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12.02.2016
Er studierte noch mal, ganz seriös - und es fühlte sich an wie ein Spiel
Nachruf auf Klaus Schaefer (Geb. 1939)
Am Anfang schuf Gott Klaus Schaefer senkt den Kopf über die Schrift, sein Finger wandert langsam von rechts nach links, von Buchstabe zu Buchstabe. BRShJT, Bereshit, am Anfang. Er fühlt sich wie ein Erstklässler. Nur dass in diesem Text weder Mimi noch Mama vorkommen, sondern Adam und Set und Noah. Er hebt den Kopf. Die anderen Theologiestudenten lesen konzentriert, durchs Hebraicum zu fallen wäre ein Desaster. Also weiter in der Genesis.
12.02.2016
Wie wichtig ist so ein Hit? Überlebens- wichtig
Nachruf auf Sven Meisel (Geb. 1966)
Das wird ein Hit, Top Ten Number One. Darauf hast du gewartet; jetzt nur noch die Aufnahme. Du stellst dem Künstler das beste Tonstudio Deutschlands zur Verfügung, du gibst ihm Geld, schenkst ihm Vertrauen, und er - benimmt sich wie ein Rüpel. Klare Sache: Wir schmeißen ihn raus. Da musste Sven gar nicht groß nachdenken, keine Kompromisse, wenn es ums Menschliche ging. Wenige Wochen später war es ein Hit. Sven war sich treu geblieben, verdient haben andere.
12.02.2016
Die Kunst stand weit über dem menschlichen Streben
Nachruf auf Ingeborg Nicklisch (Geb. 1917)
Das Kind sollte was lernen, wusste aber nie so recht wofür. Es träumte lieber durch den Tag, als sich mit den Phänomenen der Wirklichkeit zu beschäftigen. Ingeborg begegnete der Welt anders, direkter. Sie umarmte Bäume. Das ist schon sehr verdächtig, ein Rückfall aus der Botanik in die Romantik, eine Seelenverwandtschaft mit Wandergesellen, Trollen und Waldgeistern. Ihr gefiel es dagegen gut bei Hölderlin und Heine.
05.02.2016
Schlauer als ihr Gott können die Kirchenoberen nicht sein
Nachruf auf Ella-Anita Cram (Geb. 1923)
Heiligabend 1944, eine deutsche Fliegerabwehrstellung irgendwo am Rhein. Frauen vom Reichsarbeitsdienst helfen hier den Himmel auszuleuchten. Eine davon ist Ella-Anita Cram. Sie muss Wache stehen, und da es die Heilige Nacht ist, spendet sie sich selbst Mut und Wärme. Laut und fromm singt sie: „Stiiihille Nacht. Heilige Nacht!“...
05.02.2016
Keine Kompromisse. Das Leben war ein großer Streit
Nachruf auf Reimar Delley (Geb. 1937)
Nicht, dass er zu diesen Verrückten gehört hätte. Aber möglich, dachte er oft, wäre es, jedenfalls nicht auszuschließen, nein, keineswegs auszuschließen: dass auf dem Tempelhofer Flughafen eines Tages Außerirdische landen würden.
29.01.2016
„Man hatte das Gefühl, alles wird etwas angehoben“
Nachruf auf Herbert Walter Sommer (Geb. 1929)
Berlin, Kurfürstenstraße. Das Jahr 1928. Ein junges Dienstmädchen, Selma, schläft mit dem Sohn des Hausherrn. Neun Monate später wird Herbert geboren. Selma und ihr Baby ziehen in ein Heim für ledige Mütter.
29.01.2016
„Da könnte man was draus machen“
Nachruf auf Karl-Heinz Tepperwien (Geb. 1935)
Ein Stück Land. Vier Gehöfte, eine Ruine, der Arm eines Sees, sumpfige Senken, Kühe, Feldwege, Felder, an deren Rändern hin und wieder ein Wäldchen liegt.
22.01.2016
Lachen hilft oder tanzen. Sich von der eigenen Furcht abwenden
Nachruf auf Stephan Bünger (Geb. 1965)
Alles ist erledigt. Die neue Wohnung mit Turm und Terrasse besichtigt; der Vertrag für den neuen Job als Quartiersmanager in Altglienicke unterschrieben; die Reise nach Barcelona für den Januar gebucht; die Nachricht an die Freunde verschickt: „Bitte vormerken. Am 21. November gehen wir ins Schwuz. Absage unmöglich“.
22.01.2016
„Alles ist erlaubt. Doch nicht alles ist nützlich.“
Nachruf auf Jürgen Jahns (Geb. 1961)
An drei mächtigen Institutionen hat sich Jürgen Jahns gerieben: an Gott, an der Computerindustrie und an der Drogenpolitik.
22.01.2016
Dokumenten- fälschung steht unter Todesstrafe. Das kann ihm egal sein
Nachruf auf Samson Cioma Schönhaus (Geb. 1922)
Im Alter von 20 Jahren taucht Cioma Schönhaus in Berlin unter. Ein Jahr später, im Herbst 1943, ist er ein steckbrieflich gesuchter Passfälscher. Und das, obwohl er als staatenloser Jude nie einen eigenen Pass besessen hat und jederzeit entdeckt und deportiert werden kann.