Nachruf auf Waltraute Fischer (* am 9. Februar 1928)
Die unmögliche Verwandte aus dem Westen: Wenn Waltraute zu Familienfeiern in Thüringen erschien, konnte es bunt werden, nicht nur weil sie ausgesprochen bunt gekleidet war. Sie benahm sich auch speziell. Mal sonderte sie sich ab und war ganz still, und alle fragten sich, was denn nun wieder sei, mal zettelte sie Debatten über die Ungerechtigkeit der Welt an, allerdings auf eine eher ungerichtete Art, zuweilen auch etwas ungehalten. Ihre sehr viel jüngere Cousine war womöglich die Einzige, der sie nicht peinlich war. Das Kind fand sie interessant. Nicht so erwachsen wie die anderen Erwachsenen.
Die anderen Erwachsenen hatten eine Ahnung, warum Waltraute so merkwürdig war, aber das waren alte Geschichten, über die sprach man nicht. Zu helfen war ihr ohnehin nicht. War ja irgendwann in den Westen rüber.
Sie kam aus Greiz, die Tochter eines standhaften Kommunisten. Der war schon beim Matrosenaufstand 1918 dabei gewesen, dann Mitglied der KPD und Abgeordneter im Thüringer Landtag. Allerdings nahm er die Sache mit dem Kommunismus so ernst, dass sie ihn aus der Partei warfen. Waltraute hingegen war anfangs noch sehr lieb. Bekam sogar in Religion eine Eins. Mit den Jahren jedoch übertrugen sich Eigensinn und Widerstandsgeist des Vaters auf sie. Sie erlebte, wie die Nazis ihn festnahmen, wie er wieder freikam und sich durchschlug. Er überlebte den Kriegsdienst, Waltrautes Bruder fiel.
Auch nach dem Krieg waren die politischen Verhältnisse nicht geeignet, einen wie diesen Vater ruhig- zustellen. Er gründete einen kleinen Kunstbuchverlag und wurde enteignet. Am 17. Juni 1953 beteiligte er sich am Volksaufstand. Gemeinsam mit Waltraute. Die war 25, hatte in Ost-Berlin Kunstgeschichte studiert und in West-Berlin eine Schauspielausbildung absolviert. Nun ging sie mit dem Vater auf die Straße, um gegen die Diktatur zu protestieren, die sich artgerecht verhielt und die Proteste niederschlug. Der Vater kam davon, vorerst, Waltraute kam in den „Roten Ochsen“. So nannten sie den Knast in Halle.
Wegen Spionageverdachts, ein üblicher Vorwurf gegen Missliebige, neun Jahre Zuchthaus. Nach drei Jahren kam sie frei. Ihr Vater war ein Jahr nach ihr abgewandert; von seinen 15 Jahren saß er acht ab. Er hatte sich in der Hoffnung, seiner Tochter helfen zu können, mit der Stasi eingelassen. Da wog sein Ungehorsam umso schwerer.
Waltraute versuchte, in Berlin, Ost wie West, eine Stelle zu bekommen, Schauspiel, Kunstgeschichte, etwas, das sie interessierte. Sie fand nichts, kehrte nach Greiz zurück und arbeitete als Briefträgerin. In den Westen wollte sie erst, als die Mauer schon stand. Sie hatte einen Mann kennen- gelernt, der dann auch im Knast saß und in den Westen entlassen wurde. Dem wollte sie nun hinterher. Die Flucht misslang, Waltraute kam wieder vor Gericht, wieder lautete das Urteil: neun Jahre.
Auch die musste sie nicht ganz absitzen, doch man kann sich vorstellen, dass die Zeit im Gefängnis, zumal zum zweiten Mal, nicht spurlos blieb. Waltraute wurde freigekauft, doch der Mann, dem sie hinterherzog, war inzwischen mit einer anderen verheiratet.
Wie eine Flucht vor den Widrigkeiten der Welt wirkt nun ihre Zuwendung zu ihrem alten Studienthema, der Kunstgeschichte. Über „Rundfenster romanischer Kirchen in Frankreich“ wollte sie ihre Doktorarbeit schreiben. Und nicht nur im Geist reiste sie weit weg. Sie begab sich auf eine lange Exkursion nach Frankreich. Bequem war das nicht, denn sie hatte kaum Geld, aber es war, so sagte sie später, die schönste Zeit in ihrem Leben. So weit weg von allem.
Was sie dann wieder in Berlin tat, ob es noch einen Menschen gab, dem sie nah war, wovon sie lebte, über all das ist nicht viel bekannt. Ihre Dissertation jedenfalls hat sie nie zu Ende gebracht. Sie fertigte Batikarbeiten an und konnte einige davon verkaufen. Außerdem hat sie für den Tagesspiegel über Kunstausstellungen geschrieben.
