Nachrufe
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07.12.2012
Das musste ja so sein: Alles ist gut – sein Credo
Nachruf auf Bernd Saß (Geb. 1963)
Sex! Unendlicher Spaß. Tabubefreite Zone. Sodom und Gomorrha. Was einem so einfällt, wenn man sich Bernds Erbe ansieht, einen Klub im roten Schummerlicht, Parterre und Kellerräume mit abwaschbaren Liegemöbeln, martialische Figuren in den Ecken, Hängevorrichtungen an Ketten in dunklen Nebengelassen, gynäkologische Stühle. „Willkommen in der Welt des Hedonismus“, so die Werbung.
30.11.2012
Aber sie fanden Möglichkeiten, hier und da etwas hinzuzuverdienen
Nachruf auf Annelies Baecker (Geb. 1925)
Es roch anders. Nach Bohnerwachs und Hundekuchen, nach Petroleum und Kernseife. Und es sah anders aus. Fässer standen auf dem Boden, Kisten stapelten sich in den Ecken, vieles wurde gewogen und lose verkauft. Wenig in den Seifenläden hatte bis in die sechziger Jahre hinein mit den danach aufkommenden duftenden Drogeriemärkten zu tun. 1951 übernahmen Annelies Baecker und ihr Mann Harry einen solchen Laden in der Steglitzer Südendstraße.
30.11.2012
Zu Fuß und mit dem Fahrrad war er unterwegs, mal sprang er auf Züge
Nachruf auf Karl Rasper (Geb. 1930)
Raue Schale, weicher Kern – ein Klischee. Aber Karl war wirklich so. Oft sprach er wie seine Bauarbeiter, sehr direkt und mit derbem Humor. Manchmal stieß er damit die Leute vor den Kopf. Aber wenn einer Hilfe brauchte, war er zur Stelle. Einmal kamen die Nachbarskinder mit Stöcken aus dem Wald, mit denen sie ein Baumhaus bauen wollten. „Wisst ihr, wie das geht?“, fragte Karl, holte sein Werkzeug und sägte und zimmerte mit ihnen. Er baute Traudl eine Sauna in den Keller, strich und renovierte ihr...
30.11.2012
Widersprüche nahm sie stumm hin. Sie blieb bei ihren Quellen
Nachruf auf Renate Merkel-Melis (Geb. 1937)
Wer sich mit ihr über Politik unterhalten wollte, wurde enttäuscht. Das war vor 1989 so und danach erst recht. Ihr ging es um die Wissenschaft, um jedes einzelne Wort, das Marx und Engels geschrieben hatten.
23.11.2012
Natürlich stellte er beim Applaus seine Kinder nach vorn
Nachruf auf Jochen Wittur (Geb. 1957)
Alleine sterben, das Los des Junggesellen. Offiziell hatte Jochen Wittur keine direkten Hinterbliebenen. Doch die Wucht seines unerwarteten Todes traf seine vielköpfige Wahlfamilie: den „Kinderchor Canzonetta“.
23.11.2012
Behindert oder nicht – in der Kunst gab es für sie keine Unterschiede
Nachruf auf Gerlinde Altenmüller (Geb. 1947)
Schnurgerade führt der Weg durch die Landschaft. Gerlinde geht ihn an einem Samstag einige Meter geradeaus. Sie wendet sich nach links, tritt auf die blühende Wiese, beugt sich hinab zu einer Malve, läuft weiter, bleibt wieder stehen, blickt empor zu einem über ihr kreisenden Milan, läuft weiter.
23.11.2012
Sie zieht ihn auf die Tanzfläche zum Salsa
Nachruf auf Mara Romero (Geb. 1969)
Hinter jedem Glück lauert ein Unglück, hinter jedem Unglück wartet ein Glück. Als er die Frau da sitzen sah, allein im Café, war es um ihn geschehen. Vor ihr zwei Stück Kuchen. Sein Herz gefror. Sie ist vergeben! Was hat er zu verlieren, jetzt da er alles verloren glaubt? Er spricht sie an: „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ Sie nickt, ist erfreut über Gesellschaft.
16.11.2012
Am nächsten Tag, ist sie von der Bitterkeit wieder genesen
Nachruf auf Helga Freytag (Geb. 1936)
Die Zeitungen breitet Helga auf ihrer Decke aus, in die ihr Unterleib gewickelt ist. Obdachlosenzeitungen und, nach 20 Uhr, den Tagesspiegel. Von morgens gegen elf bis abends 22 Uhr sitzt sie in ihrem Rollstuhl im Bahnhof Nollendorfplatz mit Sondergenehmigung der BVG, ein mobiler immobiler Einfraukiosk, einmalig in Berlin und wahrscheinlich auch außerhalb. Die Arbeit, sagt Helga, lasse sie ihre Krankheit vergessen, eine spastische Lähmung, von Geburt an. Ein Fluch ist diese Krankheit. Eine verdammte...
16.11.2012
Fast alle Schanghai- Emigranten reisten weiter. Er blieb
Nachruf auf Wilhelm Mann (Geb. 1916)
Das Jahr des Drachens. Ein glücksbringendes Zeichen, die Geburt des Kindes trotz des Krieges. Der patriotische Vater gab dem Sohn den Namen des deutschen Kaisers und obersten Kriegsherrn. Wilhelm verlebte eine unbeschwerte Kindheit. Der Vater war Arzt in Mannheim und erzog seine Kinder im streng naturwissenschaftlichen Geist. Religion war für Vorgestrige. „Ob da noch andere jüdische Kinder waren, weiß ich gar nicht. Wir haben immer alle zusammen Sport getrieben.“...
09.11.2012
Und es war ohne Belang, was er spielte
Nachruf auf Werner Schieke (Geb. 1934)
Stand er einfach in einem Raum, groß, schlank, mit dunklen Augen und Brille, mochte er wohl ein wenig streng erscheinen. Setzte er sich jedoch ans Klavier und begann zu spielen, löste sich das Spröde augenblicklich auf in Expression und Elan, seine Hände flogen über die Tasten oder streiften sie sacht, seine Füße wechselten von forte zu piano und zurück, seine Gesichtszüge spannten sich an und wurden weich.