Nachruf auf Herbert Hildebrandt (* am 1. Juli 1935)
Die wohl schwerste Entscheidung seines Lebens traf er im Alter von neun Jahren. Ende Januar 1945 hatte die Rote Armee Königsberg fast ganz umschlossen, jetzt saßen die Königsberger in der Falle, auch die Familie des Pfarrers Helmut Hildebrandt von der Ponarther Kirche. Fliehen, jetzt noch, oder tapfer auf das Ende warten? Über Fragen wie diese können, dürfen nur Männer entscheiden. Aber der Pfarrer war an der Front. Also blickte seine Frau auf ihren Sohn Herbert, das älteste der fünf Kinder, als sei er das Mundstück Gottes. Seinem Ratschluss würde sie folgen. Der Neunjährige spürte das Schicksal der ganzen Familie auf seinen schmalen Jungenschultern. Er konnte die Last der Entscheidung nur mit einem teilen: mit dem Herrn selber. Und er sprach, mit seiner festesten Stimme: Wir gehen!
Die Mutter, fünf Kinder und ein blinder Organist zogen durch die eisige Januarkälte des Jahres 1945. Sie hatten eine einzige Hoffnung, die „Wilhelm Gustloff“ in Gotenhafen. Das Schiff würde sie retten. Wenn sie es nur noch erreichten, wenn sie rechtzeitig in Gotenhafen wären. Helfende Hände griffen nach Herberts kleinem Bruder Jörg und hoben das Kind an Bord. Sie hatten es geschafft. Dankte der Neunjährige seinem Gott, wohlwissend, dass er diese Rettung unmöglich allein vollbracht haben konnte? Doch unmittelbar vor ihnen war Schluss, die „Wilhelm Gustloff“ legte ab. Im letzten Augenblick packten die Glücklicheren den kleinen Bruder, expedierten ihn zurück in die Arme seiner Mutter. Es war der 30. Januar 1945. - Wie konnte Gott das zulassen? Fast schon gerettet und doch zurückgewiesen im letzten Augenblick. Oder sollte man richtiger sagen: Zurückgewiesen im letzten Augenblick und doch fast schon gerettet? Die „Wilhelm Gustloff“ sank am Abend desselben Tages mit mehr als 10 000 Menschen an Bord, getroffen von drei sowjetischen Torpedos. Die wenigsten konnten gerettet werden. Dies, nicht der Untergang der „Titanic“, war das größte Schiffsunglück der Menschheitsgeschichte.
Wie sollte das Bewusstsein eines Neunjährigen das begreifen? Durfte er noch immer singen „Nun danket alle Gott!“, diese Ergebungs- und Huldigungslieder, die seine Kindheit durchklangen?
Fast zehn Jahre später, Berlin. Herbert Hildebrandts Vater, der einstige Pfarrer der Ponarther Kirche von Königsberg predigte nun auf nicht minder verlorenem Posten, nämlich direkt auf der Sektorengrenze an der Bernauer Straße. Dort stand die Versöhnungskirche. Irgendwann hatte sein Sohn Herbert ihm erklärt, dass er den Schulbesuch einstellen müsse, er könne nur in Noten leben und werde in Halle Kirchenmusik studieren. Der Vater protestierte, vergeblich. Zurück aus Halle, wurde Herbert Hildebrandt Organist und Kantor an der Kirche seines Vaters. Ihre Lage schien beiden überaus passend für ein Gotteshaus. Ist der Mensch nicht selbst ein Grenzfall, ein Wesen zwischen Himmel und Hölle, alle Möglichkeiten des Höchsten und des Niedersten in sich tragend? Kein Zweifel, die Versöhnungskirche stand - symbolisch - genau richtig.
Doch am 13. August 1961 ergab sich eine schwerwiegende irdische Komplikation: Die Kirche war nicht länger zugänglich, sie stand im Todesstreifen. Metaphysisch obdachlos war der 26-jährige Kantor und Organist Herbert Hildebrandt noch nie; aber jäh getrennt von seiner Orgel, seiner Kirche, fühlte er doch etwas Vergleichbares. Wie wohl auch die West-Berliner Organistin des Berliner Domes. Ein Stück Weltpolitik aus Beton stand plötzlich zwischen ihr und ihrem Instrument. Und das war nicht alles. Auch der „Staats- und Domchor“ befand sich im Westteil der Stadt, der Dom aber im Osten. Hildebrandt erklärte sich umgehend für zuständig. Für Orgel und Chor.