Zwei Menschen sind es, die noch einiges über sie erzählen können. Einer, der sie um das Jahr 2000 herum kennenlernte, als sie ihn auf ihrem täglichen Weg zur Bibliothek um Hilfe bat. Sie konnte nicht mehr gut gehen und sehen, tastete sich, auf die Krücke gestützt, voran und sprach Menschen auf der Straße an. Die merkwürdig gekleidete, ältere Frau erregte erst sein Mitleid, dann sein Interesse. Er lud sie hin und wieder zum Kaffee ein, da erzählte sie ihm von ihrem Leben, mehr aber noch von ihren Interessen. Kleists Penthesilea fühlte sie sich nah. Als Schauspielschülerin, ein halbes Jahrhundert zuvor, war sie die Amazone, die zu tief empfindet, als dass sie den alten Gesetzen gehorchen könnte, und die daran zerbricht. Was sie jeden Tag in der Bibliothek tat? Sie las, so erzählte sie, die „Phainomena“ des Aratos, ein über 2000 Jahre altes, langes Lehrgedicht über den Sternenhimmel. Das war womöglich tröstlicher als das aktuelle, irdische Geschehen.
Ihre Cousine, die sie vor vielen Jahren in Thüringen als sonderbare Westverwandte erlebt hatte, sah sie erst im Pflegeheim wieder. Sie berichtet über eine Frau, die Kleist und Rilke rezitierte. „Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?“ Und die erzählte, wie sie sich früher engagierte und erregte. Auch wenn sie da schon schlecht zu Fuß war, ging sie auf Demonstrationen gegen den Irakkrieg. Im Foyer der Bibliothek rief sie einsam und laut: „Nieder mit dem Krieg!“ Unter den Besuchern, die das hörten, waren mutmaßlich wenig Kriegstreiber, entsprechend verständnislos die Reaktion. Angestellte baten sie, sich zu mäßigen, sie reagierte umso empörter. Derlei wiederholte sich, Waltraute wurde der Zutritt zu verschiedenen Bibliotheken untersagt.
Ins Pflegeheim war sie gekommen, nachdem der Vermieter ihre Wohnung hatte räumen lassen. Auf seine Mahnschreiben hatte sie nicht reagiert. Ihre Cousine besuchte sie jetzt regelmäßig. Sie sagt: „Wenn meine Mutter wüsste, dass ich mit der unmöglichen Waltraute noch so viel tun hatte, würde sie das nicht verstehen.“
Umso mehr mochte sie die alte Dame, die so wenig Damenhaftes an sich hatte. Sie ahnte, warum Waltraute war, wie sie war. Vermeintlich störrisch, weltfremd, irre. Und eigentlich empfindsam, sehnsüchtig und so unmöglich, wie man eben ist, wenn man ein so unwahrscheinliches, aber durchaus mögliches Leben hinter sich gebracht hat. David Ensikat
Die anderen Erwachsenen hatten eine Ahnung, warum Waltraute so merkwürdig war, aber das waren alte Geschichten, über die sprach man nicht. Zu helfen war ihr ohnehin nicht. War ja irgendwann in den Westen rüber.
Sie kam aus Greiz, die Tochter eines standhaften Kommunisten. Der war schon beim Matrosenaufstand 1918 dabei gewesen, dann Mitglied der KPD und Abgeordneter im Thüringer Landtag. Allerdings nahm er die Sache mit dem Kommunismus so ernst, dass sie ihn aus der Partei warfen. Waltraute hingegen war anfangs noch sehr lieb. Bekam sogar in Religion eine Eins. Mit den Jahren jedoch übertrugen sich Eigensinn und Widerstandsgeist des Vaters auf sie. Sie erlebte, wie die Nazis ihn festnahmen, wie er wieder freikam und sich durchschlug. Er überlebte den Kriegsdienst, Waltrautes Bruder fiel.
Auch nach dem Krieg waren die politischen Verhältnisse nicht geeignet, einen wie diesen Vater ruhig- zustellen. Er gründete einen kleinen Kunstbuchverlag und wurde enteignet. Am 17. Juni 1953 beteiligte er sich am Volksaufstand. Gemeinsam mit Waltraute. Die war 25, hatte in Ost-Berlin Kunstgeschichte studiert und in West-Berlin eine Schauspielausbildung absolviert. Nun ging sie mit dem Vater auf die Straße, um gegen die Diktatur zu protestieren, die sich artgerecht verhielt und die Proteste niederschlug. Der Vater kam davon, vorerst, Waltraute kam in den „Roten Ochsen“. So nannten sie den Knast in Halle.
Wegen Spionageverdachts, ein üblicher Vorwurf gegen Missliebige, neun Jahre Zuchthaus. Nach drei Jahren kam sie frei. Ihr Vater war ein Jahr nach ihr abgewandert; von seinen 15 Jahren saß er acht ab. Er hatte sich in der Hoffnung, seiner Tochter helfen zu können, mit der Stasi eingelassen. Da wog sein Ungehorsam umso schwerer.
