Nachrufe
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28.12.2012
"Franzosen- bastard" haben die Kinder geschrien
Nachruf auf Regine Noack (Geb. 1944)
Ihr Lachen, ihre knallroten Lippen und die tiefdunklen Augen“, schreibt ein deutscher Freund nach ihrem Tod, „sa beauté physique et celle du c?ur“ – „ihre äußere Schönheit und die des Herzens“, ihre kleine französische Schwester.
28.12.2012
"Wenn ich alt bin, will ich nicht denken, ich hätte was ausgelassen!"
Nachruf auf Babette Herchenröder (Geb. 1946)
Mehr als hundert Trauergäste sind gekommen, um sich von der furchtlosen Amazone zu verabschieden, die 1993 auf ihrer Schimmelstute „Pippi Winnetou“ die Parade zum „1. Internationalen Christopher Street Day“ in Kreuzberg anführte, eine alternative politische Gegenveranstaltung zum CSD-Umzug in Schöneberg. Wie in Gold getaucht, mit Schild und Doppelaxt, eine Brust freiliegend, militanten Feminismus und „queeres“ Denken gleichermaßen verkörpernd.
21.12.2012
"Kriegen wir hin", sagt er. "Könnte schwierig werden", sagt er nie
Nachruf auf Matthias Jakel (Geb. 1990)
Wo bleibt Matthias? Vor einer halben Stunde waren sie im Büro verabredet. Jan, Matthias’ Kollege, ruft ihn auf seinem Handy an. Er geht nicht ran. „Hey Matthias, was ist los? Ich warte hier mit Trevor, meld dich mal“, spricht er ihm auf die Mailbox.
21.12.2012
Er hatte so oft in seinem Leben Heimweh empfunden, aber nie geklagt
Nachruf auf Jean-Pierre Kassi (Geb. 1971)
Jeder kennt sie: „Die unbezähmbaren Löwen“, Kameruns Fußball-Nationalmannschaft. In Italien zog sie 1990 als erstes afrikanisches Team in das Viertelfinale einer Fußball-Weltmeisterschaft ein. Ansonsten wissen wir nichts über Kamerun. Ein großes Land, aber nur 20 Millionen Einwohner; eine Vielzahl an Ethnien, 286 verschiedene Volks- und Sprachgruppen, aber nur zwei Amtssprachen, Englisch und Französisch. Große Erwartungen an die Zukunft, 42 Prozent der Bevölkerung sind unter 15 Jahre alt,...
21.12.2012
Sie als Königin. Ihre erste große Rolle – und ihre letzte
Nachruf auf Margot Stein (Geb. 1921)
Danzig im Krieg, eine junge Frau auf dem Botengang durch die Stadt. In ihrer Handtasche trägt sie geheime Dokumente der französischen Résistance. Als sie um eine Ecke biegt, steht ein SS-Mann vor ihr: Straßenkontrolle, Handtasche aufmachen. Er beugt sich über die Tasche, macht ein erstauntes Gesicht – und weicht zurück. „Fräulein, Sie müssen Ihre Tasche aufräumen“, sagt er energisch. Und entlässt sie, ohne den Inhalt genauer zu prüfen. Margot Stein erzählte öfter davon, wie sie ihr Hang zum Chaotischen...
14.12.2012
Geräteturnen ist nicht ganz ihre Sache, findet sie
Nachruf auf Karin Rohr (Geb. 1940)
Deutschland im Jahr null. Siemensstadt ist kaum zerstört, die Schornsteine der Fabriken qualmen. Kinder spielen Fußball auf einem Bolzplatz. Ein Mädchen, auf dem Weg zum Flötenunterricht, kommt vorbei und sieht, dass da nicht nur Jungen spielen. Neidisch beobachtet sie Karin Rohr, die mit den anderen um den Ball kämpft.
14.12.2012
Sie sucht weiter. Fragt sich: "Warum willst du das alles wissen?"
Nachruf auf Inge Franken (Geb. 1940)
Es ist wieder Sonntag, die Mutter ruft die Kinder zusammen und öffnet den Koffer, holt Briefe aus ihm hervor, Feldpostbriefe des Vaters aus Russland. Sie beginnt zu lesen. Mitten im Satz stockt sie. Ihre Augen flattern unruhig über die Zeilen. Sie liest weiter. Schweigt wieder. Inge stellt sich vor, der Vater sitzt 1942, kurz bevor er sterben wird, in seinem Soldatenmantel am Ende der Welt und schreibt mit halb erfrorenen Fingern über die Liebe. Nichts für Kinderohren.
14.12.2012
Bestelle immer doppelt so viel, wie du absetzen könntest
Nachruf auf Werner Castorf (Geb. 1922)
Vor 25 Jahren erreichte Werner Castorf das Rentenalter. Ein Einschnitt in seinem Leben war das nur insofern, als dass er jetzt in den Westen reisen durfte. Sonst blieb alles wie gehabt. Er verließ seine Wohnung in Prenzlauer Berg jeden Morgen gegen neun, lief zu seinem Geschäft ein paar Straßen weiter, verkaufte Jalousien und Rollos an dankbare Kunden und kehrte gegen sieben am Abend wieder heim.
07.12.2012
Er reimt sich was auf die Ungereimtheiten und bleibt ansonsten still
Nachruf auf Lothar Klünner (Geb. 1922)
Der wahre Dichter? Der hängt seine Verse nicht an die große Glocke, der schüttelt sie, bis auch noch der letzte Rest Prosa sich verflüchtigt hat. Der wahre Dichter macht nicht den Preisochsen auf den Jahrmärkten der feuilletonistischen Viehtreiber, der scharwenzelt nicht um Juroren oder ritzt sich blutig, bis die Hyänen des Betriebs ihm hinterherhecheln. Der wahre Dichter gockelt nicht angekränkelt durch die Salons der gefühligen Damen, der wahre Dichter sitzt in der Kneipe, schreibt seine Verse...
07.12.2012
Im Museum war sie lebendig
Nachruf auf Irmgard Wirth (Geb. 1915)
Der Maler Adolph Menzel, genau 100 Jahre älter als Irmgard Wirth, lebte und starb in Berlin, wie sie. Nach dem Tod seines Vaters musste er für den Unterhalt der Familie sorgen. Er war zart und klein und noch keine 20 Jahre alt, malte weiter und wurde Professor und wichtigster Vertreter des „Berliner Realismus“. Auch Irmgard Wirth hatte einen schwierigen Start und blieb der Kunst treu. Sie verlor ihren Vater kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Ihre Mutter, eine moderne Frau und gelernte Fotografin,...