Nachrufe
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01.07.2016
Die Lehren aus der Geschichte sind im Alltag zu ziehen, wann sonst?
Nachruf auf Thomas Symanek (Geb. 1960)
An Feiertagen, in den Schulferien und in den langen Monaten seiner Krankheit führte Thomas Symanek sein Spaziergang in die Café-Bäckerei „Inci“ in der Wrangelstraße, jeden Morgen um 7 Uhr 45. Dort traf er Memeth, und sie beredeten die Weltlage, die Aufstiegschancen des FC Freiburg und die Veränderungen im Keuzberger Wrangelkiez.
01.07.2016
Unterricht unter Wellblech und Bäumen. Am glücklichsten war sie in Afrika
Nachruf auf Susanne Meyfarth (Geb. 1950)
Wollen wir nach Afrika gehen?“...
01.07.2016
„Ich hab Moll lieber als Dur. Da kann man mehr nachdenken über das Leben“
Nachruf auf Kathrin Lemke (Geb. 1971)
Jeder hat sein Lied, eins, das ihn tröstet, in den Schlaf wiegt, an die große Liebe erinnert, an das nahe, ferne Glück. „My Personal Heimat“, so nannte Kathrin ihre Sammlung all der Lieder, die ihr Leben froh gemacht haben und traurig. „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“, hatte ihr Vater ihr vorgesungen, der bei einem Autounfall ums Leben kam. Sie saß daneben, acht Jahre war sie da alt. „Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren“, sang sie gern und lauthals, denn dort wuchs sie auf, dorthin kehrte...
24.06.2016
Und dann wird ihr langweilig
Nachruf auf Susanne Köhler (Geb. 1943)
Ihre Knie sind weich, ihr Herz klopft bis zum Anschlag. Suse ist 14 und hat sich die beste Strickjacke ihrer Mutter ausgeliehen, eine Rose gekauft und wartet mit 600 Fans am Kai in Bremerhaven auf den King. „Sie winkten mit beiden Armen, zappelten mit den Beinen und schrien im Chor ,Elvis, Elvis! “, berichtet die Nordsee-Zeitung am Tag danach, dem 2. Oktober 1958. Doch die US-Army gewährt dem Gefreiten Elvis Aaron Presley keinen Sonderstatus. Er darf keine Blumen annehmen und singen schon gar nicht.
24.06.2016
„Bist du Gott, oder was?“ „Bin ich nicht, aber ich hab recht!“
Nachruf auf Fereydoon Talai Rad (Geb. 1944)
Eine Taxifahrt durch Berlin im Frühjahr 1996, der Fahrer stammt aus dem Iran und kennt sich dennoch bestens aus. Es ist seine erste Fahrt mit einem Kunden. Er war schon 50, als er die Ausbildung machte, er hat sie ernst genommen, ist mit dem Fahrrad durch die Stadt gefahren, um sich die Straßen einzuprägen, hat jeden Tag überm Stadtplan gesessen, stundenlang, hat bei der Prüfung die kürzesten Strecken genannt, die Prüfer haben mit Schnüren am Plan nachgemessen, ob es noch kürzere gab, es gab sie...
17.06.2016
Und den Nobelpreis hätte er sich am liebsten auch gleich verliehen
Nachruf auf Gerhard Kerfin (Geb. 1935)
Ein Dichter ist ein Mensch, in dessen Leben sich Herz meist auf Schmerz reimt. Als Maritta starb, seine Liebe, seine Muse, die Mutter seines Sohnes, verstand Kerfin die Welt nicht mehr. Er trauerte ein Jahr und stürzte sich dann aus dem Fenster. In der Klinik erwachte er neben einem Künstlerfreund, der sich ebenfalls vom Leben kurieren musste. Kerfin rappelte sich wieder auf, aber die schwarzen Tage, die kamen fortan immer wieder. Maritta war sein Herz gewesen und seine Seele, sie hatte gesungen...
17.06.2016
Warum sollte sie die anderen nicht vorlassen? Sie wusste, wer sie war
Nachruf auf Sima Schochat (Geb. 1961)
Sima sah alles sofort. „Du bist traurig heute“, sagte sie dem Eintretenden, der, bevor er hereingekommen war, noch einmal durchgeatmet und ein Lächeln aufgesetzt hatte. Oder die Details, die nur sie bemerkte: „Du hast neue Strümpfe an. Und diese Ohrringe sind sehr schön.“ Manchmal auch war sie der Ansicht, es müsse mal ein deutliches Wort gesprochen werden: „Du solltest nicht rauchen!“ - „Du musst wirklich mal dein T-Shirt waschen!“ - „Du bist zu dick geworden!“...
10.06.2016
Alle hatten es zur Meisterschaft im Zwischen- den-Zeilen-Lesen gebracht
Nachruf auf Klaus Vonderwerth (Geb. 1936)
Unvermittelt verfinstert sich der Raum, obwohl draußen die Sonne scheint. Tagelang schon hatten Bauarbeiter ein Gerüst an der Wand des Hauses hochgezogen, waren polternd und rufend auf den Holzplanken hin- und hergeturnt. Das hatte ihn nicht weiter gestört. Dieses dunkle Netz jetzt aber, gespannt vor allen Fenstern, beunruhigt Klaus Vonderwerth. Denn das Netz und die Dunkelheit werden die nächsten Monate bleiben. Ein Desaster. Er braucht Licht, das Licht des Tages, um zeichnen zu können. Um an seinem...
10.06.2016
Dinge langsamer angehen? Dinge ignorieren? Ohne ihn!
Nachruf auf Stephan Noé (Geb. 1957)
Sein Maskottchen, der Maulwurf Rolf Holunder, wohnte in der Kantstraße, eine Etage unter ihm. Laut Klingelschild. Stephan hatte sich zwei kleine Wohnungen als Maisonette zusammengelegt, ließ seine Umwelt darüber aber gerne im Unklaren. Die Beweggründe, einem beetezerwühlenden Untergrundaktivisten seine volle Sympathie zu schenken, ließen sich dagegen einfach herleiten, wenn man Stephan etwas näher kennenlernte.
03.06.2016
„Wir haben nur etwas dazwischen gemacht. Und daneben“
Nachruf auf Burkhart Seidemann (Geb. 1944)
Der Vater war im Krieg verschollen, einen neuen Mann gab es nicht im Leben der Mutter, und Burkhart war glücklich darüber. Denn in vielen Familien, wo die Männer nach Jahren der Gefangenschaft heimkehrten, körperlich und seelisch verkrüppelt, gab es kein gutes Zusammenleben mehr. Burkharts Mutter stammte aus einer adligen französischen Familie, aber sie hatte ihrer Herkunft zum Trotz bürgerlich geheiratet. Vom großen Vermögen der Vorfahren waren nur noch einige prächtige Möbel übrig, die zierten...