Waltraute versuchte, in Berlin, Ost wie West, eine Stelle zu bekommen, Schauspiel, Kunstgeschichte, etwas, das sie interessierte. Sie fand nichts, kehrte nach Greiz zurück und arbeitete als Briefträgerin. In den Westen wollte sie erst, als die Mauer schon stand. Sie hatte einen Mann kennen- gelernt, der dann auch im Knast saß und in den Westen entlassen wurde. Dem wollte sie nun hinterher. Die Flucht misslang, Waltraute kam wieder vor Gericht, wieder lautete das Urteil: neun Jahre.
Auch die musste sie nicht ganz absitzen, doch man kann sich vorstellen, dass die Zeit im Gefängnis, zumal zum zweiten Mal, nicht spurlos blieb. Waltraute wurde freigekauft, doch der Mann, dem sie hinterherzog, war inzwischen mit einer anderen verheiratet.
Wie eine Flucht vor den Widrigkeiten der Welt wirkt nun ihre Zuwendung zu ihrem alten Studienthema, der Kunstgeschichte. Über „Rundfenster romanischer Kirchen in Frankreich“ wollte sie ihre Doktorarbeit schreiben. Und nicht nur im Geist reiste sie weit weg. Sie begab sich auf eine lange Exkursion nach Frankreich. Bequem war das nicht, denn sie hatte kaum Geld, aber es war, so sagte sie später, die schönste Zeit in ihrem Leben. So weit weg von allem.
Was sie dann wieder in Berlin tat, ob es noch einen Menschen gab, dem sie nah war, wovon sie lebte, über all das ist nicht viel bekannt. Ihre Dissertation jedenfalls hat sie nie zu Ende gebracht. Sie fertigte Batikarbeiten an und konnte einige davon verkaufen. Außerdem hat sie für den Tagesspiegel über Kunstausstellungen geschrieben.
Zwei Menschen sind es, die noch einiges über sie erzählen können. Einer, der sie um das Jahr 2000 herum kennenlernte, als sie ihn auf ihrem täglichen Weg zur Bibliothek um Hilfe bat. Sie konnte nicht mehr gut gehen und sehen, tastete sich, auf die Krücke gestützt, voran und sprach Menschen auf der Straße an. Die merkwürdig gekleidete, ältere Frau erregte erst sein Mitleid, dann sein Interesse. Er lud sie hin und wieder zum Kaffee ein, da erzählte sie ihm von ihrem Leben, mehr aber noch von ihren Interessen. Kleists Penthesilea fühlte sie sich nah. Als Schauspielschülerin, ein halbes Jahrhundert zuvor, war sie die Amazone, die zu tief empfindet, als dass sie den alten Gesetzen gehorchen könnte, und die daran zerbricht. Was sie jeden Tag in der Bibliothek tat? Sie las, so erzählte sie, die „Phainomena“ des Aratos, ein über 2000 Jahre altes, langes Lehrgedicht über den Sternenhimmel. Das war womöglich tröstlicher als das aktuelle, irdische Geschehen.
Ihre Cousine, die sie vor vielen Jahren in Thüringen als sonderbare Westverwandte erlebt hatte, sah sie erst im Pflegeheim wieder. Sie berichtet über eine Frau, die Kleist und Rilke rezitierte. „Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?“ Und die erzählte, wie sie sich früher engagierte und erregte. Auch wenn sie da schon schlecht zu Fuß war, ging sie auf Demonstrationen gegen den Irakkrieg. Im Foyer der Bibliothek rief sie einsam und laut: „Nieder mit dem Krieg!“ Unter den Besuchern, die das hörten, waren mutmaßlich wenig Kriegstreiber, entsprechend verständnislos die Reaktion. Angestellte baten sie, sich zu mäßigen, sie reagierte umso empörter. Derlei wiederholte sich, Waltraute wurde der Zutritt zu verschiedenen Bibliotheken untersagt.
Ins Pflegeheim war sie gekommen, nachdem der Vermieter ihre Wohnung hatte räumen lassen. Auf seine Mahnschreiben hatte sie nicht reagiert. Ihre Cousine besuchte sie jetzt regelmäßig. Sie sagt: „Wenn meine Mutter wüsste, dass ich mit der unmöglichen Waltraute noch so viel tun hatte, würde sie das nicht verstehen.“
Umso mehr mochte sie die alte Dame, die so wenig Damenhaftes an sich hatte. Sie ahnte, warum Waltraute war, wie sie war. Vermeintlich störrisch, weltfremd, irre. Und eigentlich empfindsam, sehnsüchtig und so unmöglich, wie man eben ist, wenn man ein so unwahrscheinliches, aber durchaus mögliches Leben hinter sich gebracht hat. David Ensikat