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06.02.2015
Nachruf auf Denis Poncet (Geb. 1948)

"Natürlich ohne Helm! Ich will doch nicht aussehen wie ein Feldwebel!"

von Pascale Hugues übersetzt von Elisabeth Thielicke
Eine Liaison zwischen Denis Poncet und Berlin war eher unwahrscheinlich. Sein Vater war französischer Vize-Admiral, der von den Amerikanern dekoriert wurde, weil er ein deutsches U-Boot versenkt hatte.

Denis, kurz nach dem Krieg in Toulon geboren, lebt in London, Kairo, Washington, Brest und natürlich in Paris. Er studiert in North Carolina. Die USA sind seine zweite Heimat. Ein perfekt Englisch sprechender Globetrotter, der mit den Deutschen nichts am Hut hat.

Als Journalist im französischen Rundfunk und Fernsehen berichtet er über den Vietnamkrieg, den Watergate-Skandal und die Massaker in den Palästinenserlagern Sabra und Schatila. Er produziert Spielfilme und Dokumentarfilme, keiner davon handelt von den Deutschen.

Er ist ein Franzose durch und durch, Genussmensch, Komödiant, Meister der Selbstironie, ein wenig großsprecherisch, ein wenig motzig, er liebt die Frauen, das gute Essen, die Musik, das ganze Leben. Für das spröde Berlin hat er viel zu viel von Rabelais in sich.

Warum ist er dann hier gelandet? Selbstverständlich ist es die Liebe, wenn auch eine späte. Denis und Kornelia lernen sich 2007 in Paris kennen. Sie ist Deutsche und lebt in Straßburg. 2012 heiraten sie in Berlin. Auf der MS „Frohsinn“ am grünen Ufer der Spree sagen sie sich „Oui“ und „Ja“. Denis hat vorgesorgt: Aus Frankreich hat er Champagner kommen lassen. Kein Risiko mit den Deutschen – und mit Alkohol und Essen scherzt man nicht! Insofern ist die Hochzeit eine gewagte: zwischen Moët & Chandon und Currywurst.

In Berlin entdeckt Denis die Freiheit. Weit weg von den mondänen Diners und den gesellschaftlichen Verpflichtungen in Paris bewegt er sich zum ersten Mal in seinem Leben mit dem Fahrrad durch eine Stadt. Die Berliner Straßen sind breiter als die Pariser. Er trotzt dem Verkehr hemmungslos und ohne Helm: „Natürlich ohne Helm! Ich will doch nicht aussehen wie ein Feldwebel, ich doch nicht!“ In Todesangst radelt Kornelia hinterher.

Berlin erinnert Denis an das New York der siebziger Jahre: Alles ist möglich. Eine unkonventionelle Stadt, berstend voll von jungen Leuten. Im Flugzeug aus Paris kreuzt er schon an, welche Filme und welche Konzerte in der Philharmonie er besuchen will. Er beginnt Deutsch zu lernen – „aber nur, wenn meine Lehrerin eine sehr hübsche junge Dame ist, sonst kommt das nicht infrage.“ Ein mühevolles Unterfangen: beim Vokabular beschränkt er sich vorerst auf die anzüglichen Ausdrücke und die erotischen Zonen des weiblichen Körpers. Irgendwie macht er sich dennoch verständlich, schon von Weitem kann man ihn gestikulieren sehen.

Als Früchte dieses späten Interesses für Deutschland sind zwei Filme über Ikonen der deutschen Kultur in Vorbereitung: einer über Stefan Zweig im Exil, Regie Maria Schrader, der andere über Romy Schneider, mit der Schauspielerin Marie Bäumer. Und ein Dokumentarfilm über den Prozess gegen Marschall Philippe Pétain, ein dunkles Kapitel der deutsch-französischen Geschichte.

„Der Tod kriegt mich nicht“, denkt Denis noch, als er schon sehr krank ist. Er spuckt große Töne, erzählt Friedhofswitze. Bringt die Leute dazu, sich mit weinenden Augen vor Lachen zu biegen. Mitten in der Chemotherapie bestellt er kistenweise Champagner. „Den trinken wir später.“ Sein Fahrrad lässt er in einem Hinterhof in der Torstraße angeschlossen stehen. Im Frühling will er damit durch Berlin brettern.

Wenige Tage vor seinem Tod in dem zwischen Frankreich und Deutschland hin- und hergerissenen Straßburg, fragt ihn seine Frau: „Wo willst du beigesetzt werden? Im Familiengrab in Toulon?“ Große energische Gesten sagen: „Auf keinen Fall!“ – Paris? – Auch nicht. „Ich will dahingehen, wo du hingehst“, murmelt er hinter seiner Sauerstoffmaske. Und er lächelt.

Vorgestern begleiteten Denis Poncets Berliner Freunde die Urne mit seiner Asche auf den Dorotheenstädtischen Friedhof, gleich neben den Hugenotten. Dem eleganten Familiengrab, in dem seine Eltern und seine Vorfahren liegen, zog er bescheidene 90 mal 90 Zentimeter in Berlin-Mitte vor. „Wenn das unser Vater wüsste, wo er doch gegen die Deutschen gekämpft hat. Er würde sich im Grab rumdrehen“, empörte sich die Familie in Frankreich. Vize-Admiral Poncet wurde im Invalidendom militärisch geehrt. Sein Sohn ist zu Füßen einer Birke beigesetzt, gleich neben Fritz Teufel. Drum herum nur Deutsche, und was für welche! Brecht und Marcuse, Fichte, Hegel, Anna Seghers, Heinrich Mann.

„Es ist egal, ob jemand berühmt ist“, versichert das Berliner Paar, das den alten Friedhof verwaltet. Aber den Neuankömmling haben sie dann doch gegoogelt. Und bemerkt: In Frankreich ist der sehr bekannt ? ein Oscar 2002! Den hat er für seinen Dokumentarfilm „Ein Mörder nach Maß“ bekommen. Aber was soll’s, dieser Franzose hat zuletzt in der Torstraße gewohnt, mittendrin. Er war jetzt ein Berliner. Pascale Hugues

übersetzt von Elisabeth Thielicke