Nachruf auf Elisabeth Umierski-Zahn (* 20. November 1954)
Nein, Elisabeth hatte keine schöne Kindheit. „Wir sind ehrliche, einfache Leute, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben“, sagten ihre Eltern. Die Mutter Dienstmagd, der Vater Kraftfahrer und Elektriker. In Rotenburg bauten sie sich ein Haus, damals, als ganz Deutschland wieder aufgebaut wurde. Nicht, dass es an etwas gefehlt hätte: Essen, Kleidung, Bildung, alles da. Elisabeth war die Erste aus der Familie, die von der Volksschule aufs Gymnasium wechselte und später studierte. „Was man im Kopf hat, kann einem keiner wegnehmen“, sagte die Mutter. Und wachte gemeinsam mit dem Vater misstrauisch darüber, dass Elisabeth sich auf gar keinen Fall für etwas Besseres hielt.
Nur Liebe gab es nicht. „Kinder soll man sehen, hören darf man sie aber nicht“, pflegte ihre Mutter zu sagen. Und so fühlte sich Elisabeth als Störfaktor. Einmal rannte sie mit dem Kopf gegen die Wand, bis sie blutete, um die Aufmerksamkeit ihrer Mutter zu bekommen. Auf dieses oder jenes „stand zu Hause die Todesstrafe“, erzählte Elisabeth später ihrem Mann. Es mussten erst ein paar Jahre Beziehung vergehen, bis sie sich ihm anvertraute.
Im Kirchenchor, in der Schule, bei der Freundin wurde sie ernstgenommen und geschätzt. Der Kantor war auch ihr Musiklehrer und merkte schnell, dass Elisabeth etwas konnte. Dass sie es mit der Musik ernst meinte. Sie übte und übte die Choräle der Johannespassion und des Weihnachtsoratoriums, auch als sie noch gar keine Noten konnte. Die brachte ihr der Kantor in den zusätzlichen Klavierstunden bei. In der Schule sog sie die Sprachen auf. Englisch, Französisch, Italienisch lernte sie akzentfrei. Später, als sie zu Konzerten nach Japan engagiert wurde, lernte sie wie nebenbei noch Japanisch. Auf der Straße und über die Musik konnte sie sich verständigen.
Vielleicht muss das Urteil vom Anfang ergänzt werden. Zu Hause hatte Elisabeth keine schöne Kindheit. Sie schaffte es aber, das Harte, Verschlossene auch dort zu lassen. Außerhalb des Elternhauses lebte und lachte sie, war witzig und frech zu den Lehrern, war selbstbewusst und nahm ihr Leben selbst in die Hand. Eine Schulfreundin erinnert sich, wie Elisabeth ihr noch mitten in der Stunde heimlich ihre Klassenarbeiten korrigierte.
Elisabeth wollte Grundschullehrerin werden, studierte, doch es gab in Niedersachsen keine freie Stelle für sie. Also ging sie nach Hamburg, studierte Gesang, machte das, was sie durch die Kindheit getragen hatte. „Sie war keine Träumerin“, sagt ihr Mann. „Sie war professionell. Ihr Beruf war knallhart. Kannst du es oder kannst du es nicht? Bist du bereit, immer dein Bestes zu geben oder nicht?“ Elisabeth konnte es und wollte es.
Sie lernte, sie ließ sich formen, sang in Kirchenchören und mit Orchestern und entdeckte nach einiger Quälerei ihre Stimmlage: Alt. Und ihr Mann entdeckte sie. Er saß an der Orgel, sie sang, eine schlanke, sportliche Frau in ihrem alten Trenchcoat, den Gürtel elegant geknotet, am Revers den Button „Atomkraft, nein danke.“ Sie gefielen sich, obwohl sie so gegensätzlich waren. Er konnte nicht so gut mit Leuten. Sie mochte Menschen. Er wusste oft nicht so recht, wie er sich verhalten sollte. Sie beherrschte die Palette des gesellschaftlichen Miteinanders. Vom Small Talk mit den Künstlerkollegen bis zur Schulter für die Freundin, die sich ausweinen musste. Sie entdeckten beim jeweils anderen dieselben Bücher im Regal, Adorno zum Beispiel. „Und irgendwie sind wir beieinander geblieben, und es war gut.“ Ihr Mann begleitete sie bei ihrem Prüfungskonzert auf dem Klavier.
