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27.09.2020
Nachruf auf Johannes Hüttenmüller (* am 29. Oktober 1967)

von Karl Grünberg
Ein nordischer Kerl war er, etwas kühl und distanziert, die Ruhe weg, eine coole Socke. Mitten in einem Konzert, die Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt, entwischte ein kleines Kind seinen Eltern, ging nach vorn, schaute sich alles ganz genau an und zupfte ihm, dem Chordirigenten, an der Jacke. Johannes unterbrach, beugte sich runter, sprach mit dem Kind, nahm es an der Hand und brachte es den Eltern zurück. Alles kein Problem.
In anderen Momenten machte er da vorn an seinem Pult die merkwürdigsten Faxen, verzog sein Gesicht, rollte mit den Augen - alles, um die Sänger bei Laune zu halten und ihnen die Nervosität zu nehmen. Sein Zeichen für die Verbeugung: Johannes hielt sich die Nase zu, als ob er auf Tauchstation gehen wollte. „Er hatte so eine Verschmitztheit, so eine Ironie“, sagt ein Sänger, der ihn bei den Proben, den Auftritten und bei den Chorfahrten erlebt hatte, 20 Jahre lang.
Johannes kam aus Neumünster, Schleswig-Holstein, das mittlere Kind von fünf Geschwistern, die Eltern zutiefst katholisch, der Vater Architekt und Baumeister für das Bistum Osnabrück. Mit fünf bekam er Klavierunterricht, mit zwölf saß er an der Orgel, mit seinen Brüdern gab er Hauskonzerte, mit 15 begleitete er an der großen Kirchenorgel den Gottesdienst, Hände und Füße im Einsatz, volle Konzentration, im Einklang mit diesem mächtigen Instrument. Johannes liebte das, auch das Trinkgeld, das die alten Damen ihm zusteckten. Schülerbands, Konzerte, Kassettenaufnahmen, das ganze jugendliche Musikprogramm.
Johannes kämpfte um die Aufmerksamkeit der Eltern, vor allem die der Mutter. Diese musste den Tod ihres Bruders verarbeiten, ihr fehlte hier und da die Kraft, für alle da zu sein. Über Gefühle reden, eingestehen, wenn etwas nicht so gut läuft, wenn man vielleicht Hilfe braucht, das hat Johannes nicht gelernt. Die Lehrer durften die Kinder noch an den Ohren ziehen oder ihnen auf die Hand schlagen. Ein Kinderarzt rammte die Spritze zum Blutabnehmen mit Wucht in Johannes' Arm. „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“, hieß es dann. Johannes entwickelte eine regelrechte Phobie vor Ärzten. Fiel später noch plötzlich in Ohnmacht, wenn er in eine Sprechstunde musste, oder wenn er auch nur Blut sah.
Sein größerer Bruder ging im Zivildienst zu den Maltesern nach Hamburg, also machte Johannes das auch. Danach begann er sein Kirchenmusik-Studium in Berlin. Das war anspruchsvoll, man musste gut sein, um durchzukommen. Johannes war gut, er war aber auch gerne zu Hause, hörte seine alten Kinderhörspielkassetten, „Die drei Fragezeichen“, „TKKG“. Er saß auf dem Balkon, rauchte und las. Oder er lag im Bett, das aufheizbare Lammfell im Rücken, und dachte darüber nach, was das nun alles sollte, ohne Ablenkung, ohne Termine, das war lebenswichtig für ihn. Weil das Studentenleben ihm diese Ruhe ermöglichte, studierte er noch 28 Semester Musikwissenschaften hintendran, ohne Abschluss. Was auch nicht so schlimm war; er wusste ja, was er konnte.
Die St.-Konrad-Kirche in Friedenau stellte ihn als Organist für die Gottesdienste an, dort gründete er seinen ersten eigenen Chor, 1998 war das. Isabel war neu in Friedenau, besuchte den Gottesdienst, stand danach auf der Kirchentreppe, als der großgewachsene Johannes über sie stolperte und „Hoppla. Hallo!“ rief. Ein Jahr später kam ihr Sohn auf die Welt. Doch zusammen passten sie nicht. Erwartungen, die sich nicht erfüllten, Vorstellungen vom Leben, die zu unterschiedlich waren. Sie trennten sich, und es entbrannte ein Streit um das Sorgerecht. Keiner gab nach, und am Ende verloren alle auf die eine oder andere Weise, der Vater, die Mutter, der Sohn.
Johannes zog mit Franziska zusammen, nur ein paar Straßen weiter. Eine alleinstehende Mutter, ihr Sohn war so alt wie sein Sohn. Erst bildeten sie eine Art Familien-Ersatz, eine Zweckgemeinschaft. Die beiden Kinder bekamen das große Zimmer mit zwei Hochbetten drin. Dann wurden Johannes und Franziska ein Paar. Johannes kümmerte sich um die Kinder mit seiner ruhigen, geduldigen, liebevollen Art, kochte für sie, spielte mit ihnen. Die Jungs wurden wie Brüder, trotzdem war es für Johannes' Sohn nicht einfach. Der Stress beim Pendeln. Die Zerrissenheit, wenn sich die Menschen, die man am meisten liebt, am heftigsten streiten.
Nach sieben Jahren trennte sich Johannes von Franziska, die beiden blieben aber Freunde. Johannes fand eine Wohnung gegenüber der von Isabel. Für seinen Sohn war das ein Segen. Endlich hatte er seinen Vater für sich. Der nahm ihn ernst und war meistens zu Hause, mal auf dem Balkon, mal in der Küche, am Keyboard, am Schreibtisch. „Es war sehr innig, was wir hatten“, sagt der Sohn.
Aus einem Chor waren drei geworden, nicht mehr in der Kirche, sondern alle unterm Dach eines Vereins. Mit Gospel hatten sie angefangen, mit Rock und Pop machten sie weiter: Lieder von Queen, Peter Maffay, Coldplay. Johannes ließ die Sänger einzelne Teile üben, 20 Minuten lang, dann sagte er: So, Schluss jetzt, wir machen mit einem anderen Lied weiter. Erst am Ende ließ er sie die ganzen Stücke singen, dann erst hörten sie, was sie da geschaffen hatten. Wenn sie auftraten, waren die Kirchen voll, nicht nur zu Weihnachten und Ostern. Sie sangen auf Hochzeiten, Betriebsfeiern, Jubiläen. Johannes dirigierte, wenn aber etwas dem Publikum gesagt werden sollte, überließ er das gern anderen.
Das Leben war gut, nur das Geld war immer wieder knapp. Doch auch das sollte sich nun ändern: Eine Kirche stellte ihn als Kirchenmusiker an, fest und mit gutem Gehalt. Im Frühjahr sollte es losgehen. Ende März bekam er Bauchschmerzen, traute sich aber nicht zum Arzt. Eine Woche hielt er durch, bis es nicht mehr ging. Krankenwagen, Krankenhaus, Notoperation. Ein Darmdurchbruch. Es war Sonntag, als er aufwachte. Schwach, aber froh, am Leben zu sein, rief er seinen Sohn an. Am Montag bekam er einen seiner Krankenhaus-Ohnmachtsanfälle. Er lag auf dem Boden, als die Ärzte ihn fanden, und atmete nicht mehr. 30 Minuten Reanimation, Koma, Gehirnschäden, Organversagen. Anfang April starb Johannes Hüttenmüller. Karl Grünberg