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Trauerfall melden
04.10.2020
Nachruf auf Andreas Klemt (* am 3. März 1960)

von Kerstin Decker
Auf dieser Seite schreiben wir über Berliner, die in jüngster Zeit verstorben sind. Die Texte der vergangenen Wochen finden Sie unter tagesspiegel.de/nachrufe.
Anregungen und Vorschläge für die Redaktion: per E-mail an nachrufe@tagesspiegel.de oder telefonisch 030 / 29021-14712 DER HIMMEL ÜBER BERLIN-KREUZBERG
AM 30. SEPTEMBER UM 15:09 Am 9. November 1988 auf dem Flug Rom - Frankfurt/Main sitzt in einer der letzten Reihen ein Mann in bedenklicher Verfassung. Er kann seine Tränen nicht zurückhalten, aber Flugangst ist es nicht. Er weint über die Schönheit der Welt, speziell über die der Berge unter ihm. Die Maschine überquert die Alpen, und dieser 9. November ist so rücksichtsvoll, das Gebirge nicht in Novembernebel einzuhüllen. Der Passagier meint den Großglockner zu erkennen und sogar das Matterhorn. Wenn er wollte, könnte er da hochklettern. Ab heute könnte er das. Ab heute kann er alles. Was für ein Gedanke! Tränen. Zum Glück ist das Flugzeug halbleer, er hat keinen Nachbarn, der ihn fragt, ob denn alles in Ordnung sei. Und wie!, müsste er antworten. Nie war die Welt so in Ordnung.
Andreas Klemt hat seinen Mauerfall um genau ein Jahr vorverlegt, auf den 9. November 1988. Die ungeheure Anspannung der letzten Wochen, der letzten Tage, der letzten Stunden fällt von ihm ab. Oder war es gar die Anspannung seines ganzen Lebens?
Zwei Träume hatte er immer wieder geträumt, seit er fast noch ein Kind war. Der eine war schön, war lustvoll, der andere erschreckte ihn manchmal sogar mitten am Tag. Im ersten hatte er große weiße Flügel, er hob ab. Er wusste im Traum, dass dies kein Traum war, denn er spürte genau die Bewegung der Schwingen. Er flog immer in die gleiche Richtung, nach Nordwesten. Jedes Mal überflog er Riesa, danach wurde die Landschaft undeutlich. Offenbar endete seine konkrete geografische Einbildungskraft an den Grenzen des Bezirks Dresden.
Der andere Traum machte ihm Angst, und wenn er begann, ihn zu träumen, wusste er jedes Mal schon, wie er endete. Er nahm Anlauf, um auf eine weiße Mauer zu springen, gar nicht hoch, höchstens 1,50 m. Er war mit einem Bein schon auf der anderen Seite, als er plötzlich Gefahr spürte. Die lähmte ihn, er konnte weder vor noch zurück, er saß mitten im Sprung auf der Mauer fest, vor ihm ein offener hellblauer, aber milchiger Himmel, es war immer derselbe. Er konnte nicht einmal den Kopf wenden, und dann war sie da: diese plötzliche Hitze im Rücken. Er wusste genau, was das war. Eine Kugel hatte ihn getroffen. An dieser Stelle wachte er meist auf.
Andreas Klemt gehört zu denen, die die DDR immer spürten. Andere vergaßen ständig, wo sie lebten, aber er konnte das nie. Die natürliche Tätigkeit eines Menschen in einem geschlossenen Land ist das Grenzenverschieben, die systematische Welterweiterung.
Vielleicht wurde der Dresdner Junge auch darum so ein guter Klavierschüler. Einerseits lag die Musik in der Familie, andererseits galt: Wer in der Musik lebt, lebt nicht gleichzeitig in der DDR. Die Musik war rettendes Ufer. Viel Bach, viel Mendelssohn. Dazu kam, etwas später, Pink Floyd. Vor allem Pink Floyd, „Shine on you crazy diamond“. Vor allem darfst du nie dein Licht verlieren.
