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06.09.2020
Nachruf auf Eugénio José Maungue (* am 2. November 1962)

von David Ensikat
Sein Vater ist früh gestorben, er ist früh gestorben. Den größten Teil seines Lebens hat er in einem Land verbracht, in dem er mit seiner dunklen Haut auffiel, in dem er von vielen für nicht ganz voll genommen wurde. In dem es verdammt schwer war, eine Familie durchzubringen. Die härtesten Jobs, übel bezahlt. Sein Traumberuf, Lehrer: nichts draus geworden.
In der Küche hängt ein großes Foto von ihm, und da soll es bleiben, solange Dörte, seine Frau, hier wohnt: ein strahlender Mann, die Arme ausgebreitet, tanzend im Park. Genau so soll er in Erinnerung bleiben, der Berliner Mosambikaner Eugénio José Moungue, den alle Claudio nannten. Dörte erzählt von einem schweren und sehr schönen Leben. Denn Claudio hatte Glück, und er hatte Erfolg, trotz allem.
Er war noch ein Knabe, als er die Familienorganisation übernehmen musste. Bald nach dem Tod des Vaters ist auch sein älterer Bruder gestorben. Blieb nur noch er, der lesen, rechnen und Portugiesisch sprechen konnte. Seine Mutter und die drei älteren Schwestern konnten es nicht. Die Familie war aus der Hauptstadt der portugiesischen Kolonie Mosambik zurück aufs Land gezogen, wo man irgendwie überleben konnte. Weil die Schule in Maputo viel besser gewesen war als die auf dem Land, half Claudio bei der Ausbildung seiner neuen Klassenkameraden. Und wollte von nun an Lehrer werden.
Mosambik befreite sich 1975 von den Portugiesen, wurde Volksrepublik, aber die Armut blieb. Keine Rede von einem ordentlichen Schulabschluss oder gar einem Studium. Claudio lernte schustern und arbeitete in einer Firma, die Chamuças herstellte, Teigtaschen mit Fleischfüllung. Die Regierung schloss ein Abkommen mit der DDR: Junge Mosambikaner sollten dort ausgebildet werden, um nach der Rückkehr das Land aufzubauen. Die DDR brauchte billige Arbeitskräfte. Und Claudio musste nicht zum Militär! Ein halbes Jahr wurde er auf den deutschen Sozialismus vorbereitet - nicht etwa mit Deutschunterricht, sondern mit sozialistischer Lehre und militärischem Drill. Ihr seid Botschafter Mosambiks, gehorcht den Anweisungen der weißen Genossen! Gern, dachte Claudio, solange sie mich studieren lassen
Die weißen Genossen schickten die schwarzen Genossen dorthin, wo der Sozialismus sie gerade am dringendsten benötigte. 1981 benötigte der DDR-Sozialismus dringend mehr Wurst, und Claudio kam ins Fleischkombinat. Ost-Berlin war öde und grau, der Traum vom Studium - perdu. Seine revolutionäre Pflicht erfüllte Claudio trotzdem vorbildlich. 1983 erhielt er eine Urkunde als „Bester Fleischausschneider“, 1984 als „Bester Räucherer“. Sein Vertrag galt vier Jahre, 1985 hätte er zurück in die Heimat gedurft. Aber die Heimat befand sich im Bürgerkrieg, da zog er es vor, seinen Dienst in der DDR-Wurstproduktion zu verlängern und weiter einen Teil seines winzigen Lohnes nach Hause zu schicken. Er war in einem Wohnheim untergebracht, dort waren die Mosambikaner unter sich. Das war nun seine Familie. Und da Claudio von besonders einnehmendem Wesen war, mochten ihn nicht nur die Familienmitglieder, sondern auch seine Kollegen im Kombinat. Natürlich sind ihm Leute dämlich begegnet, weil er anders aussah als sie. Seine Strategie: von Anfang an auf sie zugehen, sie ansprechen und anstrahlen.
Dörte begleitete eine Freundin zu einer Feier im Mosambikanerwohnheim. Solche völkerverbindenden Maßnahmen waren nicht gerade erwünscht, verboten waren sie aber auch nicht. Es war Februar 1989, sie sah Claudio, und er sah sie und kam noch etwas offener, noch strahlender auf sie zu, als er das ohnehin so tat. Um zehn mussten alle Gäste aus dem Wohnheim raus und alle Bewohner vollzählig im Wohnheim sein, so die Regel. Über die Regel wachten aber nicht selten die Freunde von Claudio. Und bald war es ganz und gar vorbei mit der ganzen sozialistischen Regelhaftigkeit. Claudio konnte bei Dörte bleiben, und Dörte blieb oft bei Claudio - das Miteinander in seinem Wohnheim hat ihr gut gefallen. Sie fanden eine gemeinsame Wohnung; fortan trafen sich seine Freunde regelmäßig dort. Bei ihnen war immer ein großes Kommen und Gehen, bis heute.
Nach dem Ende des Krieges 1992 zogen viele ehemalige Vertragsarbeiter zurück nach Mosambik. Claudio nicht, denn er wollte mit Dörte eine Familie gründen. Auch war er lange genug im Land, um bleiben zu dürfen. Ein Anrecht, das er ohne Anwalt kaum hätte durchsetzen können.