1980 kam ihre Tochter auf die Welt, Ute. Sie wurde geliebt. Für sie wollte Elisabeth ihre Karriere aufgeben. Doch ihr Mann ließ das nicht durchgehen. „Als Hausfrau wäre sie versauert.“
Berlin-Neukölln, da verschlug es sie 1985 hin, er hatte eine Festanstellung als Kantor gefunden. Sie suchte die Wohnung aus, die mit der kleinen Kammer unter dem Dach, hier konnte sie singen, ohne dass es jemanden störte. Es war eine gute Zeit. Die Schüler strömten herbei und waren bereit, gutes Geld für die Gesangsstunden zu bezahlen. Ein Trompeter zum Beispiel, der immer Angst vor den Auftritten hatte und seine Lippen nicht entspannen konnte. Oder der Kollege in einer Stimmkrise, von der niemand erfahren durfte.
Opernhäuser in ganz Deutschland engagierten sie. Dann packte sie ihre Sachen, nahm sich vor Ort ein Zimmer und probte, lernte, mal sechs Wochen, mal zwei Monate. So lange war sie weg. Und auch sonst war es nicht immer einfach. „Schade, dass wir uns viel zu oft im Rechthaben geübt haben. Meistens hatte ja auch sie recht und nicht ich“, sagt der Mann.
In den letzten Jahren wurden die Aufträge weniger, und die Gagen wurden kleiner. Elisabeth wollte sich auch nicht mehr für alles hergeben. Der Regisseur, der seine Sexfantasien auf der Bühne ausleben wollte, und die Einzige, die widersprach und nicht mitmachte, war Elisabeth. Oder junge Regisseure, die sich für Götter hielten und die Schauspieler und Sänger hin und her kommandierten. Auch als Gesangslehrerin wurde es schwieriger, die Schüler blieben aus oder fragten als Erstes nach einem Rabatt.
Also hörte sie auf. Und versorgte Flüchtlinge auf dem Oranienplatz mit Essen. Brachte einem Postangestellten, der überfallen worden war, ein Netz mit Mandarinen vorbei. Aber gerade als sie und ihr Mann anfingen, ihre gemeinsame Zeit zu genießen, fing es an, dass sie die Wörter vergaß. Dann vergaß sie, wo sie war, was sie machen wollte, sie wurde urplötzlich ärgerlich oder traurig. Elisabeth hatte eine seltene, schnell verlaufende Form der Demenz. In wenigen Jahren wurde aus der lebendigen, frohen Frau eine unsichere, völlig andere. Ihr Mann und ihre Freunde begleiteten sie, pflegten sie, hielten es aus. „Ich hoffe, dass sie gemerkt hat, dass ich mir mit ihr Mühe gegeben habe“, sagt ihr Mann. Karl Grünberg
Nur Liebe gab es nicht. „Kinder soll man sehen, hören darf man sie aber nicht“, pflegte ihre Mutter zu sagen. Und so fühlte sich Elisabeth als Störfaktor. Einmal rannte sie mit dem Kopf gegen die Wand, bis sie blutete, um die Aufmerksamkeit ihrer Mutter zu bekommen. Auf dieses oder jenes „stand zu Hause die Todesstrafe“, erzählte Elisabeth später ihrem Mann. Es mussten erst ein paar Jahre Beziehung vergehen, bis sie sich ihm anvertraute.
Im Kirchenchor, in der Schule, bei der Freundin wurde sie ernstgenommen und geschätzt. Der Kantor war auch ihr Musiklehrer und merkte schnell, dass Elisabeth etwas konnte. Dass sie es mit der Musik ernst meinte. Sie übte und übte die Choräle der Johannespassion und des Weihnachtsoratoriums, auch als sie noch gar keine Noten konnte. Die brachte ihr der Kantor in den zusätzlichen Klavierstunden bei. In der Schule sog sie die Sprachen auf. Englisch, Französisch, Italienisch lernte sie akzentfrei. Später, als sie zu Konzerten nach Japan engagiert wurde, lernte sie wie nebenbei noch Japanisch. Auf der Straße und über die Musik konnte sie sich verständigen.
Vielleicht muss das Urteil vom Anfang ergänzt werden. Zu Hause hatte Elisabeth keine schöne Kindheit. Sie schaffte es aber, das Harte, Verschlossene auch dort zu lassen. Außerhalb des Elternhauses lebte und lachte sie, war witzig und frech zu den Lehrern, war selbstbewusst und nahm ihr Leben selbst in die Hand. Eine Schulfreundin erinnert sich, wie Elisabeth ihr noch mitten in der Stunde heimlich ihre Klassenarbeiten korrigierte.