Wer in Dresden groß wurde, der Stadt mit miserabelstem Westempfang, war auch ein gleichsam gebürtiger Antennenbauer. Unbegabtere waren auf gewöhnliche Überreichweiten angewiesen, die sich vorzugsweise bei Nieselwetter einstellen konnten. Auf die permanente Überreichweite kommt es an, bei Menschen wie bei Sendern. Und so stand er in einer kleinen Nebenstraße in Dresden Neustadt geduldig vor dem Laden der Familie Relken. Die Wartenden waren wie eine kleine Gemeinde, eine Gemeinde der Wissenden, der Welterweiterer: Sie waren Wellenreiter. Und einen echten Wellenreiter wollte er bauen, also eine UKW-Antenne mit drei Ebenen, die zusammen eine ungemeine Richtwirkung entwickeln würden.
Einmal würde ihm ein Blick auf die Dächer der Deutschen Demokratischen Republik genügen und er würde, ohne etwas anderes von den Orten gesehen zu haben, wissen, wo er war: die Art der Antennen und ihre Ausrichtung verrieten es ihm. Empfangsgeographie. Das Musikwesen und der Antennenbau kreuzten sich in seiner selbstentworfenen, von Freunden ungemein bewunderten Quadrophonie-Anlage, die es erlaubte, den Flug einer Stubenfliege durchs Wohnzimmer in aller akustischen Finesse mitzuerleben. Ein Phänomen, das, wie jeder Pink-Floyd-Hörer weiß, nicht der Zoologie, sondern unmittelbar der Musik angehört. In „Cirrus Minor“ wird die Fliege am Ende erschlagen, so weit ging Klemt nie.
Die Überreichweite brauchte er nicht nur für SFB 1, SFB 2 oder den amerikanischen AFN, sondern vor allem für France Inter. Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt, hatte Ludwig Wittgenstein gesagt. War es da nicht besser, er lernte gleich mehrere? Man wird tendenziell welt-weit, und genau das hatte er vor.
Er ging auf die „Erweiterte Oberschule Romain Rolland“, „mit verstärktem Fremdsprachenunterricht“. Russisch, Französisch und Spanisch. Kleine Klassen, Sprachkabinette. Er würde immer von seiner „hervorragenden Schulbildung“ sprechen. Und er war einer der Besten, wenn nicht der Beste.
Denn ein wenig anders war Andreas Klemt schon. Das lebensfreundliche Talent vieler Menschen, Dinge einfach halb zu machen, fehlte ihm. Eine Sprache halb lernen, halbe Musik machen, sich halb einem Menschen zuwenden: unmöglich. Viermal fuhr er ins „Franzosenlager“ nach Pirna, das hatte außer ihm wohl keiner geschafft. Es waren drei Wochen mit französischen Jungen und Mädchen, die in der DDR Ferien machten.
Die erste Liebe auf Französisch. Sie hieß Marianne. Marianne und Andreas blieben abends viel zu lange an der Elbe sitzen. Bis die Sonne wieder aufging. Schwere Bronchitis, beide. Gemeinsame Genesung, Zimmer an Zimmer im „Med-Punkt“. Sie stellten füreinander die Wecker, damit keiner die nächste Antibiotika-Einnahme verpasste. Sie alle sechs Stunden, er alle acht Stunden. Und am Ende der drei Wochen stehen fast 100 Dresdener Schüler mit ihren französischen Freunden auf dem Bahnhof von Neustadt, wartend auf die Einfahrt des Nachtzuges von Krakau mit dem unglaublichen Zielbahnhof: Paris-Est. Sollte es diese Stadt also wirklich geben? Marianne steigt ein. Der Zug fährt ganz langsam an, mitten in den noch hellen Abendhimmel hinein. Die auf dem Bahnsteig stehen, laufen mit, immer schneller und fangen sich erst im letzten Moment ab. Frankreich!
Später wird es allen scheinen, auch ihm selbst, als habe sein Beruf geradewegs vor ihm gelegen, als habe es sich um eine Art Vorsehung gehandelt. Romanistik-Studium an der Humboldt-Universität in Berlin, was denn sonst? Aber da war noch Herr Winkel, da war noch sein Klavierlehrer, die Musik und die Staatskapelle Dresden.