Er war kein Auftrittsmensch, niemand, der gern vor anderen stand statt unter ihnen. Doch darauf konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen. Er rief alle verwaisten Choristen im Osten der Stadt zusammen, und da sangen sie, nur wenige Wochen nach dem Mauerbau, ein merkwürdig kontrafaktisches, die Situation verkennendes Stück: „Nun danket alle Gott!“ Aber welche Mauer teilt einen Bach-Choral? Es war der 16. Oktober 1961 im Jugendraum des weitgehend zerstörten Domes. Und es war der Anfang einer einzigartigen Institution, der „Berliner Domkantorei“.
40 Jahre lang würde Herbert Hildebrandt sie leiten. Die Imperative dieser Tätigkeit ließen sich vielleicht so formulieren: Wir singen nicht für uns, und schon gar nicht, weil wir so schöne Stimmen haben. Wir singen nicht für den Beifall oder dass man uns bewundere! Wir singen nicht einmal fürs Publikum. In Kirchen gibt es kein Publikum. Wir singen mit Hilfe des Heiligen Geistes direkt in Gottes Ohr. Und der wiederum hört ausschließlich durch die Ohren derer, die unser Gesang ergreift. Das ist eine komplizierte und höchst anspruchsvolle Akustik.
Und die schuf sich ihren Mann. Natürlich war der Domchor ein Chor von lauter Laien, aber dieser Umstand verlieh ihnen noch lange kein Recht, wie Laien zu singen. Zumindest nicht in den Augen, nein, Ohren Hildebrandts. Jeder Chorleiter ist eine Art Wiedergänger Gottes, er teilt mit ihm sogar dessen Attribute. Er ist allwissend, schließlich hatte Hildebrandt die Partituren meist selbst abgeschrieben, niemand kannte sie besser. Er ist allmächtig, er duldete keine anderen Götter neben der Musik, zumindest nicht während der Chorprobe. „Schauen Sie doch nur einmal zu mir, liebe Soprane! Das macht mich nicht verlegen, ich bin beruflich hier.“ Seine Blicke konnten strafen, seine Worte auch: „Wenn Sie diesen Ton nicht ansummen können, gehen Sie in den Alt oder in den Malzirkel.“ Doch diese Strenge, diese Allmacht täuschten nicht über die Allgüte des Chorleiters. Konnte sich jemand mehr freuen als er über einen richtig getroffenen und gehaltenen Ton?
Herbert Hildebrandt verdiente gerade in den Anfangsjahren fast kein Geld, aber das störte ihn nicht: Ich brauche doch fast nichts!, sagte er. Seine Frau seufzte. Anfangs wurden immerhin noch Eintrittskarten für die Konzerte verkauft, aber als Hildebrandt 1967 eigene Telemann-Tage der Domkantorei veranstaltete, sah der Staat sein Gedenkmonopol grob und vorsätzlich missachtet. Was glaubte dieser obskurantische Kirchenchor wohl, wer er ist? Künftig durfte er keine Plakatwerbung mehr machen und musste ausschließlich für Almosen singen.
Herbert Hildebrandts Frau war Ärztin und ertrug die DDR nur schwer, die sie als Gefängnis empfand, aber mit ihrem Mann konnte sie über diese Dinge kaum vernünftig sprechen. Er lebte nicht in der DDR, er lebte in der Musik. Und wie heißt es doch bei Bach: „Durch Dein Gefängnis, Gottes Sohn, muss uns die Freiheit kommen.“
Man sollte niemandem immer die gleichen Lieder vorsingen. Auch darum versuchte Herbert Hildebrandt stets, den Herrn zu überraschen. Tagelang saß er in der Staatsbibiothek und kopierte per Hand seltene Noten, in kalligraphischer Genauigkeit. Er trieb ausgedehnte Studien zum Genfer Psalter, den er gerade wegen seiner Einfachheit liebte. Bach liebte er mehr wegen seiner Kompliziertheit. Aber ausrechenbar war er nie: „Hier auf Erden ist das Schönste Bach. Aber im Himmel spielen sie Mozart!“, lautete eine seiner Gewissheiten.