Elisabeth wollte Grundschullehrerin werden, studierte, doch es gab in Niedersachsen keine freie Stelle für sie. Also ging sie nach Hamburg, studierte Gesang, machte das, was sie durch die Kindheit getragen hatte. „Sie war keine Träumerin“, sagt ihr Mann. „Sie war professionell. Ihr Beruf war knallhart. Kannst du es oder kannst du es nicht? Bist du bereit, immer dein Bestes zu geben oder nicht?“ Elisabeth konnte es und wollte es.
Sie lernte, sie ließ sich formen, sang in Kirchenchören und mit Orchestern und entdeckte nach einiger Quälerei ihre Stimmlage: Alt. Und ihr Mann entdeckte sie. Er saß an der Orgel, sie sang, eine schlanke, sportliche Frau in ihrem alten Trenchcoat, den Gürtel elegant geknotet, am Revers den Button „Atomkraft, nein danke.“ Sie gefielen sich, obwohl sie so gegensätzlich waren. Er konnte nicht so gut mit Leuten. Sie mochte Menschen. Er wusste oft nicht so recht, wie er sich verhalten sollte. Sie beherrschte die Palette des gesellschaftlichen Miteinanders. Vom Small Talk mit den Künstlerkollegen bis zur Schulter für die Freundin, die sich ausweinen musste. Sie entdeckten beim jeweils anderen dieselben Bücher im Regal, Adorno zum Beispiel. „Und irgendwie sind wir beieinander geblieben, und es war gut.“ Ihr Mann begleitete sie bei ihrem Prüfungskonzert auf dem Klavier.
1980 kam ihre Tochter auf die Welt, Ute. Sie wurde geliebt. Für sie wollte Elisabeth ihre Karriere aufgeben. Doch ihr Mann ließ das nicht durchgehen. „Als Hausfrau wäre sie versauert.“
Berlin-Neukölln, da verschlug es sie 1985 hin, er hatte eine Festanstellung als Kantor gefunden. Sie suchte die Wohnung aus, die mit der kleinen Kammer unter dem Dach, hier konnte sie singen, ohne dass es jemanden störte. Es war eine gute Zeit. Die Schüler strömten herbei und waren bereit, gutes Geld für die Gesangsstunden zu bezahlen. Ein Trompeter zum Beispiel, der immer Angst vor den Auftritten hatte und seine Lippen nicht entspannen konnte. Oder der Kollege in einer Stimmkrise, von der niemand erfahren durfte.
Opernhäuser in ganz Deutschland engagierten sie. Dann packte sie ihre Sachen, nahm sich vor Ort ein Zimmer und probte, lernte, mal sechs Wochen, mal zwei Monate. So lange war sie weg. Und auch sonst war es nicht immer einfach. „Schade, dass wir uns viel zu oft im Rechthaben geübt haben. Meistens hatte ja auch sie recht und nicht ich“, sagt der Mann.
In den letzten Jahren wurden die Aufträge weniger, und die Gagen wurden kleiner. Elisabeth wollte sich auch nicht mehr für alles hergeben. Der Regisseur, der seine Sexfantasien auf der Bühne ausleben wollte, und die Einzige, die widersprach und nicht mitmachte, war Elisabeth. Oder junge Regisseure, die sich für Götter hielten und die Schauspieler und Sänger hin und her kommandierten. Auch als Gesangslehrerin wurde es schwieriger, die Schüler blieben aus oder fragten als Erstes nach einem Rabatt.
Also hörte sie auf. Und versorgte Flüchtlinge auf dem Oranienplatz mit Essen. Brachte einem Postangestellten, der überfallen worden war, ein Netz mit Mandarinen vorbei. Aber gerade als sie und ihr Mann anfingen, ihre gemeinsame Zeit zu genießen, fing es an, dass sie die Wörter vergaß. Dann vergaß sie, wo sie war, was sie machen wollte, sie wurde urplötzlich ärgerlich oder traurig. Elisabeth hatte eine seltene, schnell verlaufende Form der Demenz. In wenigen Jahren wurde aus der lebendigen, frohen Frau eine unsichere, völlig andere. Ihr Mann und ihre Freunde begleiteten sie, pflegten sie, hielten es aus. „Ich hoffe, dass sie gemerkt hat, dass ich mir mit ihr Mühe gegeben habe“, sagt ihr Mann. Karl Grünberg