Klavierüben. Für andere bedeutet das verhangene Stunden, Abgetrenntsein vom Leben in frühester Jugend. Aber für ihn waren da immer wieder die Momente, die für alles entschädigten: Plötzlich ganz sicher zu fühlen, genau so, wie ich jetzt spiele, muss der Komponist es gemeint haben. Unio mystica zwischen Andreas Klemt und Felix Mendelssohn-Bartholdy, nein, zwischen Andreas Klemt, Felix Mendelssohn-Bartholdy und Herrn Winkel.
Herr Winkel war genau so, wie die Menschen sich Gott vorstellten. Er war streng, aber allwissend und allgütig. Und man konnte ihm alles anvertrauen. Für einen Jungen, der ohne seinen Vater aufwuchs, war das wichtig. Und obwohl Leo Winkel in ihm schon einen Stern am Dresdner Musikhimmel mit immerhin zwei Spitzenorchestern sah, sprach er mit ihm eines Tages über Bootsmotoren. Genauer, über einen Bootsmotor und zwei Schnorchel. Den Motor könne man wasserdicht einpacken, hinein in die Elbe zwischen Ost und West, einen Schnorchel für ihn, einen für den Motor. Nur als Anregung. Oder als Ausweg. Er sei doch noch so jung.
Nie musste Andreas Klemt mehr an Leo Winkels zwei Schnorchel denken als während seiner NVA-Zeit. Damals wusste er, dass er gehen würde. Damals wusste er auch schon, dass sein Stern am Dresdner Musikhimmel auf ewig fehlen würde. Er hatte bei Generalmusikdirektor Neuhaus probedirigiert, die „Freischütz“-Ouvertüre, und danach gewusst, dass er wohl nie gut genug ganze Opern vom Blatt spielen und dazu wahlweise die Tenor- oder Altstimme singen könnte. Aus ihm würde höchstens ein mittelmäßiger Dirigent, und er war der intime Feind jeden Mittelmaßes.
8. Mot-Schützenkompanie Stahnsdorf, schon fast unterm Funkturm von West-Berlin - von Dresden aus gesehen. Wellenreiter Klemt begrüßte ihn auf seinen Wachdiensten wie einen Freund. Noch das geringste seiner Signale hatte er aufgefangen, und plötzlich war er so nah. Wenigstens eine vertraute Seele in dieser entseelten Welt des Militärs. Und dazu der Jungmänner-Sadismus der EK's. EK's waren die Entlassungskandidaten, 3. Diensthalbjahr, die ob dieser Vorzugsstellung die Neulinge, „Pisser“ genannt, auf jede nur erdenkliche Art schikanierten. Die Offiziere duldeten die widerwärtige Selbstdisziplinierung der Truppe. Dem Pazifisten Klemt, der sich selbst als Junge nie geprügelt hatte, kam die NVA vor wie ein Spiegel der DDR. Ein Zerrspiegel zwar, aber ein Spiegel. Wenn ich hier rauskomme, dann verlasse ich nicht nur die Armee, sondern gleich das ganze Land, beschloss er.
Allerdings hatte er bereits den Studienplatz in Berlin in der Tasche, Romanistik, eine Rarität, für junge Leute mit Westverwandtschaft ohnehin unerlangbar. Die Ausbildung war hervorragend. Er verliebte sich in eine Mitstudentin und stellte bald mit Missbilligung fest, dass er gar nicht mehr ans Weggehen dachte, zumindest nicht stündlich, ja nicht einmal täglich. Studentenwohnung im Prenzlauer Berg, fast unheizbar, aber mit eigener Badewanne. Das warme Wasser kam aus einer alten tschechischen Waschmaschine.
Ist das Fliehen nicht eine, nunja, sehr unalltägliche Idee? Und ihm war so alltäglich zumute. Er gab sich Bewährung und betreute afrikanische Delegationen, war Interims-Gesellschafter eines führenden schwarzen Kommunisten, der in der Charité operiert wurde und ein wenig französische Unterhaltung nötig hatte. Er schloss das Studium als einer der besten ab, natürlich, aber er bekam „Berlinverbot“. Andere wurden Dolmetscher beim Sportbund, und er? Wozu überhaupt außerhalb Berlins perfekt französisch sprechen?