Die Domkantorei unter Herbert Hildebrandt: Für viele wurde sie zu dem Ort, an dem sie den tieferen Grund ihrer Anwesenheit auf Erden begriffen. In manchen Augenblicken, gerade beim Singen, schien ihnen das Dasein plötzlich gerechtfertigt. Ein Chor als Heimat. Und das änderte sich auch nicht, als die Wende kam.
Noch in den 80er Jahren hatte die DDR die Versöhnungskirche im Mauerstreifen sprengen lassen. Aber jetzt! Anbruch des Reiches der Freiheit? Für Hildebrandt war es mehr ein Gestaltwandel der Gottesferne. Und er musste nun immer öfter auf eine seiner besten Chorsängerinnen verzichten. Sein Bruder Jörg Hildebrandt und dessen Frau Regine hatten von Anfang an mitgesungen, aber was sollte die Brandenburgische Arbeits- und Sozialministerin bei Terminabsprachen sagen: „Da kann ich nicht, da habe ich Chorprobe“ ?
Nachdem Herbert Hildebrandt die Leitung der Domkantorei abgab, spielte er in kleineren Kirchen Orgel und leitete Chöre. Zuletzt am dritten Advent des vorigen Jahres in der Dorfkirche von Ihlow, Brandenburg. Freunde erlebten die wohlvertraute Verwandlung eines sehr zurückhaltenden Menschen in eine vulkanische Existenzform. Seine Prostata-Operation lag kaum zwei Wochen zurück, wahrscheinlich hatte er ihr überhaupt nur um der Musik willen zugestimmt. Damit die Orgeln ihren Organisten nicht verlören, und die Chöre nicht ihren Leiter.
Doch es kam anders. Sänger der Domkantorei umstanden ein Bett auf der Intensivstation des Krankenhauses Marzahn. Es war ein Schlaganfall. Wahrscheinlich kam dem medizinischen Personal das Liedgut etwas deplatziert vor, sie sangen: „Ich lag in tiefster Todesnacht“ von Paul Gerhardt. Sie wussten, er würde es noch hören, irgendwie, und es würde ihn trösten. Die Musik ist die Kunst der Tröstung schlechthin, vielleicht ist sie nichts anderes.
Über die Einrichtung des Himmels weiß man noch immer sehr wenig, nur eins gilt allen Sachverständigen als zweifelsfrei: Er ist die Heimat aller Chöre. Kerstin Decker
Die Mutter, fünf Kinder und ein blinder Organist zogen durch die eisige Januarkälte des Jahres 1945. Sie hatten eine einzige Hoffnung, die „Wilhelm Gustloff“ in Gotenhafen. Das Schiff würde sie retten. Wenn sie es nur noch erreichten, wenn sie rechtzeitig in Gotenhafen wären. Helfende Hände griffen nach Herberts kleinem Bruder Jörg und hoben das Kind an Bord. Sie hatten es geschafft. Dankte der Neunjährige seinem Gott, wohlwissend, dass er diese Rettung unmöglich allein vollbracht haben konnte? Doch unmittelbar vor ihnen war Schluss, die „Wilhelm Gustloff“ legte ab. Im letzten Augenblick packten die Glücklicheren den kleinen Bruder, expedierten ihn zurück in die Arme seiner Mutter. Es war der 30. Januar 1945. - Wie konnte Gott das zulassen? Fast schon gerettet und doch zurückgewiesen im letzten Augenblick. Oder sollte man richtiger sagen: Zurückgewiesen im letzten Augenblick und doch fast schon gerettet? Die „Wilhelm Gustloff“ sank am Abend desselben Tages mit mehr als 10 000 Menschen an Bord, getroffen von drei sowjetischen Torpedos. Die wenigsten konnten gerettet werden. Dies, nicht der Untergang der „Titanic“, war das größte Schiffsunglück der Menschheitsgeschichte.
Wie sollte das Bewusstsein eines Neunjährigen das begreifen? Durfte er noch immer singen „Nun danket alle Gott!“, diese Ergebungs- und Huldigungslieder, die seine Kindheit durchklangen?
