Vielleicht war es Schwermut. Vielleicht eine unstillbare Sehnsucht
Nachruf auf Christian Lindenberg (Geb. 1965)
Ein elender Tod, irgendwo am Straßenrand. Zu schlechter Stoff, zu guter Stoff, Überdosis? Die Eltern warten noch immer auf das Obduktionsergebnis. Aber gestorben ist er sowieso schon vor Jahren. Als er sich aufgab. 20 Jahre kämpften die Eltern, 20 Jahre quälten sie sich mit der Frage: Warum packte ihren Sohn die Sucht?
Als kleines Kind bekam er Papaverin-Zäpfchen, krampflösend, ein Opiat. War es das? Kaum konnte er laufen, zupfte er im Garten Stechäpfel, hochgiftig die Pflanze. Die Neugier auf Halluzinogene schien angeboren. Er wollte mehr sehen, jeder Vorhang verbarg ein Mysterium, jede Tür führte in die Anderswelt. Sein erstes Wort war „Schlüssel“. Als kleiner Junge ist er schon auf Friedhöfe gegangen, er liebte Bäume, alles, was in den Himmel wuchs, alles, was ihn wachsen ließ. Aber er wollte mehr als alles. Seine Talente gaben ihm ja recht. Er konnte früh lesen. Zeichnen ging ihm leicht von der Hand. Er hatte ein gutes Gespür für alle Materialien. Und diesen Hang zum Dunklen.
Vielleicht war es Schwermut. Vielleicht auch nur eine unstillbare Sehnsucht. Schule: langweilig. Mit 14 setzte er sich in den Zug nach Paris und wurde von der Polizei wieder nach Hause eskortiert.
Er las Kafka, Thomas Bernhard, Nietzsche, waren sie schuld? War es die Musik, die Liebe? Mit 16 wollte er vom Hochhaus springen. Das Herz befahl es. Der Vater holte ihn runter, fuhr mit ihm nach Uppsala. Christians erster Gedanke dort: Er wollte auf den Friedhof. Wo sonst ist besser philosophieren?
Zeit und Raum sind keine starren Größen, das lehrt jeder Joint. Aber Zeit wird zum Fluch, wenn man an der Nadel hängt. Entzug zieht die Zeit. Keine Sehnsucht mehr. Nur die Sucht. Die Falltür ins Nichts. In den letzten Jahren schrieb er seine Tagebücher in Sütterlinschrift, als hausten Geister in ihm.
Das Gymnasium hat er geschmissen, und dann auf Umwegen doch das Abitur gemacht. Er war ja der Herrscher der Welt. Der sich einen Spaß daraus machte, im Haus der Eltern eine Cannabiszucht anzulegen. Er studierte Russisch und schmiss das Studium. Er wollte mit Holz arbeiten, brachte Strafgefangenen das Schreinern bei. Und war sich dann wieder zu schade für den Alltag. Er raffte sich auf, Methadon half. Fünf, sechs Jahre Normalität. Er machte die Ausbildung zum Physiotherapeuten, übte sich im Yoga und kam von der Droge weg. Er wollte wieder hin zu den Menschen. Christian brauchte immer Menschen, Menschen, die ihn brauchten.
Er verliebte sich, wurde Vater, ein Wunschkind. Es ging alles gut, bis der Suff die Wahrnehmung verzerrte. Streit, Dramen, Trennung. Er verwand es nicht. Die Liebe zur Tochter blieb, und die Tochter liebte den Vater, gab ihm immer wieder eine Chance. Saß vor den Hausaufgaben und wartete auf ihn. Stand mit den Großeltern am Bahnhof, und wartete auf ihn.
„Sie müssen ihn in der Gosse landen lassen.“ Die Besserwisserei der Therapeuten, die mit allem rechnen, nur nicht mit der Liebe der Eltern.
Er war doch ganz unten. Hat in einer Sandkuhle gelebt vier Wochen lang, zerrüttet vom Verfolgungswahn. Die Eltern nahmen ihn wieder zu sich, und er nutzte die erste Gelegenheit, sie zu beklauen. Wie lang muss man das aushalten, wie lange darf ein Kind das Leben der Eltern zerstören?
Die Sucht frisst alles auf. Alles was an Liebe da war. Die Liebe der Mutter, die Liebe des Vaters, der Schwester, der Frau, selbst die Liebe des Kindes, das seinen Vater bewundern möchte. Und dann bleibt da doch noch ein Rest. Auch wenn er in manchen Stunden vollends böse wurde. Sein Universum bestand nur noch aus schwarzen Löchern. Und Teufeln, die ihn immer wieder hineinstürzten.
Sie haben ihm Zigarettenkippen auf den Armen ausgedrückt, sie haben ihm schlechten Stoff verkauft, ihn zusammengeschlagen, ausgeraubt, und wieder mit Stoff versorgt. Dealer sind treu.