Er fand sich in Thüringen wieder, im VEB IFA Motorenwerke Nordhausen. Der VEB pflegte enge Kontakte zu Renault und PSA, Renault- und PSA-Ingenieure waren vor Ort. Leute, die nicht nur Thüringisch sprachen, waren also sehr willkommen in Nordhausen.
Nordhausen, das waren für den dableibenden Weggeher vor allem drei Dinge. Erstens. Triumph des Antennenbauers Klemt: Rai Uno-Fernsehempfang in Thüringen, wenn auch nur ganz kurz. Zweitens. Einsicht in den Widersinn der sozialistischen Produktion. Nordhausen entwickelte einen neuen Supermotor, brauchte dazu aber ein Weltniveau-Teil des VEB Schleifmaschinen Leipzig, das nur in den Westen und in die Sowjetunion exportiert werden durfte. Also fordert PSA in Frankreich das Ding an und Nordhausen kauft es von dort zum doppelten Preis zurück. Sozialismus ist, wenn dieser Unfug zum System wird. Drittens: Diesem Land ist nicht zu helfen, befand der Rai-Uno-Empfänger und stellte einen Antrag zur Aufnahme in die SED. Gewissermaßen als Ausreiseantrag. Unverdächtig werden! Reisefähig werden! Die Zwei-Schnorchel-Fluchtvariante hatte er verworfen. Und er griff mit beiden Händen nach der Übersetzer-Stelle in der Zentrale des DTSB, dem Deutschen Turn- und Sportbund. Zurück nach Berlin!
Am 16. Juni 1988 steht er mit vielen anderen am Schiffbauerdamm, Nähe Luisenstraße. Es ist eine sehr merkwürdige Versammlung, denn keiner kennt den anderen, und keiner spricht ein Wort. Pink Floyd spielen am Brandenburger Tor, auf der anderen Seite; manchmal fliegen einzelne, versprengte Töne über die Mauer, und manche landen genau hier, Schiffbauer Damm, Ecke Luisenstraße. Pink Floyd spielen „The Wall“, was sonst?
Der neue Übersetzer des DTSB weiß genau, wie dumm es ist, hier zu sein, vielleicht von einer Kamera geortet zu werden. Im Herbst wird die Reise nach Tunis sein, von der er nicht zurückkehren wird. Darf er sie gefährden, jetzt noch? Aber es ist Pink Floyd.
Am Morgen des 9. November 1988 findet der DTSB-Reiseleiter im Tuniser Hotelzimmer des Reisegruppenmitglieds Andreas Klemt einen Zettel: „Hallo Joachim, wenn Du diesen Zettel liest, werde ich schon in der Luft sein. Ich werde nicht zurückkommen.“
Und dann dieser November-Flug über die Alpen. Als er das erste Mal zurückkam in die Berge, war er schon Übersetzer bei der EU in Brüssel. Und blieb es über 30 Jahre. Er wusste, dass er am richtigen Ort war: Grenzen überwinden, er machte es auch hier. Übersetzen heißt nichts anderes. Eines Tages kam die Rundmail eines Kollegen: „Nous, prix Nobel de la paix!“ Der Friedens-Nobelpreis für die Europäische Union! Er war glücklich.
Er ging etwas früher in Rente, es war eine reine Zeitfrage, er hatte noch so viel vor im Leben. Vor allem eins: alt werden, sehr alt. Nicht mit 60 Jahren an einem Schlaganfall sterben wie sein Schwiegervater. Es war der letzte Winterferientag in den Alpen, natürlich war aus dem Dresdner Andreas Klemt längst ein guter Skiläufer geworden. Seine Tochter und er würden gleich nach Hause fahren, zurück zur Familie nach Brüssel. Nur noch einmal morgens auf die Piste. Die Grenzenlosigkeit zwischen dem Blau des Himmels und dem blendenden Weiß der Berge spüren wie damals in 10 000 Metern Höhe. Er fuhr mitten hinein. Unendlich werden! Kerstin Decker
Foto: Walter Sommer