Fast zehn Jahre später, Berlin. Herbert Hildebrandts Vater, der einstige Pfarrer der Ponarther Kirche von Königsberg predigte nun auf nicht minder verlorenem Posten, nämlich direkt auf der Sektorengrenze an der Bernauer Straße. Dort stand die Versöhnungskirche. Irgendwann hatte sein Sohn Herbert ihm erklärt, dass er den Schulbesuch einstellen müsse, er könne nur in Noten leben und werde in Halle Kirchenmusik studieren. Der Vater protestierte, vergeblich. Zurück aus Halle, wurde Herbert Hildebrandt Organist und Kantor an der Kirche seines Vaters. Ihre Lage schien beiden überaus passend für ein Gotteshaus. Ist der Mensch nicht selbst ein Grenzfall, ein Wesen zwischen Himmel und Hölle, alle Möglichkeiten des Höchsten und des Niedersten in sich tragend? Kein Zweifel, die Versöhnungskirche stand - symbolisch - genau richtig.
Doch am 13. August 1961 ergab sich eine schwerwiegende irdische Komplikation: Die Kirche war nicht länger zugänglich, sie stand im Todesstreifen. Metaphysisch obdachlos war der 26-jährige Kantor und Organist Herbert Hildebrandt noch nie; aber jäh getrennt von seiner Orgel, seiner Kirche, fühlte er doch etwas Vergleichbares. Wie wohl auch die West-Berliner Organistin des Berliner Domes. Ein Stück Weltpolitik aus Beton stand plötzlich zwischen ihr und ihrem Instrument. Und das war nicht alles. Auch der „Staats- und Domchor“ befand sich im Westteil der Stadt, der Dom aber im Osten. Hildebrandt erklärte sich umgehend für zuständig. Für Orgel und Chor.
Er war kein Auftrittsmensch, niemand, der gern vor anderen stand statt unter ihnen. Doch darauf konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen. Er rief alle verwaisten Choristen im Osten der Stadt zusammen, und da sangen sie, nur wenige Wochen nach dem Mauerbau, ein merkwürdig kontrafaktisches, die Situation verkennendes Stück: „Nun danket alle Gott!“ Aber welche Mauer teilt einen Bach-Choral? Es war der 16. Oktober 1961 im Jugendraum des weitgehend zerstörten Domes. Und es war der Anfang einer einzigartigen Institution, der „Berliner Domkantorei“.
40 Jahre lang würde Herbert Hildebrandt sie leiten. Die Imperative dieser Tätigkeit ließen sich vielleicht so formulieren: Wir singen nicht für uns, und schon gar nicht, weil wir so schöne Stimmen haben. Wir singen nicht für den Beifall oder dass man uns bewundere! Wir singen nicht einmal fürs Publikum. In Kirchen gibt es kein Publikum. Wir singen mit Hilfe des Heiligen Geistes direkt in Gottes Ohr. Und der wiederum hört ausschließlich durch die Ohren derer, die unser Gesang ergreift. Das ist eine komplizierte und höchst anspruchsvolle Akustik.
Und die schuf sich ihren Mann. Natürlich war der Domchor ein Chor von lauter Laien, aber dieser Umstand verlieh ihnen noch lange kein Recht, wie Laien zu singen. Zumindest nicht in den Augen, nein, Ohren Hildebrandts. Jeder Chorleiter ist eine Art Wiedergänger Gottes, er teilt mit ihm sogar dessen Attribute. Er ist allwissend, schließlich hatte Hildebrandt die Partituren meist selbst abgeschrieben, niemand kannte sie besser. Er ist allmächtig, er duldete keine anderen Götter neben der Musik, zumindest nicht während der Chorprobe. „Schauen Sie doch nur einmal zu mir, liebe Soprane! Das macht mich nicht verlegen, ich bin beruflich hier.“ Seine Blicke konnten strafen, seine Worte auch: „Wenn Sie diesen Ton nicht ansummen können, gehen Sie in den Alt oder in den Malzirkel.“ Doch diese Strenge, diese Allmacht täuschten nicht über die Allgüte des Chorleiters. Konnte sich jemand mehr freuen als er über einen richtig getroffenen und gehaltenen Ton?
