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11.08.2017
Nachruf auf Irmgard Neven (Geb. 1952)

Viele schäkerten und fragten sie lauter unnötige Sachen

von Karl Grünberg
Da stand sie, die Schönheit des Viertels, groß und schlank. Eine, die den Raum ausfüllte mit ihrer puren Anwesenheit, mit ihrer rauchig klingenden, verführerischen Stimme. Doch ausführen, gar verführen ließ sich die 19-Jährige nicht, auf gar keinen Fall. Kein Kino, keine Kahnfahrt, kein Knutschen. Heute Abend aber war Irmi unterwegs und wollte feiern, hatte sich schick gemacht, ihre vom Lehrgeld bezahlten Courage-Stiefel und den Faltenrock angezogen. Ganz leicht bewegte sie sich auf der Tanzfläche.
Zwölf Jahre lang war alles gut gewesen. Im Hof parkten die drei Schuttlaster des Vaters. Das Diensttelefon stand im Wohnzimmer, zum Mittagessen waren alle da, so wuchsen Irmgard und ihre jüngere Schwester auf. Lernten, was Arbeit bedeutet und dass man mit Fleiß weiterkam. Oft nahm der Vater sie mit zu den Baustellen. Nachmittags tobten Irmgard und die Schwester durch die Straßen, spielten Fangen mit den Jungs. Und immer war Irmgard die Anführerin. Das war ihre Bedingung.
Zwölf war sie, als ihr Vater zwei Herzinfarkte hatte. Plötzlich saß das Vorbild im Bademantel auf dem Sofa, verzweifelt. Das Geld war nun knapp, Schinken ein Luxus und neue Turnschuhe einfach nicht drin. Aufbegehren, rebellieren, Unsinn machen - alles unmöglich. Jede Aufregung hätte den Vater in Lebensgefahr gebracht. 50 Pfennig Taschengeld bekam Irmgard, die sparte sie, bis sie ihrem Vater eine Armbanduhr kaufen konnte.
Sie suchte sich den Lehrberuf aus, bei dem es das meiste Geld gab: Industriekauffrau. So saß sie in einer Klasse voller Jungs, die sie verstohlen anstarrten. Auch im Betrieb kamen viele der jungen Arbeiter in ihr Büro, schäkerten und fragten sie lauter unnötige Sachen. Zum Mittagessen fuhr sie nach Hause, mit ihrem Geld half sie der Familie. Nur manchmal leistete sie sich etwas Schönes zum Anziehen, ein Tweed-Ensemble etwa. „Sich selber was kaufen zu können, vom eigenen Geld, das ist das Schönste“, sagte sie später zu ihrer Tochter.
Die Party, sie in Courage-Stiefeln und Faltenrock. Alle Jungs hielten Abstand, nur einer nicht, Peter. Schmächtig, wilde Locken auf dem Kopf, rotes T-Shirt. Was sie trinken wolle? Was sie mache? Welche Musik sie höre? Sogar, ob sie katholisch sei, fragte er sie. Als wollte er sie gleich auf der Tanzfläche heiraten. Er war auch witzig, konnte Prominente nachmachen, Dialekte sprechen. Erst brachte er sie zum Lachen, dann durfte er ihr was zum Trinken anbieten. Am Ende des Abends verabredeten sie sich. Peter war keine Gefahr für sie, keiner der ihre Unabhängigkeit infrage stellte. Eher war sie es, die ihn mit gezielten Schubsen durch Abitur und Studium brachte. Sortierte Freund und Feind für ihn, zog im Hintergrund die Fäden.
Sie fragte ihn, ob er sie auch noch lieben würde, wenn sie nur noch ein Bein hätte. Er sagte: Ja. Dann, als ihr Vater starb, ging er mit rauf, stand an ihrer Seite. Sie waren ein Paar, sie heirateten, sie blieben zusammen, ein Leben lang.
Von Duisburg ging es nach Köln und dann nach Berlin, immer seinem Job nach. Und immer fand sie eine neue Arbeit, koordinierte, hielt die Fäden zusammen, die Softwarefirma, die Ingenieursgesellschaft, die Werbefirma. Was fehlte, was einfach nicht klappen wollte: eigene Kinder. Als sie sich auf ein Leben zu zweit eingerichtet hatten, das schicke Auto und die Eigentumswohnung, rief das Jugendamt an. Sie hatten vor vier Jahren die Adoptionsanfrage gestellt, nun sei es so weit. Ein Säugling, gerade geboren, müsse jetzt aus dem Krankenhaus abgeholt werden. 1986 kam Lisa in ihr Leben.
Irmgard wollte, dass ihre Tochter stark und unabhängig wird, so wie sie. Klar beschützte sie sie - auf ihre Art. „Wenn Sie wollen, dass ihr Kind mal auf die Schaukel kann, klären Sie das bitte mit meiner Tochter“, sagte sie zur anderen Mutter auf dem Spielplatz. Als Lisa sie fragte: „Wie war es, als ich aus deinem Bauch kam?“, antwortete sie: „Du kamst nicht aus meinem Bauch.“ Geheimnisse gab es nicht.
Plötzlich dieses Zittern im Kopf, Kopfschmerzen. 61 war sie da. Ein Jahr später sollte ein MRT Gewissheit bringen. Als Deutschland Fußballweltmeister wurde, wartete sie mit ihrem Mann auf das Ergebnis. „Wenn es gut geht, haben sie zwei Jahre. Dafür müssen wir sofort operieren, danach Bestrahlung“, sagte der Arzt.
Irgendetwas oder irgendjemand, das Schicksal oder eine höhere Kraft, die sie „Allmighty“ nannte, hatte entschieden, dass es mit ihr zu Ende gehen sollte. Das war nun so, daran ließ sich nichts ändern. Es war in Ordnung. Für Peter war gar nichts in Ordnung, er weinte und konnte gar nicht mehr aufhören. „Du, Peter, reiß dich zusammen. Ich will das hier aufrecht zu Ende bringen, aber dafür brauche ich deine Unterstützung.“
Prioritäten verschoben sich. Sie trafen eine Übereinkunft: Wenn sie begannen, die wertvolle Zeit zu verschwenden, etwa über die Spülmaschine zu streiten, sagte einer: „Pumuckl“, das Codewort fürs Innehalten.
16 Monate ging es gut. Urlaube, schöne Abende. Und sie erklärte ihm, wie er die Banksachen zu regeln hatte, wie die Spül- und Waschmaschine zu bedienen waren. Als er darüber nachdachte, ihr einfach zu folgen, erinnerte sie ihn an seine Verantwortung, für sich, die Tochter, den Enkel.
Gegangen ist sie, als Peter auch loslassen konnte. Er hatte sie ein letztes Mal in den Arm genommen, geküsst und gesagt: „Ich bin bereit, du darfst weiterziehen.“
Ihre Asche streuten sie in Spanien in der Nähe von Cadiz ins Meer. Das wollte sie so. Nicht eingezwängt in einem Grab. Am Meer hatte sie sich frei gefühlt. So sollte es bleiben. Karl Grünberg