Nachrufe
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03.06.2016
Wenn sie ihn in eine Funktion schubsen, sagt er: „Na gut, dann mach ich das“
Nachruf auf Karl-Heinz Krause (Geb. 1926)
Kalle ist ein Kind aus dem Hinterhof, aus dem vierten Hinterhof, um genau zu sein. Zwischen Kuh- und Pferdestall, mit Schaben und Wanzen, mit einer Bäckerei vorne auf der Emserstraße und einem Milchgeschäft zur Siegfriedstraße raus, mitten im Arbeiterbezirk Neukölln, da kommt Karl-Heinz Krause her. Einen Vorteil haben die Bäckerei und der Kuhstall: Die Wände sind immer schön warm und im Winter können sie Kohle sparen. Mutter Marta, Vater Willi, Bruder Günter, Bruder Wolfgang und er, Kalle, teilen...
27.05.2016
Durchwachte Nächte und ihre Gestalten hatten ihren Reiz verloren
Nachruf auf Fred Nopper (Geb. 1930)
Buchstaben? Klar, kenn ich.“ - „Dann kannst du uns bestimmt einige nennen.“ Fred schaut die Lehrerin an, dreht den Kopf, nach links, nach rechts, die Augen der anderen Kinder sind auf ihn gerichtet. Jetzt nur nichts falsch machen, gleich am ersten Schultag. Er setzt sich ein wenig aufrechter und beginnt: „C-D-E-F-G- A-H.“ Seine helle Stimme klettert melodiös Ton für Ton hinauf.
27.05.2016
Kann sowieso keiner was dran ändern, am wenigsten er selbst
Nachruf auf Harald Nowroth (Geb. 1948)
Der Abschied im „Elefanten“, der Kreuzberger Kiezkneipe, in der der Film „Herr Lehmann“ gedreht wurde. Freunde berichten von Harrys Lebensstationen (Harald hat ihn keiner genannt). Einer liest einen Text des Ruhrpottdichters Fritz Eckenga. Auf Hermann Hesse hätte Harry geschissen, Literatur war sowieso nicht seins, strengt an, doofe Mehrarbeit, wenn er auf der langen Buchnacht im Garten des Blauhauses Würstchen grillen musste. Dabei war er vom „Steppenwolf“ gar nicht so weit entfernt: ein Solitär,...
20.05.2016
„Würdest du mich auch dann begleiten?“
Nachruf auf Irmgard Ostermai (Geb. 1935)
Und wenn wir in einer Höhle leben müssten, wo von oben das Wasser tropft, würdest du mich auch dann begleiten?“ Irmgards Antwort war klar: Sie zog mit ihrem Mann in die Welt.
20.05.2016
Nur gegen das Schicksal kam er nicht an
Nachruf auf Lothar Bochat (Geb. 1946)
Es gibt leise Menschen und es gibt laute Menschen. Die leisen arbeiten und die lauten reden darüber. Seine Mutter war eine der leisen. Sie hat ihn allein großgezogen, als Köchin oft nachts gearbeitet, damit sie tagsüber bei ihm sein konnte. Er hat es ihr gedankt, indem er als Erster in der Familie zehn Schulklassen schaffte und dann „Krankenkasse lernte“, wie er es ausdrückte. Offizielle Berufsbezeichnung: Sozialversicherungsfachangestellter, zudem 20 Jahre Gewerkschaftssekretär und nach der Pensionierung...
20.05.2016
Er fiel auf in Lübars. Deshalb blieb er dort
Nachruf auf Jörg Hensel (Geb. 1938)
Es gab ein paar Jahre in seinem Leben, da hat er Chefs gehabt. Bei der Kirche war er angestellt, bei einer großen Werbeagentur am Kudamm und bei der „Taz“. Dass das nie lange anhielt, lag bestimmt an den Chefs. Und vielleicht auch ein kleines bisschen an seinem Ego, das seine 165 Zentimeter Körperhöhe weit überragte. Jörg Hensel sprühte nur so vor Ideen; es ließ sich großartig mit ihm zusammenarbeiten - so lange man nur seiner Meinung war. Und man sollte etwas mehr Zeit mitbringen, denn er sprach...
13.05.2016
„Ich erlaube solche Aktivitäten immer!“
Nachruf auf Gertrud Edith Trenczek (Geb. 1932)
Die wird er nicht mehr treffen. Wäre sie nur ein paar Minuten später gekommen, hätte er nichts gesagt. Aber ihn eine Stunde warten zu lassen Und wenn sie noch so gut nach den Jazznummern, die sie immer im Ballhaus Resi spielen, tanzt.
13.05.2016
Der Defensive lebt länger und fährt besser
Nachruf auf Alexander von Salessoff (Geb. 1922)
Es heißt, er habe mal geboxt als Jugendlicher, und da wundert man sich schon. Ein Kämpfer war er nämlich nicht, eher einer, den das Leben hierhin verschlug und dorthin, mit großem Pech und großem Glück, er nahm es, wie es kam und wurde trotz allem und mit allem alt, sehr alt.
06.05.2016
Wildheit entsteht nicht in durchtanzten Nächten
Nachruf auf Hans-Günter Klein (Geb. 1939)
Wir könnten“, schlägt ein Freund ihm vor, „einen Ausflug mit den Rädern machen.“ - „Eine Fahrradtour?“ - „Eine Fahrradtour.“ - „Nein!“ - „Nein?“ - „Meine Mutter hat mich, als ich ein Junge war, auf ein Rad gezwungen und natürlich bin ich bald gestürzt. Seitdem habe ich mich auf keins mehr gesetzt.“ - „Aber womit hast du dich denn damals sonst beschäftigt?“ - „Ich habe Gips in Streichholzschachteln gegossen und Miniaturlandschaften hineingeritzt.“...
06.05.2016
Ein Kommunist in Prag mit Mercedes und Grundig- Fernseher
Nachruf auf Jibi Lenin Kubímek (Geb. 1925)
Was ihn als Spion so erfolgreich machte? Seine drei goldenen Regeln, die er unmittelbar nach Dienstantritt in Wien durchgesetzt hatte: Keine konspirativen Treffen mehr im Wald, denn da treffen sich ohnehin nur Geheimdienstler. Kein Skoda als Dienstwagen, denn wo sonst vermutet man einen osteuropäischen Agenten. Und schließlich: Den Prostituierten immer mehr zahlen als die gewöhnlichen Freier, so erfährst du über die feindlichen Armeen alles, was du wissen musst.