Bis zum letzten Tag haben die Eltern gehofft, dass er es schafft. Denn da sind so viele schöne Erinnerungen, vor allem an sein Lächeln, das er auch später noch zeigte, hin und wieder. Er stand auf der Leiter, auf der obersten Stufe, und holte seiner Nichte den Luftballon, der da unter der Decke hing, aber der doch höher hinauswollte, immer höher. Seine Liebe wird fehlen, denen vor allem, die ihm so viel Liebe gaben. Gregor Eisenhauer
Als kleines Kind bekam er Papaverin-Zäpfchen, krampflösend, ein Opiat. War es das? Kaum konnte er laufen, zupfte er im Garten Stechäpfel, hochgiftig die Pflanze. Die Neugier auf Halluzinogene schien angeboren. Er wollte mehr sehen, jeder Vorhang verbarg ein Mysterium, jede Tür führte in die Anderswelt. Sein erstes Wort war „Schlüssel“. Als kleiner Junge ist er schon auf Friedhöfe gegangen, er liebte Bäume, alles, was in den Himmel wuchs, alles, was ihn wachsen ließ. Aber er wollte mehr als alles. Seine Talente gaben ihm ja recht. Er konnte früh lesen. Zeichnen ging ihm leicht von der Hand. Er hatte ein gutes Gespür für alle Materialien. Und diesen Hang zum Dunklen.
Vielleicht war es Schwermut. Vielleicht auch nur eine unstillbare Sehnsucht. Schule: langweilig. Mit 14 setzte er sich in den Zug nach Paris und wurde von der Polizei wieder nach Hause eskortiert.
Er las Kafka, Thomas Bernhard, Nietzsche, waren sie schuld? War es die Musik, die Liebe? Mit 16 wollte er vom Hochhaus springen. Das Herz befahl es. Der Vater holte ihn runter, fuhr mit ihm nach Uppsala. Christians erster Gedanke dort: Er wollte auf den Friedhof. Wo sonst ist besser philosophieren?
Zeit und Raum sind keine starren Größen, das lehrt jeder Joint. Aber Zeit wird zum Fluch, wenn man an der Nadel hängt. Entzug zieht die Zeit. Keine Sehnsucht mehr. Nur die Sucht. Die Falltür ins Nichts. In den letzten Jahren schrieb er seine Tagebücher in Sütterlinschrift, als hausten Geister in ihm.
Das Gymnasium hat er geschmissen, und dann auf Umwegen doch das Abitur gemacht. Er war ja der Herrscher der Welt. Der sich einen Spaß daraus machte, im Haus der Eltern eine Cannabiszucht anzulegen. Er studierte Russisch und schmiss das Studium. Er wollte mit Holz arbeiten, brachte Strafgefangenen das Schreinern bei. Und war sich dann wieder zu schade für den Alltag. Er raffte sich auf, Methadon half. Fünf, sechs Jahre Normalität. Er machte die Ausbildung zum Physiotherapeuten, übte sich im Yoga und kam von der Droge weg. Er wollte wieder hin zu den Menschen. Christian brauchte immer Menschen, Menschen, die ihn brauchten.
Er verliebte sich, wurde Vater, ein Wunschkind. Es ging alles gut, bis der Suff die Wahrnehmung verzerrte. Streit, Dramen, Trennung. Er verwand es nicht. Die Liebe zur Tochter blieb, und die Tochter liebte den Vater, gab ihm immer wieder eine Chance. Saß vor den Hausaufgaben und wartete auf ihn. Stand mit den Großeltern am Bahnhof, und wartete auf ihn.
„Sie müssen ihn in der Gosse landen lassen.“ Die Besserwisserei der Therapeuten, die mit allem rechnen, nur nicht mit der Liebe der Eltern.
Er war doch ganz unten. Hat in einer Sandkuhle gelebt vier Wochen lang, zerrüttet vom Verfolgungswahn. Die Eltern nahmen ihn wieder zu sich, und er nutzte die erste Gelegenheit, sie zu beklauen. Wie lang muss man das aushalten, wie lange darf ein Kind das Leben der Eltern zerstören?
Die Sucht frisst alles auf. Alles was an Liebe da war. Die Liebe der Mutter, die Liebe des Vaters, der Schwester, der Frau, selbst die Liebe des Kindes, das seinen Vater bewundern möchte. Und dann bleibt da doch noch ein Rest. Auch wenn er in manchen Stunden vollends böse wurde. Sein Universum bestand nur noch aus schwarzen Löchern. Und Teufeln, die ihn immer wieder hineinstürzten.
Sie haben ihm Zigarettenkippen auf den Armen ausgedrückt, sie haben ihm schlechten Stoff verkauft, ihn zusammengeschlagen, ausgeraubt, und wieder mit Stoff versorgt. Dealer sind treu.
Bis zum letzten Tag haben die Eltern gehofft, dass er es schafft. Denn da sind so viele schöne Erinnerungen, vor allem an sein Lächeln, das er auch später noch zeigte, hin und wieder. Er stand auf der Leiter, auf der obersten Stufe, und holte seiner Nichte den Luftballon, der da unter der Decke hing, aber der doch höher hinauswollte, immer höher. Seine Liebe wird fehlen, denen vor allem, die ihm so viel Liebe gaben. Gregor Eisenhauer