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Kai Sender
Sozialarbeiter
Bremen
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Nachruf auf Hillert Ibbeken (* am 16. Februar 1935)

Mit zehn Jahren bekam er Klavierunterricht, denn es stand ein Flügel in der guten Stube, bei Onkel Herrmann und Tante Paula, wo die Mutter mit den fünf Kindern auf dem Dachboden untergekommen war auf ihrer Flucht vor dem Krieg, der noch im selben Jahr zu Ende ging. Auch der Vater, als Soldat noch immer im Dienst, trotz seiner schweren Verwundung vor Stalingrad, konnte sich retten, und so kam die Familie unversehrt wieder zusammen, in Schleswig war das.
Bei der Beerdigung des Onkels wurde Händels Largo gespielt, Orgel und Cello, und als Hillert das Cello hörte, war es um ihn geschehen. Frau Ritter, seinerzeit hieß es noch Fräulein, unterrichtete ihn und viele andere Untalentiertere, wofür sie im Gegenzug ein Brikett bekam oder ein Stück Torf zum Heizen, sodass sie behaglich in ihrem Lehnstuhl verweilen konnte, was sie sehr, sehr alt werden ließ. Ungeachtet dieser Unbeweglichkeit erhielt Hillert eine durchaus solide Ausbildung im Cellospiel, die ihn geradewegs ins Schulorchester brachte, was wiederum seine schulische Rettung war, denn dank der Fürsprache des Musiklehrers bestand er das Abitur, trotz seiner von strengeren Lehrern gerügten „merkwürdigen Mischung aus Intelligenz und Albernheit“. Aus dem Schulorchester führte der Weg geradewegs ins Studentenorchester, was sein Leben so anstrengungslos gesellig machte, dass er fortan nie über Einsamkeit klagen musste. Denn da Streicher, im Gegensatz zu Pianisten oder Perkussionisten, meist in der Gruppe spielen, ist der Zusammenhalt nicht selten ein inniger, wenn nicht gar amouröser. Von Zeit zu Zeit ergab sich eine Liebschaft, bis er mit Claudia schließlich die richtige fand, aber länger noch hielten die Freundschaften in den über 60 Jahren des Cello-Spielens.
Als Geologe, der er wurde, traf er viele andere Geologen, deren Wesensart nicht unbedingt eine musische war, aber das Cello führte ihn immer wieder zu Menschen von aufgeschlossenerer Art. So auch, als ihn eine Austauschprofessur nach San Francisco verschlug und er ein wenig an der vagen Freundlichkeit der Amerikaner verzweifelte. Aber die Einladung, im Uniorchester mitzuspielen, machte ihn mit einem Oboisten bekannt, der ihn wiederum einem Emigranten vorstellte, der seinerzeit vor den Deutschen geflohen waren, aber von der deutschen Musik nicht lassen wollte.
Hillert liebte sein Cello, nicht nur „seinen Klang oder seine Fähigkeit zur Sozialisation, sondern das Instrument selbst“. Seine Form, seine Machart, seine Lebendigkeit. Ein Instrument lebt auf, wenn man es spielt, und er spielte es mit schöner Regelmäßigkeit und temperierter Leidenschaft. In übermäßige Rührung verfiel er nie. Er war nicht hingerissen von seiner Virtuosität, vielmehr empfand er es als ein intellektuelles Glück, diese verlässliche Struktur der Musik wahrnehmen zu dürfen, in die sich selbst ein unwissendes Kind singend einfügen kann.
„Ich habe in fast 70 Jahren Cello“, so bekennt er in seinen Erinnerungen, „nicht eine einzige Träne geweint.“ Ergriffenheit ja, aber keine zerfließende Emotion, weder der Wehmut noch der Freude. Denn in allem, was er tat, war er sehr bedacht.
