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Kai Sender
Sozialarbeiter
Bremen
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Nachruf auf Ulrich Kappes (* am 29. Mai 1944)

Gott braucht nicht unbedingt ein Dach über dem Kopf. Er begnügt sich auch mit einer staubigen Straße oder dem Saum eines Sees oder einem Felsvorsprung. Für eine Gemeinde hingegen ist ein schützender Raum von Vorteil: aus meteorologischer Sicht, hinsichtlich lästigen Lärms von außen, und vor allen Dingen, wenn es darum geht, eine innere Einheit unter ihren Mitgliedern herzustellen.
Über den Köpfen in der Hoffnungskirche in Pankow spannt sich der Weltraum. Die perfekte Illusion eines umschließenden Runds: Im Innenraum des Kirchenschiffs, in Längsrichtung, erhebt sich ein Tonnengewölbe, in das von links und rechts zwei kürzere Gewölbe hineinragen. Dazu die Farben: Mondscheingelb, Rosa, Flieder, Schwarz, Königsblau. Der Ort schafft Verbundenheit.
Schuf er aber nicht immer.
Als Ulrich Kappes das Pfarramt am 1. Februar 1982 übernahm, war die Kirche eine Ruine. Vögel nisteten in Nischen, Pilz und Schimmel sprossen, die ganze, in Berlin einmalige Jugendstilpracht verrottete verborgen vor sich hin. Zwar hatte man zwischenzeitlich das Dach repariert, der Schutt jedoch schichtete sich überall, vom Turm fielen die Platten, das große Kirchenschiff war nicht benutzbar.
„Also los!“, entschied Ulrich. Ein „Also los!“ in der DDR bedeutete jedoch keineswegs, dass es gleich los ging. Speziell, wenn es sich um Handwerksarbeiten an sakralen Bauten handelte. Allein die Materialbeschaffung konnte einen verzweifeln lassen. Jede Schraube musste über staatliche Stellen angefragt werden. Und das dauerte. Für den Kirchturm war kein Gerüst zu bekommen. Die Handwerker erhielten lediglich die Genehmigung zur „Feierabendarbeit“, was bedeutete, dass sie nur samstags und sonntags auf der Baustelle erschienen. Aber neben alldem gab es einen entscheidenden Pluspunkt: Erich Honecker mochte Jugendstil. Und sei es an religiöser Stätte.
So gelangten die Bauarbeiten voran, Ulrich Kappes verhandelte mit der Stadträtin, trieb Geld auf, sprach mit Architekten und Handwerkern.
Was nicht unbedingt seiner Berufsbeschreibung entsprach. Er blieb, bei allem, Theologe und Pfarrer, der eine Gemeinde hatte, um die es sich zu kümmern galt. Das war ihm stets das Wichtigste: die Seelsorge, die Weitergabe seines Glaubens.
Er war den Menschen tatsächlich zugewandt, fertigte sie, wenn sie um Rat baten, nicht mit ein paar papiernen Bibelworten ab. Wenn jemand mit Eheproblemen kam oder sich mit seinen Kindern verkracht hatte oder auf der Arbeit ständig vom Chef angeschnauzt wurde. Er half einem verängstigten Jugendlichen, den die Stasi angeworben hatte. Er unterstützte einen anderen, der in den Jugendwerkhof sollte, weil er oft die Schule schwänzte. Er besuchte Trauernde ein Jahr nach der Beerdigung, um zu hören, wie es ihnen inzwischen ging.
Er wusste, wie sich Leid anfühlt. Wie Familienstrukturen ins Wanken geraten, auch wenn die Familie, wie in seinem Fall, äußerst fromm ist. Als er neun war, erblindete sein Vater. Was seine Mutter kaum verkraftete, eine schwache Frau, die sich auf ihren Mann gestützt hatte. Und Ulrich war kein Tobias, der mit der Hilfe des Erzengels Raphael seinen Vater wieder sehend macht. Aber er wandte sich in dieser Zeit mit seiner ganzen Kindlichkeit Gott zu.
Sein Abitur legte er in Naumburg ab, am kirchlichen Proseminar, und studierte im Anschluss Theologie an der Universität Leipzig. Nahm hin, dass er zu Beginn seines Studiums auch das Fach Marxismus-Leninismus zu belegen hatte, in dem selbstverständlich gelehrt wurde, dass die Religion das Opium des Volkes sei, um sich dann konsequent mit dem Freiheitsbegriff zu beschäftigen. Von dem auch seine Dissertation handeln sollte. Sein Doktorvater aber warnte: „Das geht nicht durch. Freiheit ist tabu.“ Dennoch blieben sie beim Thema, tauschten nur den gefährlichen Begriff durch eine lange Fachwortkette aus, so philosophisch geschult waren die verantwortlichen Genossen dann doch nicht.
An der Fakultät begegnete ihm Hannelore, sie heirateten, bekamen zwei Söhne, Ulrich übernahm sein erstes Pfarramt in Groß Leuthen in der Nähe von Lübben. Aber Hannelore fand das Leben auf dem Dorf eher verdrießlich, und Ulrich vermisste irgendwann doch die theologische Arbeit, Bibliotheken, denkerische Debatten. 1982 entschied er sich für die Stelle in Pankow.
Die Leute mochten seine Predigten. Wie er da stand, mit einem A5-Blättchen in der Hand, auf dem er einen Bibelabschnitt notiert hatte, mehr nicht, um dann frei zu reden, klar und klug.
Die 80er Jahre näherten sich ihrem Ende, Bürger begehrten auf, die Kirchen wurden in einem erweiterten Sinne zu geschützten Räumen, für kritische Menschen jeden Glaubens oder, wie häufig, keines. Ulrich war nicht ganz zufrieden mit dieser Entwicklung: Prinzipiell unterstützte er den Protest, doch die vollkommene Glaubensferne mancher Gäste war ihm suspekt. Aber so war die Zeit nun mal, sich ihr zu versperren, hätte Stillstand bedeutet.
Was auch dieses erstaunliche Konzert am 9. April 1988 betraf. Ulrich hörte ausgesprochen gern Bach. Und dann krachte plötzlich dieser Kontrapunkt in seine Kirche. Die Toten Hosen spielten auf, ein heimlicher Gig, organisiert von der Leiterin der Jungen Gemeinde. Getarnt wurde das Ganze als „Benefizkonzert für rumänische Waisenkinder“. Die Stasi bekam Wind, konnte den Auftritt jedoch nicht verhindern und schickte einen Spitzel, der dann berichtete, es habe sich um eine „kirchliche Veranstaltung mit musikalischer Untermalung“ gehandelt. Punk eben.
Nach der Wende kamen Menschen, die sich taufen oder nachkonfirmieren ließen, da ihnen vor der Wende der Mut dazu gefehlt hatte. Denn die Kirche war zu DDR-Zeiten eben auch das gewesen: ein ganz und gar nicht geschützter Raum. Ulrich gab Grundkurse in christlichem Glauben, erste Zuzügler aus dem Westen erschienen.
Mit 65 musste er in Rente gehen, das war Vorschrift. Er zog mit Hannelore, die noch einige Jahre weiterarbeitete, nach Luckenwalde. Er fühlte sich allein. Und entschied, in der Jacobikirche zu Luckenwalde wieder zu predigen, klar und klug und frei.
Ulrich Kappes starb am 11. April an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung. Tatjana Wulfert