Herbert Hildebrandt verdiente gerade in den Anfangsjahren fast kein Geld, aber das störte ihn nicht: Ich brauche doch fast nichts!, sagte er. Seine Frau seufzte. Anfangs wurden immerhin noch Eintrittskarten für die Konzerte verkauft, aber als Hildebrandt 1967 eigene Telemann-Tage der Domkantorei veranstaltete, sah der Staat sein Gedenkmonopol grob und vorsätzlich missachtet. Was glaubte dieser obskurantische Kirchenchor wohl, wer er ist? Künftig durfte er keine Plakatwerbung mehr machen und musste ausschließlich für Almosen singen.
Herbert Hildebrandts Frau war Ärztin und ertrug die DDR nur schwer, die sie als Gefängnis empfand, aber mit ihrem Mann konnte sie über diese Dinge kaum vernünftig sprechen. Er lebte nicht in der DDR, er lebte in der Musik. Und wie heißt es doch bei Bach: „Durch Dein Gefängnis, Gottes Sohn, muss uns die Freiheit kommen.“
Man sollte niemandem immer die gleichen Lieder vorsingen. Auch darum versuchte Herbert Hildebrandt stets, den Herrn zu überraschen. Tagelang saß er in der Staatsbibiothek und kopierte per Hand seltene Noten, in kalligraphischer Genauigkeit. Er trieb ausgedehnte Studien zum Genfer Psalter, den er gerade wegen seiner Einfachheit liebte. Bach liebte er mehr wegen seiner Kompliziertheit. Aber ausrechenbar war er nie: „Hier auf Erden ist das Schönste Bach. Aber im Himmel spielen sie Mozart!“, lautete eine seiner Gewissheiten.
Die Domkantorei unter Herbert Hildebrandt: Für viele wurde sie zu dem Ort, an dem sie den tieferen Grund ihrer Anwesenheit auf Erden begriffen. In manchen Augenblicken, gerade beim Singen, schien ihnen das Dasein plötzlich gerechtfertigt. Ein Chor als Heimat. Und das änderte sich auch nicht, als die Wende kam.
Noch in den 80er Jahren hatte die DDR die Versöhnungskirche im Mauerstreifen sprengen lassen. Aber jetzt! Anbruch des Reiches der Freiheit? Für Hildebrandt war es mehr ein Gestaltwandel der Gottesferne. Und er musste nun immer öfter auf eine seiner besten Chorsängerinnen verzichten. Sein Bruder Jörg Hildebrandt und dessen Frau Regine hatten von Anfang an mitgesungen, aber was sollte die Brandenburgische Arbeits- und Sozialministerin bei Terminabsprachen sagen: „Da kann ich nicht, da habe ich Chorprobe“ ?
Nachdem Herbert Hildebrandt die Leitung der Domkantorei abgab, spielte er in kleineren Kirchen Orgel und leitete Chöre. Zuletzt am dritten Advent des vorigen Jahres in der Dorfkirche von Ihlow, Brandenburg. Freunde erlebten die wohlvertraute Verwandlung eines sehr zurückhaltenden Menschen in eine vulkanische Existenzform. Seine Prostata-Operation lag kaum zwei Wochen zurück, wahrscheinlich hatte er ihr überhaupt nur um der Musik willen zugestimmt. Damit die Orgeln ihren Organisten nicht verlören, und die Chöre nicht ihren Leiter.
Doch es kam anders. Sänger der Domkantorei umstanden ein Bett auf der Intensivstation des Krankenhauses Marzahn. Es war ein Schlaganfall. Wahrscheinlich kam dem medizinischen Personal das Liedgut etwas deplatziert vor, sie sangen: „Ich lag in tiefster Todesnacht“ von Paul Gerhardt. Sie wussten, er würde es noch hören, irgendwie, und es würde ihn trösten. Die Musik ist die Kunst der Tröstung schlechthin, vielleicht ist sie nichts anderes.
Über die Einrichtung des Himmels weiß man noch immer sehr wenig, nur eins gilt allen Sachverständigen als zweifelsfrei: Er ist die Heimat aller Chöre. Kerstin Decker