Als er seine Laufbahn als Geologe beendete, widmete er sich der thematischen Fotografie, zunächst Architektur, Schinkel, Stüler, dann Parks und Gärten der näheren Umgebung, und schließlich, der schwindenden Kraft gemäß, das auch im Haus zu arrangierende Porträt. Was er da tat, beschrieb er in seinen vielen Büchern mit ähnlicher Akribie, wie er früher Gesteinsschichten erforscht hatte. Denn das Schreiben gab ihm ein besonderes Vergnügen, aber auch hier schätzte er das Sachliche, Unaufgeregte, denn das hatte er bei Kleist gelernt: Kleine Ereignisse, anekdotisch gefasst, vermögen oft mehr auszudrücken als dickleibige Bücher. Es ist eine eigene Kunst, sich kurzzufassen. Denn die Welt ist so opulent, so reich an Wundern, und die Zeit, die wir haben, sie wahrzunehmen, ist so unglaublich kurz, gemessen am Werden und Vergehen der Meere und Landschaften. Wer sollte das besser wissen als ein Geologe?
Hillert reiste in viele Länder, Chile, Australien, Amerika, aber bevorzugt arbeitete er in Süditalien, in Kalabrien, wo er über 20 Jahre hinweg das Werden und Vergehen eines Gebirgszugs studierte. Komfort hat ihn dabei nie interessiert, sehr wohl aber die Menschen, wie sie leben und sich in die Gegebenheiten fügen. Auch das ein musikalisches Thema letztlich, wie widerstehe ich dem Wunsch, immer und überall die erste Geige zu spielen. Hillert war ein Mensch, der auf Zusammenspiel Wert legte. Er konnte gar nicht streiten. Sein beherrschtes Wesen ließ das nicht zu. Er war durch und durch dialogisch strukturiert.
Und er blieb immer gelassen, nicht zuletzt, weil er um die Grenzen seiner Talente wusste. Als Mann war er sehr hübsch anzusehen, aber auch das war ihm gleichgültig, insofern er seine große Liebe ja gefunden hatte. Auf seinen Körper achtete er, doch Sport mutete er sich nicht zu, denn beim Spazierengehen und Wandern ließ sich Aufregenderes erleben. Das Rauchen gab er früh wieder auf und investierte das so gesparte Geld buchhalterisch genau in Werkausgaben seiner geliebten Autoren.
Er tat, was für ihn gut war, und das mit resoluter Beharrlichkeit. Insbesondere das Musizieren. Als Cellist wurde er, wie er in der ihm eigenen Tonart der Untertreibung formulierte, „in einem ganz passablen Berliner Orchester geduldet“, das mit großem Erfolg öffentlich auftrat. Er spielte bis kurz vor seinem Tod bei regelmäßigen häuslichen Zusammenkünften in einem Quartett, das dann als Trio bei seiner Beerdigung eines seiner Lieblingsstücke konzertierte.
Was ihn sicherlich gerührt hätte, aber weitaus aufwühlender für ihn war etwas anderes, weil es ihm noch vor seinem Tode widerfuhr, und zwar ganz und gar unerwartet. Denn er, der doch so viel in seinem Leben gesehen und erlebt hatte, kannte etwas ganz und gar nicht: das Gefühl, sich selbst zur Gänze aufzulösen, zu zerfließen in der Musik. Doch dann, im 82. Lebensjahr, geschah das Unerhörte. Das „Artemis Quartett“ spielte in der Philharmonie. Nach der Pause gab es ein Stück von Schumann, Klavierquintett op. 44, Es-Dur. Und er, der so vieles in der Musik kannte, dachte in schläfriger Verdrossenheit: Nun gut, was soll schon kommen. - „Es hat mich umgehauen! Umgehauen! Fassungslos saß ich fast quer auf meinem Sessel, meine Koordinaten hatte ich alle verloren. Bei den ersten Tränen dachte ich noch, falls sich dergleichen überhaupt denken lässt, siehe da, was soll mir das? Aber dann, aber ja, es gehörte einfach dazu: Tränen? Tränen!“ Gregor Eisenhauer