Seiten der Mauer Gottes Kinder, und keine durch Menschenhand gemachte Grenze kann diese Tatsache auslöschen.“ Martin Luther King sprach, und Tausende wollten ihn hören. Am 13. September 1964 predigte der Bürgerrechtler in der Ost-Berliner Marienkirche. Gegen den Willen des State Departements, das ihm den Reisepass entzogen hatte, damit er gar nicht erst in den Osten kommen konnte, um dort den Kommunisten nach dem Mund zu reden.
15.05.2015
Alles Verordnete engte ihn ein. So wurde er Taxifahrer
Nachruf auf Carsten Hasselwander (Geb. 1961)
So ein Rockstar- Ding: der Wunsch, mitten auf der Bühne, mitten im rasantesten Riff umzukippen, umtost von der Menge, von der Musik. Aber wenn man sich das weiter vorstellt: Der Jubel der Menge kippt um in Entsetzen, die Lichter auf der Bühne gehen aus, die im Saal gehen an, die Musik ist vorbei. Carsten hätte sie noch weiterspielen hören wollen, allein zu Hause oder im Taxi, wenn er nachts durch die Stadt fuhr, oder mit seinen Freunden.
15.05.2015
Eine kleine Insel, die täglich mehr im Meer versinkt
Nachruf auf Hans-Jürgen Werner (Geb. 1950)
Ein Foto aus den Achtzigern zeigt ihn auf einer Fahrradtour durch Frankreich. Die Haare kurz, das Hemd weit offen, sportlich, braun gebrannt, mit gestutztem Vollbart und einem imposanten, fransig wucherndem Schnauzer. Ein sympathischer, lässiger Typ, dem man die strenge katholische Herkunft nicht ansah.
15.05.2015
Er demonstrierte in vorderer Reihe mit, aber immer gut gekleidet
Nachruf auf Peter Neitzke (Geb. 1938)
Am Rande einer Demonstration der KPD / AO in West-Berlin trafen sie sich wieder. Uli durfte nicht mehr mitmarschieren, denn ihn hatte die Partei gerade ausgeschlossen. Peter Neitzke trat aus dem Block und gab Uli die Hand. Was wiederum die übrigen Genossen argwöhnisch stimmte: Was hatte er mit „diesem Element“ zu tun, so nannten sie die Ausgeschlossenen. Kurz zuvor hatte Peter im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei für den Ausschluss von Uli gestimmt. Jetzt hatte er ein schlechtes Gewissen...