Er machte eine Schlosserlehre, zeigte sich in allem Praktischen äußerst versiert. Mit den theoretischen Prüfungen war er aber überfordert. Er hatte ein großes Talent für Sprachen, drei beherrschte er fließend; Changana, Portugiesisch und ein ausgesprochen berlinerisches Deutsch, dazu ein bisschen Polnisch und Englisch. Doch im Schriftlichen haperte es. So blieb er ohne Abschluss, ein „Ungelernter“, der als Metallbauer alles gelernt hatte, was er auf dem Bau brauchte. Er schweißte am Potsdamer Platz, im Regierungsviertel. Er schweißte in Bonn den „Post Tower“ zusammen und in Offenburg den Turm von Herrn Burda. Er war immerzu unterwegs, billige Arbeitskraft auf Montage, und wenn Flaute herrschte, stand er ein paar Monate ohne Job da.
Sie bekamen vier Kinder. Als die klein waren und Claudio viel unterwegs, blieb für Dörte kaum Zeit, etwas dazuzuverdienen. Bei dem lächerlichen Lohn, den Claudio für seine Arbeit bekam, schrammten sie immerzu an der Sozialhilfe entlang. Aber es war alles andere als ein armes Leben, das sie führten, denn sie waren reich an Freunden. Sie wohnten in einer Zweizimmerwohnung, Claudio, Dörte, damals drei Kinder und eine ganze Weile auch noch ein Freund, der aus seiner Wohnung geflogen war. Er schlief auf der Couch im Wohnzimmer, ins Schlafzimmer passten das Babybett, ein Doppelstockbett und das Elternbett. War's schlimm und eng? Der älteste Sohn sagt: „Nö. Es war immer was los!“
Und dann hatten sie dieses Glück mit der neuen Wohnung, vier Zimmer. Die Gemeinde der Immanuelkirche in Prenzlauer Berg stellte sie ihnen zur Verfügung. Wie viele Gäste sie jetzt erst aufnehmen konnten! Und noch ein Glück, vielleicht das größte: Die Kinder kamen auf gute Schulen, und sie lernten gut. Die Mutter war da sicherlich etwas mehr hinterher als der Vater. Aber sein Beispiel zeigte es ihnen deutlicher als jede Ermahnung, dass etwas dran sein musste an dieser Lernidee. Nachdem Claudio einen Unfall auf dem Bau hatte, entschied er sich, einen neuen Anlauf zu nehmen. Wenn schon nicht Lehrer, dann wollte er Erzieher werden. Der Weg dahin war schwer genug, denn für die Erzieherausbildung brauchte er erst mal den Mittleren Schulabschluss. Mit 48 Jahren setzte er sich auf die Schulbank, neben lauter 16- und 17-Jährige, und machte eine Ausbildung zum Sozialassistenten nebst MSA. Seine Kinder halfen ihm bei den Hausaufgaben. Im selben Jahr wie seine jüngste Tochter bestand er die Prüfung.
Was ihm wirklich schwerfiel: Geld von Dörte nehmen zu müssen. Er verdiente ja kaum was in den zwei Jahren. Das wurde zwar etwas besser, als er - mit 51 - die „berufsbegleitende Ausbildung“ zum Erzieher begann. Aber jetzt war er umso mehr auf ihre Hilfe beim Lernen angewiesen. Seine Kinder konnten ihn zwar weiter beim Texteschreiben unterstützen, aber im Stoff waren sie nicht, da musste Dörte ran, die selbst Erzieherin war. Sie half gern, aber dieses Lehrer-Schüler-Verhältnis stellte die Ehe auf eine harte Probe. Was half? „Die ganzen Freunde“, sagt Dörte. „Ohne die hätten wir das nicht hinbekommen.“
Zwei Anläufe brauchte Claudio für den Abschluss, fünf Jahre. Er hatte natürlich längst in Kindergärten gearbeitet, war beliebt, machte das gern. Aber jetzt, endlich, 2018, 37 Jahre nachdem er nach Deutschland gekommen war, um etwas zu werden, hatte Claudio eine vollständige Ausbildung in einem Beruf, den er liebte, und in dem er genug Geld verdiente.
Es kam der Sommer 2020, die Coronaregeln wurden gelockert, Claudio konnte sich wieder mit all seinen Freunden im Park treffen, nach den Ferien würde er im Kindergarten eine neue Gruppe übernehmen, er freute sich drauf. Am 18. Juli, einem Samstag, tanzte er beim Grillen im Park, am Sonntag spürte er einen Schmerz in der Brust. Am 25. Juli ist er gestorben.
Dörte saß nach seinem Tod zu Hause und wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Da kamen die Freunde zu Besuch, einer nach dem anderen. Sie hängte das große Foto von Claudio in ihre Küche. So bleibt er in Erinnerung, tanzend, strahlend. Zur Beerdigung kamen 250 Menschen. Sie feierten den Mann, der sie zusammengebracht hatte, sie sangen Lieder auf Changane, auf Portugiesisch, auf Deutsch.
Claudios Sohn, Leocádio, macht eine IT-Ausbildung. Die Tochter Ema hat Philosophie und Volkswirtschaft studiert. Cotasse studiert Geografie, Naima macht ihren Master in Afrikawissenschaften. David Ensikat